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32/2018 - Kirche, Hüterin des Lebens
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Alt , 06:32
Kirche, Hüterin des Lebens

Mit seiner Entscheidung, die Todesstrafe für „unzulässig“ zu erklären, schlägt Papst Franziskus Pflöcke ein. Diese längst fällige Lehr-Entscheidung kommt zur rechten Zeit.

| Von Otto Friedrich


In den meisten Medien wurde die Entscheidung des Papstes nur kurz berichtet: Franziskus ließ den Artikel 2267 des Weltkatechimus neu formulieren und darin die Todesstrafe für „unzulässig“ erklären, „weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person“ verstoße. Kirchenferne mochten da die Brauen heben, weil sie nicht vermutet hatten, dass das überhaupt noch ein Thema war. Doch obwohl die letzten Päpste – Johannes Paul II. wie Benedikt XVI. – sich wiederholt gegen die Todesstrafe ausgesprochen hatten, konnten sie sich nicht dazu durchringen, dies auch „lehrmäßig“ zu bekräftigen. So schloss eben der Weltkatechismus bis zuletzt die Todestrafe nicht aus.
In diesem Sinn hat nun Franziskus einen ethischen Anachronismus beseitigt und auch für seine Kirche festgeschrieben, was in westlich-demokratischen Gesellschaften längst State of the Art ist. In allen westlichen Gesellschaften? Leider nein. In den USA werden bekanntlich bis heute Menschen hingerichtet, und es dürfte nicht zuletzt diese – jenseits des Atlantiks auch von Katholiken unterstützte – Tatsache sein, die Rom zögern ließ, ein Todesstrafenverbot auch lehramtlich verbindlich auszusprechen.

Menschliches Leben ist – ohne Wenn und Aber – unverfügbar

Es gehört aber zur von Franziskus ohne Wenn und Aber verfolgten Agenda, die katholische Kirche als Hüterin des menschlichen Lebens und der Menschenwürde in allen Aspekten zu positionieren. Und da muss konsequenterweise – neben der Ablehnung von Abtreibung und Euthanasie – auch die Todesstrafe ein christliches No-Go sein. Das entspricht auch der ganzheitlichen Sicht dieses Papstes in Bezug auf den Lebensschutz: Es geht dabei eben nicht nur um das ungeborene Leben, sondern gleichermaßen um die Unverfügbarkeit des Lebens generell.
Die Sorge für ein Leben in Würde aller Menschen treibt Franziskus ja seit seinem Amtsantritt um. Er hat – sehr zum Verdruss seiner konservativen Gegner – in den letzten Jahren die vatikanischen Lebensschutz-Institutionen in diesem Sinn umgebaut. Es ist auch dieser Kirchenflügel, der einmal mehr aufjault – bis zu völlig inakzeptablen Anwürfen. Der italienische Historiker Roberto de Mattei, einer der prominentesten Franziskus-Kritiker, meinte etwa: „Wer behauptet, dass die Kapital*strafe an sich schlecht sei, fällt in die Häresie“, und begründete dies damit, dass die Todesstrafe seit 1208 unwiderruflicher Teil der kirchlichen Lehre wäre.

Es geht nicht nur um eine Auseinandersetzung in den USA

Natürlich hält man solcher Argumentation entgegen: dann wäre die kirchliche Absage an Sklaverei, Folter oder das Verbrennen von Ketzer(inne)n auf dem Scheiterhaufen ja ebenfalls eine Häresie. Aber man ahnt, dass derartiger Hinweis Befürworter der Todesstrafe nicht umstimmen wird. Man ist gespannt, wie der konservative Kirchenflügel in den USA sich nun verhalten wird – auch von dort her tönt Ablehnung des päpstlichen Reskripts.
Doch es geht beileibe nicht nur um eine Auseinandersetzung im fernen Amerika. Man muss Franziskus dankbar sein, dass er, zumindest was den Standpunkt der katholischen Kirche betrifft, in Sachen Todesstrafe Pflöcke eingeschlagen hat. Denn auch das in Europa – angefangen bei der Menschenrechtskonvention – verankerte Verbot der Todesstrafe hat keine Ewigkeitsgarantie. Im Gegenteil: So wie zurzeit gerade in Europa Gewissheiten fallen und gar Menschenrechte auf einmal zur Disposition zu stehen scheinen, so fürchtet man sich vor dem ersten spektakulären Kriminalfall, angesichts dessen die einschlägigen Zündler auch die Todesstrafe wieder auf ihre Agenda heben.
Die Abschaffung der Todesstrafe ist aber eine große zivilisatorische Errungenschaft gerade Europas. Als Katholik fand man es ja genant, dass die eigene Kirche hier bislang uneindeutig geblieben ist. Papst Franziskus hat das nun zurechtgerückt. Das ist gut so. Und angesichts der Zeitläufte war es auch ein richtiger Zeitpunkt, selbiges zu tun.


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