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48/2007 - „Chefvisite wie Prozessionen“
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Ungelesen , 12:24
Der Arzt Klaus Bolzano sieht im Neid eine Grundursache für viele Krankheiten.
Von Regine Bogensberger

Die Furche: Herr Bolzano, Sie sind Internist und setzen sich nun auch mit ethischen und theologischen Fragen in der Medizin auseinander. Warum befassen Sie sich mit dem Neid?
Klaus Bolzano: Ich habe mich mit meinen Medizinstudenten zusammengesetzt, um mit ihnen gemeinsam nachzudenken, was den vordergründig sichtbaren Krankheiten zugrunde liegen könnte. Ich fragte mich, ob es ein grundlegendes Fehlverhalten gibt, welches die meisten Menschen betrifft und den ganzen Menschen krank machen kann. In diesem Zusammenhang setzte ich mich mit dem französischen Literaturwissenschaftler René Girard und mit seiner Theorie der Mimesis auseinander: ein Begehren des Menschen, das erst dann entsteht, wenn ein anderer ein Objekt haben will.

Die Furche: Hat Neid nicht auch irgendwie in der Menschheitsgeschichte seinen Sinn?
Bolzano: Diese Denkform endet im Wahn und hat keinen Sinn. Das ist auch der Sinn meines Buches: wenn sich jemand nur mehr an anderen orientiert, verliert er sein Selbst. Darauf hat auch der Psychoanalytiker Arno Gruen hingewiesen, dass ein Kind sein Selbst nicht entwickeln kann, wenn es sich den Eltern unterwerfen muss, dann sucht dieses sein Heil bei anderen. Jedes Objekt der Begierde erzeugt Enttäuschung, sobald es erreicht wurde, also sucht man nach Objekten, vor denen immer größere Hindernisse stehen. So sucht man das immer Mächtigere. So entstehen Kreise der Macht.

Die Furche: Wie kann man dem entrinnen?
Bolzano: Nur wenn ich mich von jemandem geliebt fühle, so erkenne ich mich selbst als liebenswert und beginne mich langsam immer mehr wieder zu lieben und als solcher neu zu werden, wie ein Neugeborenes zu wachsen und mich zu entwickeln. Auch für jene, die jegliche Spiritualität ablehnen, gilt, dass die Liebe sie überzeugen kann.

Die Furche: Haben Sie dadurch den Neid überwunden?
Bolzano: Man klebt so drinnen in diesen Sachen. Am besten ist, man kann auch über sich selbst lachen und mit Geduld immer wieder neu anfangen, sich zu ändern.

Die Furche: Wie kann Ihr Buch Ärzten helfen?
Bolzano: Ich arbeite gerade an einem neuen Buch zu diesem Thema. Für Ärzte kommt es darauf an, sich nicht in die Rolle des Machers zwängen zu lassen, dann laufen sie Gefahr, beim Patienten falsche Hoffnungen zu wecken und möglicherweise als Sündenböcke verfolgt zu werden, was immer wieder passiert. Es ist ganz wichtig, dass die Ärzte auf die andere Seite einer Krankheit schauen. Das geht meist nur, wenn man als Arzt selber einmal schwer krank war, wie auch ich. Dieses Klischee von den „Göttern in Weiß“ hat etwas Wahres: Denken Sie an die Chefvisiten, die erinnern an Fronleichnamprozessionen. All das müsste weg.


DIE NEIDGESELLSCHAFT
Von Klaus Bolzano
Goldegg Verlag, Wien 2007
151 Seiten, geb., € 19,90

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