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09/2017 - Kirche für Engagierte und für Beitragszahler
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Ungelesen , 08:59
Kirche für Engagierte und für Beitragszahler

Auch wenn es in Österreich nach wie vor die Volkskirche gibt, stehen kirchliche Strukturen wie die Pfarren vor großen Veränderungen – und vor allem vor der Frage: Wie wird sich Kirche am Ort künftig gestalten?

| Das Gespräch führte Otto Friedrich

Theoretikerin und Praktiker: Die FURCHE traf in Linz die Pastoraltheologin Hildegard Wustmans und den Pfarrassistenten von Wolfsegg am Hausruck, Markus Himmelbauer, zum Gespräch über Gegenwart und Perspektiven für die Pfarrgemeinde.

DIE FURCHE: Soeben ist das Buch von Thomas Frings erschienen, einem deutschen Priester, der sein Pfarreramt aufgegeben hat. Ist die herkömmliche Pfarre, wie der Buchtitel insinuiert, tatsächlich „Aus, Amen, am Ende“?
Hildegard Wustmans: Hinter diesem Titel steht ein Frage- und kein Rufzeichen. Das Buch ist die Perspektive eines Priesters, der 30 Jahre eine Pfarre geleitet hat. Frings hat seinen Austritt aus dem Pfarreramt unter anderem damit begründet, dass die Sakramente bedeutungslos geworden sind. Er und sein Team investieren viel in die Begleitung von Firmlingen oder von Paaren: Dann sind diese gefirmt, verheiratet, getauft – und man sieht sie nicht mehr. Das hat damit zu tun, dass sich das Verhältnis des Einzelnen zur Religion verändert hat. Von daher antworte ich auf die Frage, ob die Pfarre am Ende ist: Weil es die Pfarre nicht gibt, kann man die Frage auch nicht so einfach beantworten. Es geht darum zu schauen, wie sich Pfarre in einem urbanen Kontext gestaltet, wie in einer ländlichen Struktur.
DIE FURCHE: Wie stellt sich das für einen Pfarrassistenten am Land dar?
Markus Himmelbauer: Pfarre als Anknüpfungspunkt, als Ort der Gegenwart Gottes hat auf jeden Fall Zukunft, denn die Leute wollen das am Ort erleben. Als Organisationseinheit wird man sich das überlegen müssen, wie es passt. Die Gesellschaft wird differenzierter und muss auch schauen, ob man diese Differenzierung in eine traditionelle Hülle stecken kann – wir können darüber sprechen, ob die verschiedenen Sozialmilieus einen anderen Zugang brauchen.
Wustmans: Ich stimme Rainer Bucher zu, dass man die Präsenz des Evangeliums nicht auf die Sozialform Pfarre fokussieren darf (siehe Seite 3 dieser FURCHE, Anm.). Es gibt ganz viele andere Orte, die es ermöglichen, die Botschaft des Reiches Gottes da zu erfahren, wo sie als Frage aufbricht – etwa im Krankenhaus mit der Endlichkeit, mit dem Schmerz, mit dem Verlust. Von daher glaube ich – und dies zeigen auch viele Aktivitäten –, dass Kirche an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Gruppen anspricht und etwas Sinnvolles und Bedeutsames zu geben hat.
Himmelbauer: Ich glaube, es ist im Zeitgeist nach dem Konzil gelegen zu schauen, dass jede Pfarre eine Basisgemeinde werden muss. Und dann hört man solche Sätze wie: „Wir haben ja leider noch die Volkskirche.“ Ich sage: Gott sei Dank haben wir die Volkskirche, weil die Menschen zahlen ja Kirchenbeitrag, sie erwarten sich dann auch noch etwas. Die einen gehen am Sonntag in die Kirche und erwarten sich eine passende Liturgie. Andere erwarten sich auch, dass die Pfarre am Ort auch „Salz der Erde“ ist.
DIE FURCHE: Frings schreibt ins einem Buch aber, dass es die Volkskirche nicht mehr gibt.
