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48/2007 - Der Neid – Gift und Lebenselixier
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Ungelesen , 12:21
Österreich ist eine sich selbst zerfleischende „Neidgesellschaft“ – so ein oft geäußerter Vorwurf. Keine Sorge: Das stimmt nur zum Teil, und wir können auch gar nichts dafür.
Von Regine Bogensberger

Es hätte eigentlich ein Buch für Mediziner werden sollen, tatsächlich wurde es eines über die „Neidgesellschaft“. Zehn Jahre lang setzte sich der Salzburger Internist Klaus Bolzano mit dem Thema Neid auseinander. Woher dieses Bohren in den Tiefen der Seele? „Mir ist es immer auf die Nerven gegangen, dass wir Ärzte zu perfekten Mechanikern ausbilden, aber das, was bei Krankheiten dahintersteckt, bleibt allzu oft verborgen“, erklärt der 71-jährige Arzt und Universitätsdozent. Darum grübelte Bolzano zusammen mit Studenten in seiner Vorlesung „philosophische und theologische Grundlagen der Medizin“ über die grundlegendsten Triebfedern menschlichen Handelns und stieß dabei auf den Neid, der – je nach Ausprägung – das eigene Ich langsam auffrisst; der Mensch wird zunehmend fremdbestimmt, kreist doch alles nur mehr um das angeblich Bessere, das der andere besitzt.

Das erste Neidopfer: Abel
Bolzano fand für sich einen spirituell-religiösen Weg, um aus der Neidfalle rauszukommen. Gelingt es denn? Es bleibe ein ständiges Bemühen, so die Einsicht des Mediziners (siehe Interview unten). Neid frisst, heißt es im Volksmund, es ist auf lange Sicht ein selbstzerstörerisches Gefühl, das den Blick nur mehr auf andere lenkt. Seit der biblischen Erzählung von Kain und Abel ist der Neid das Urgewürz fiktiver und realer Tragödien. Aber leben wir angesichts des Überflusses an Konsum und der Überrepräsentanz schöner reicher Menschen in Film und Medien heute in einer „Neidgesellschaft“? Mit dem Begriff kann der Soziologe Sighard Neckel nichts anfangen. „Das ist ein politischer Kampfbegriff, um die Kritik des politischen Gegners zu diskreditieren.“ Dass aber die moderne Gesellschaft Neidgefühle verstärken kann, dieser Aussage stimmt Neckel von der Universität Wien zu. „Es gibt viel mehr Möglichkeiten des sozialen Vergleiches – man denke an die zahlreichen Wettbewerbe“, sagt der Experte für die Soziologie von Emotionen. Wesentlich für die Entstehung von Neid sei allerdings die große Ähnlichkeit einer Gruppe. Idealer Nährboden für Neid ist daher das Klassenzimmer, der Arbeitsplatz, das Familienleben mit mehreren Kindern. Große soziale und materielle Unterschiede lösten eher Bewunderung für Stars, Royals und Superreiche aus, aber nicht so sehr starke Neidgefühle gegenüber den Weitabgehobenen und Unerreichbaren. Das betont auch die Psychologin Eva Bänninger-Huber von der Universität Innsbruck. In ihrer jüngsten Untersuchung setzte sich die Emotionsforscherin mit Neid bei Spitzensportlern auseinander. Diese würden zwar abstreiten, neidisch zu sein, in ihren Handlungen zeige sich aber nichts anderes. Oder positiv ausgedrückt: Neid spornt an, ist somit der grellgelbe Saft im Ehrgeiz-Elixier.
Neid lähmt auch oder verleitet zum Jammern. Was ist etwa dran, dass Frauen neidischer wären als Männer? „Kein völliger Blödsinn“, meint Bänninger-Huber, aber nur, wenn man die Ursachen genauer analysiert. „Frauen haben es immer noch schwerer, in höhere Positionen zu gelangen“, sagt sie: „jene, die es geschafft haben, werden beneidet.“ Und nicht selten angegiftet. Kein Wunder, dass die Beneideten oft genug ihre Stellung, ihren Titel, ihren Verdienst verschweigen. Auch Neckel sieht in dem Klischee ein „Körnchen Wahrheit“, aber nur im Kontext einer lange vorherrschenden untergeordneten Rolle und der daraus resultierenden Abhängigkeit von Mächtigeren. So entpuppt sich der Neid als Auswuchs von grober Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Wie auch Sigmund Freud meinte, sei Neid die Grundlage für Gerechtigkeit; also ein Alarmsignal, wenn die Waagschale der Gesellschaft aus der Balance gerät.

