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35/2017 - Zuerst reden, dann denken (Otto Friedrich)
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Ungelesen 30.08.2017, 08:22
Zuerst reden, dann denken

Beim jüngsten Religionsmonitor bildet Österreich in Bezug auf die Integration von Muslimen das Schlusslicht. Das ist für Politik wie Gesellschaft im Land bezeichnend.

| Von Otto Friedrich

Bedarf es für den Befund, dass es im Lande um den Diskurs mit den Muslimen und über sie schlecht bestellt ist, auch empirischer Untermauerung, dann liefert dies die aktuelle Studie des Religionsmonitors der Bertelsmannstiftung. Im Dokument „Muslime in Europa – integriert, aber nicht akzeptiert?“, das neben Österreich auch die Lage in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Großbritannien beleuchtet, fällt Österreich bei der Integration von Muslimen als Schlusslicht auf.
Zwei der Zahlen dieser Studie sind besonders alarmierend: 28 Prozent der befragten Österreicher wollen nicht neben Muslimen wohnen. Und nur ein Drittel der Muslime im Land gab an, in den letzten zwölf Monaten keine Diskriminierung erfahren zu haben. Das heißt, zwei Drittel der Muslime fühlen sich ausgegrenzt. Wer die Entwicklungen der letzten Monate und Jahre verfolgt hat, wundert sich über derartige Befunde nicht. Und im aktuellen Wahlkampf erweist sich das Thema Islam erst recht als eine Negativfolie, auf der – von realen Problemen ausgehend – wohlfeile Polemik zu machen ist. In der Populismusfalle dieser Auseinandersetzung gerät jede Differenzierung unter die Räder.

Abschied vom „Vorzeigeland“ in Sachen Islam

Man erinnert sich, dass bis vor nicht allzu langer Zeit in Sonntagsreden das europaweit vorbildliche Verhältnis zwischen Staat und Islam beschworen wurde (Stichwort: Islamgesetz 1912). Nun muss man das Gegenteil konstatieren – Österreich ist jedenfalls im Vergleich zu einem wichtigen Teil Europas beim Umgang mit den Muslimen abgerutscht. Weit abgerutscht.
Wer diese Situation sine ira et studio analysiert, stellt eine Hermeneutik des Verdachts fest: Wer Muslim in Österreich ist, sieht sich zunächst den negativen Zuschreibungen gegenüber, einer gewalttätigen, frauenfeindlichen, demokratieinkompatiblen, zivilisatorisch rückständigen Religion und Kultur anzuhängen. Herr und Frau Muslim müssen sich dann Schale um Schale dieser Zuschreibungen entledigen, um überhaupt als diskursfähig wahrgenommen zu werden.
Das ist eine fatale Situation. Denn die Muslime sind nach den Katholiken und vor den Orthodoxen die zweitgrößte religiöse Community. Und die wird nach dem 15. Oktober weiter da sein. Von daher stünde es den gesellschaftlichen Playern im Lande gut an, würden nicht der Verdacht, die Kontrolle, die „Nachschärfung“ von Gesetzen, sondern die Überlegung, wie miteinander eine Gesellschaft gebaut werden kann, den Diskurs leiten. Und dass man da die – wenn die jüngsten Zahlen stimmen – 700.000 Muslime im Land mit einschließen muss.

Eine Politik, die die Gesellschaft weiter spaltet

Das bedeutet keineswegs, vor dem Agieren speziell der Islamischen Glaubensgemeinschaft die Augen zu verschließen. Der Eiertanz, den die IGGÖ dieser Tage rund um die Imam-Hatip-Schulen vollführt, kann – je nach Standpunkt – als dilettantisch oder gar hintertrieben qualifiziert werden. Aber Nämliches gilt leider auch für die Politik den Muslimen gegenüber.
Insgesamt ist die Islamdebatte von – harschen – Wortmeldungen und nicht von Nachdenken geprägt: Da wird so mir nichts dir nichts von einer neuen Religionsbehörde fantasiert – ohne das gerade zwei Jahre geltende Islamgesetz vorher zu evaluieren. Da stockt die Noch-Koalition das Kultusamt schnell um zehn Dienstposten auf, ohne darüber zu reden, was dieses überhaupt leisten soll.
Wenn Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz dieser Tage gegenüber dem deutschen Handelsblatt erklärt, in Sarajevo oder Prishtina würden Frauen dafür bezahlt, vollverschleiert auf die Straße zu gehen, so verbreitet der Spitzenkandidat seiner Partei ein unbewiesenes Gerücht weiter, welches das Bild einer „Hermeneutik des Verdachts“ perpetuiert. Übrigens durchaus im Verein mit dem Gros heimischer Medien. Politik sollte aber eine Gesellschaft nicht weiter spalten – sondern versuchen, sie zusammenzubringen. Zurzeit ist das Gegenteil der Fall.

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