Himmelbauer: Das stimmt aber so nicht. Ich habe in meiner Pfarre heuer mehr als 40 Firmlinge. Kann sein, dass danach viele nicht mehr kommen. Aber ich mache das doch denen nicht zum Vorwurf. Ich kann schon fragen: Wie treffe ich die Stimmung, die Worte, das Lebensgefühl von ihnen?
Wustmans: Es ist von Frings theologisch nicht korrekt, wenn er sagt, die Sakramentenpastoral sei vergeblich. Dann denke ich mir: Was traut Herr Frings Gott zu? Dieses Geschehen zwischen Gott und Mensch ist etwas Intimes und geht viel weiter, als dass ich den „Erfolg“ einzig daran messen kann, ob die Jugendlichen auch nach der Firmung im Sonntagsgottesdienst erscheinen.
Himmelbauer: Die Durchsetzung von Zwangsordnung will ich nicht wiederhaben. Aber die Sonntagspredigt, das Pfarrblatt, die Andachten in den Ortschaften sind Angebote, die sagen: Wir sind hier, wir laden euch ein. Und wenn sie nicht kommen, stellt sich die Frage spätestens beim Begräbnis. Was sagst du über jemanden, der selbstverständlich kirchlich begraben werden will? Du kannst nicht sagen: Aber er ist nie zu den Sakramenten gegangen! Das ist genau das: Wo suche ich in seinem Leben das, was Spuren des Ewigen, des Göttlichen aufweist?
Wustmans: Papst Franziskus schreibt ja in Evangelii Gaudium: „Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation.“ Sakramente sind Gabe und die sollte man auch wirklich mit Großzügigkeit schenken. Dennoch muss man auch sehen: Wir haben – und dafür steht gerade die Pfarre – eine Praxis auf der Basis der Einladung etabliert. Das funktioniert in bestimmten Zusammenhängen, es funktioniert aber in manchen Biografien nicht. Das bedeutet, neben dieser Einladungsstruktur, die ganz deutlich von Gastfreundschaft geprägt sein sollte, auch einen Habitus zu entwickeln, der befähigt hinauszugehen und der – wie mein Kollege Stefan Gärtner aus Utrecht es benennt – „mittendrin in die Lebenswelten von Menschen hineingeht“.
Himmelbauer: Die Einladung, sie sollen zu mir in die Kirche kommen, ist das eine. Aber wir gehen auch hinaus. Ganz bewusst gibt es die traditionellen Maiandachten in den Ortschaften, und wir haben Andachten an anderen Orten, wo wir auch hingehen und Leute, die ferner sind, einladen. Und der zweite Schritt ist: Wenn die Leute dann wirklich kommen, darf ich mich nicht echauffieren: Die können ja nicht einmal das Vaterunser! Was hindert mich daran, in der Kirche einen Zettel aufzulegen: „Das ist der Ablauf des Gottesdienstes. Liebe Gäste, herzlich willkommen, ihr seid einmal da, das letzte Mal wart ihr vor 30 Jahren da oder irgendwann. So schaut es bei uns aus. Dass ihr euch nicht blöd vorkommt, steht da, wie das Vaterunser geht, wann ihr stehen oder sitzen sollt.“ So lade ich ein.
Wustmans: Ähnliches beschreibt Pfarrer Rainer Schießler, der in München zwei große Pfarren betreut und bekannt ist, weil er auf dem Oktoberfest auch als Kellner tätig ist, wenn er meint: „Dass Kinder vor der Erstkommunion kein Vaterunser und kein Kreuzzeichen beherrschen, macht mich nicht mürbe. Ich erkläre es einfach, immer wieder und neu.“ Und er sagt, für ihn wird es immer deutlicher: „Ich bin ein Missionar in München.“ Das ist eine wichtige Frage für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in der Pastoral: Wer sind wir? Sind wir die Verwalter? Sind wir Leute, die dafür brennen, anderen den Glauben vorzuschlagen?
Himmelbauer: Sind wir Erzieher, Vorgesetzte, Vormund der anderen in Sachen Religion?
Wustmans: Genau! Diese Fragen sind jetzt aufzugreifen und zu thematisieren.