So gesehen habe Neid oder eben die Beseitigung von Neid die Entstehung von Ideologien einen Funken weit mitbestimmt, wie Bänninger-Huber meint. Sozialistisch-marxistische Ideologien strebten nach einer neidlosen Gesellschaft, liberale-konservative nahmen Neid als Preis oder als Antriebsmittel für eine Leistungsgesellschaft in Kauf. Aber was ist dran an dem nächsten Klischee, dass die Amerikaner weniger neidisch seien als die Österreicher? „Good for you“ versus „Warum der?“ „Einiges“, meint der Sozialphilosoph Alfred Pfabigan und erklärt dies vor allem durch die katholische und calvinistische sowie protestantische Tradition. Daher würde im katholisch geprägten Österreich ganz anders mit Erfolg und Neid (den es natürlich auch anderswo zur Genüge gibt) umgegangen als etwa im reformatorisch geprägten Schweden oder in den USA. Pfabigan analysiert diesen tief greifenden Mentalitätsunterschied: „Bei den Protestanten ist die größte Sünde der Müßiggang. Jeder hat sein ‚calling‘, also seine Sendung von Gott. Man darf im Namen Gottes reich und erfolgreich werden. Bei uns wiederum steht der Erfolgreiche sogleich im Verdacht, wahrscheinlich gesündigt zu haben.“ Schwedens vorbildhafte Frauen- und Familienpolitik sei nicht nur Werk der Sozialdemokraten, meint Pfabigan, sondern auch auf die protestantische Tradition zurückzuführen: Jeder Mensch hat seine Chance. Eine Krankenschwester, die einen Arzt heiratet, bleibt eine Krankenschwester und wird nicht zur „Frau Doktor.“ Daher gibt es auch keine Witwenpension, denn sie ist und bleibt, was sie sich erarbeitet hat. In den USA wird Versagen als persönliches Scheitern gesehen, daher wird auch eher Verantwortung dafür übernommen, nach dem Eingeständnis wartet aber schon die „Second Chance“. In katholisch geprägten Kulturen, meint der Wiener Philosoph, würde der Einzelne eher sagen: „Ich habe eh alles gut gemacht.“ Zu viel Eigeninitiative ist suspekt, ebenso ungern wird dann Verantwortung übernommen.

Ein Neider für immer?
Auswege aus der Neidfalle laufen meist auf schön klingende Rezepte hinaus: Stärkung des Selbstwertgefühls, Anerkennung der eigenen Stärken und – mehr auf sich selbst schauen. Wie schwierig und langwierig die Umsetzung dessen ist, weiß auch die Wiener Unternehmensberaterin und Trainerin Gabriele Riedl, die sich mit der Kommunikation innerhalb einer Firma auseinandersetzt und bei Konflikten auch als Moderatorin fungiert. Sehr oft sind laut Riedl Neidgefühle der Anfang und Auslöser einer Konfliktspirale, die meistens darin mündet, dass nicht mehr geredet wird. „Die Frage ist, geht es im Unternehmen um gesunden Wettbewerb zwischen Mitarbeitern, der für ein Unternehmen förderlich ist, oder um Neid, der auch das Unternehmen schädigt“, erklärt Riedl. Entscheidend sei immer die Haltung der Führungskraft: „Wie der Herr, so das Gscherr“, verweist Riedl auf einen althergebrachten Spruch, der ihrer Erfahrung nach auch seine Richtigkeit hat. Der Chef steuere also zum Großteil die Konfliktkultur eines Betriebes.

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