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09/2017 - Zeit, sich anzuschnallen (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen 01.03.2017, 08:36
Zeit, sich anzuschnallen

Die Fastenzeit bietet Gelegenheit zur Reduktion: zur Rückführung aufs Wesentliche mit dem Ziel größerer Souveränität und Freiheit. Eine kleine Aschermittwochspredigt.

| Von Rudolf Mitlöhner

Das deutsche Wort „fasten“ hat etymologisch mit „fest“ zu tun. Besonders deutlich wird der Zusammenhang im englischen „to fasten“ für „festmachen“, „befestigen“. Jeder Flugpassagier kennt die Aufforderung „Fasten seat belts!“. Man könnte also auch als Motto über die nun anhebende kirchliche Fastenzeit stellen: „Bitte anschnallen!“. Tatsächlich geht es ja um Festigkeit – darum, nicht haltlos hin- und hergeschleudert zu werden. Der Sicherheitsgurt im Auto bedeutet keine Einschränkung der Freiheit – ihn nicht anzulegen, wäre vielmehr sträflicher Leichtsinn – sondern unterstützt die souveräne Navigation durch die Turbulenzen der Verkehrs und die Unwägbarkeiten des Geländes. Ohne Sicherheit keine Freiheit – was nicht heißt, dass ein Zuviel an Sicherheit die Freiheit ersticken kann; der Zweck der Sicherheit liegt nicht in ihr selbst, sondern in der Ermöglichung von Freiheit und Selbstbestimmung.
Diese Überlegungen sind ganz nahe an jener Einsicht, welche auch für die Fastenzeit bestimmend ist: Weniger ist mehr. Reduktion bedeutet Rückführung auf das Wesentliche, das Beiseitelassen des Überflüssigen, Trennung von Wichtigem und Unwichtigem, Klärung, Läuterung – letztlich die alte Tugend der Unterscheidung der Geister.

Simple Kapitalismuskritik

Hier knüpft oft auch eine – etwas simple, leider auch in kirchlichen Kreisen verbreitete – Kapitalismuskritik an: Es könne nicht „immer mehr“ von allem geben, heißt es. Vielmehr gelte es, das Paradigma des Wachstums hinter sich zu lassen. Übersehen wird dabei allerdings, dass dieses Wachstum die Voraussetzung für die Mehrung des Wohlstands war und ist, welche erst Reduktion auch im materiellen Sinn ermöglicht. Es geht also durchaus darum, den Kuchen zu vergrößern – damit möglichst viele daran partizipieren. Der Kuchen freilich wächst nicht durch Umverteilung, sondern durch Leistung und Anstrengung – auch das hat mit „Festigkeit“ (s. o.) zu tun. Und die Aufteilung? Ist in dem Sinne nie „gerecht“, weil es keinen gleichmäßig verteilten Wohlstand sondern, bloß gleichmäßig verteilte Armut gibt; weil Wohlstand, ein größerer Kuchen, eben nur durch Dynamik und Wettbewerb entsteht, welcher Ungleichheit schafft, aber in Summe Teilhabechancen vermehrt. Wo es keine Verlierer geben darf, verlieren am Ende immer alle.

Die dunkle Seite menschlicher Antriebskräfte

Aber die Gier? Ist sie nicht ein Laster, welches idealisierten Bildern der (Markt-)Wirtschaft Hohn spricht? Das ist sie gewiss – und zurecht zählt sie die katholische Kirche zu den sieben Haupt- oder Wurzelsünden, welchen allen anderen Verfehlungen zugrunde liegen. All diese Wurzelsünden sind – und das macht sie ja gerade so brisant – freilich gewissermaßen nur die dunkle Seite urmenschlicher Antriebskräfte, welche für unsere Existenz essenziell sind. Ob es nun Gier, Stolz, Neid oder Zorn ist – stets haben diese eine Entsprechung im Positiven. Es verhält sich wie mit den sprichwörtlichen zwei Seiten einer Medaille. Und so wie bei dieser die beiden Seiten buchstäblich nicht von einander zu trennen sind (dann gäbe es die Medaille nicht), so ist wohl auch beim Menschen das eine nicht ohne das andere zu haben. Genauer gesagt: muss man immer mit beidem rechnen.
Was dem Menschen freilich aufgetragen bleibt, ist das Bestreben, die eine, „gute“ Seite der Medaille zum Glänzen zu bringen, die Antriebskräfte gleichsam zu reinigen, zum Positiven hin zu wenden. Die christliche Tradition nennt das Umkehr. Das griechische Wort dafür, metanoia („Umdenken“), macht deutlich, dass auch dieser Prozess „im Kopf“ (was diesfalls das „Herz“ nicht ausschließt) beginnen muss.
Die Wochen vor Ostern sind in besonderer Weise eine solche Zeit der metanoia – des Sich-Festmachens mit dem Ziel größerer Freiheit und erweiterter Handlungsspielräume.

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