DIE FURCHE: Zurzeit sind landauf, landab Strukturprozesse im Gange, die meist damit enden, dass kleinere Einheiten zu größeren zusammengeschlossen werden, dass es dann diese angeblichen „Monsterpfarren“ gibt, große Seelsorgeeinheiten, die vor allem weniger geistliches Personal benötigen.
Wustmans: Das gibt es. Aber ich glaube nicht, dass die größeren Zusammenhänge gleichzeitig das Verschwinden der Kirche vor Ort bedeuten müssen. Wer größer denkt, auch in einem größeren Raum, hat die Möglichkeit, Arbeit anders zu verteilen, weil es bedeutet, selbst dann viel mehr und viel deutlicher charismenorientiert mit dem pastoralen Personal umzugehen. Warum das in der Regel aber als „Monsterpfarre“ wahrgenommen, bei der ich die Nähe zu den Menschen
verliere, hat damit zu tun, dass man glaubt an jedem Ort in der Weise so weiterzutun, als hätte es die Veränderung zum größeren Raum nicht gegeben. Wer im größeren Raum denkt, hat mehr Potenzial. Gleichzeitig verlangt dies, dass ich meine Rolle als pastorale Mitarbeiterin oder Mitarbeiter anders definieren muss – und: Ich muss die Bereitschaft einüben, im Netzwerk zu arbeiten.
Himmelbauer: Bei den theoretischen Chancen stimme ich Ihnen zu. Aus der Erfahrung sage ich, dass es nicht funktioniert. Wir haben ja Pfarren, wo eine Frau Pfarrassistentin ist, Pfarren, wo Marienfrömmigkeit stark ist, bei anderen ist es die Kirchenmusik. Trotzdem wechseln die Leute nicht. Die Leute wollen das am Ort haben.
Wustmans: Ich kenne nicht wenige Personen, die sonntags ganz gezielt mehr als 20 Kilometer fahren, um Eucharistie zu feiern. Viele Personen sind immer mobiler und bereit, für gute Angebote auch weit zu fahren. Für mich ist das, was Sie sagen, aber bedeutsam: Denn wenn ich mein Angebot nicht verbessere, werden die Leute nicht kommen. Ich muss – auch das ist Konsequenz der größeren Räume – über Qualität nachdenken: Ist das, was wir anbieten, so gut, dass Menschen gestärkt diesen Ort verlassen und dass sie wiederkommen wollen?
Himmelbauer: Zur Qualität haben Sie wahrscheinlich andere Untersuchungen als ich. Es gibt sicher Leute, die sind meiner Meinung nach theologisch schlecht, aber zu denen gehen die Menschen, weil sie Herzenswärme, Nähe, Verständnis spüren. Es ist nicht unbedingt nur eine Frage, was wir bürgerlich-wissenschaftlich als Qualität nehmen.
Wustmans: Aber ja, natürlich ist es eine Qualität, wenn jemand Menschen erreicht!
Himmelbauer: Das ist die eine Erfahrung. Die andere ist, dass die Kirche als Serviceorganisation gefragt ist: Ich zahle meinen Kirchenbeitrag, damit ich Hochzeit feiern kann, damit halte ich die Struktur.
Wustmans: Menschen, die kommen und sagen: Ich war jetzt ganz lange nicht mit euch in Kontakt, aber wir wollen kirchlich heiraten, oder: Wir haben ein Kind, wir sind nicht so religiös, aber Taufe wäre schon wichtig: Diese Personen machen mehr, als nur Kirchenbeitrag zu zahlen. Sie zeigen, dass es nach wie vor eine Verbindung gibt, und die wird hier sichtbar. Es gibt eine Studie in Deutschland über die „Kasualienfrommen“ …
DIE FURCHE: … das sind Menschen, die „nur“ zur Hochzeit oder zum Begräbnis die Kirche brauchen …
Wustmans: ... und die werden ja vielfach vom inneren Kern der Kirche so wahrgenommen: Ah, die holen sich immer nur die Rosinen. Das sind die, die man das ganze Jahr nicht in der Kirche sieht, aber die mir den Platz in der Christmette wegnehmen. Diese Menschen haben eine Verbindung, die sich eben genau an diesem Tag – Weihnachten –ausdrückt. Die brauchen den Dauerkontakt zur Pfarre nicht, um ihre Kirchenmitgliedschaft, ihre Religiosität zum Ausdruck zu bringen. Es greift zu kurz, wenn man diesen Menschen sagt: Ihr zahlt nur Kirchenbeitrag und verhaltet euch wie das ÖAMTC-Mitglied. Sie haben eine Beziehung zur Kirche, sie trauen der Kirche, sie trauen Gott etwas zu.
DIE FURCHE: Braucht man dazu eine Gruppe, die diese Kirche trägt, damit sie das leisten kann? Was passiert, wenn Kirchlichkeit so ausgedünnt wird, dass nur noch diese Kasualienfrömmigkeit gibt? Braucht man nicht Menschen, die das mittragen, damit die Kasualienfrommen noch ihre Orte finden?
Himmelbauer: Ja, sicher. Der Erhalt des Kirchengebäudes und der liturgische Dienst gehören dazu. Da ist es die Anfrage an die Gemeinde: Können wir das von uns aus aufstellen? Wer trägt das mit? Aber solange es Kirchenbeitrag und Hauptamtliche gibt, verlangt meine Servicefunktion als Gemeindeleiter/in zu fragen: Wie stelle ich das zur Verfügung, auch wenn das nicht mehr durch die Gemeinde abdeckbar ist? Auch wenn ich keinen Organisten am Sonntag mehr habe, muss ich das Singen irgendwie abdecken.
Wustmans: Wir stecken oft in Veränderungsprozessen und agieren, als wären die Rahmenbedingungen noch immer die gleichen. Man entscheidet oft: Das nehmen wir auch noch dazu, anstatt parallel zu überlegen: Was müssen wir jetzt verändern? Und das heißt auch: Was können wir jetzt nicht mehr tun? Da kommt dann der Blick aufs größere Ganze ins Spiel, damit ich Menschen, die etwas Bestimmtes suchen, hinweisen kann: Das gibt es an einem anderen Ort.
Himmelbauer: Sie finden genau diese Haltung im Terminkalender meiner Pfarre. Das ist nicht der Terminkalender der Pfarre Wolfsegg, sondern das, was für den relevant ist, der an Glauben und Kirche interessiert ist. Das sind die Termine der Nachbarpfarre. Wir haben keine Bergmesse, aber die Bergmesse der Nachbarpfarre steht drinnen. Gemeinsam haben wir also das Vollprogramm.
DIE FURCHE: Die katholische Kirche hat das Modell des Priesters in einer bestimmten Weise entwickelt. Darüber wird aber relativ wenig geredet. Muss man nicht auch da über Veränderungen nachdenken?
Himmelbauer: Nachgedacht wird schon. Das Modell „Eine Pfarre, ein Priester als Leiter“ ist ja in der Diözese Linz ergänzt durch Seelsorgeteams, wo es vier Personen gibt, die ehrenamtlich die verschiedenen Aufgaben in der Pfarre leiten und koordinieren. Und es gibt Pfarrassistentinnen und Pfarrassistenten. Von den Männern sind einige davon auch Diakone, die haben das sakramentale Plus in der traditionellen Sicht. So entsteht große Vielfalt. Wir sind schon lange kein Normprodukt mehr. In einem Seelsorgeraum wären verschiedene Charismen drinnen, auch die Leitungs-, Predigt- und Gottesdienstfunktion durch Frauen.
DIE FURCHE: Aber im katholischen Modell muss es als allerletzte Instanz einen Priester geben, der auch eine jurisdiktionelle Instanz ist. Ist das nicht auch in Frage zu stellen?
Himmelbauer: Reden wir von der Praxis oder von dem, was im Kirchenrecht steht? In der Praxis sagen die Leute „Herr Pfarrer“ zu mir und zu den Pfarrassistentinnen wohl „Frau Pfarrerin“. Das ist für die Leute vorstellbar.
Wustmans: Auf der einen Seite stimme ich Ihnen zu, es gibt viel in der Praxis und es wird auch viel diskutiert. Und wenn Papst Franziskus die Frage nach dem Diakonat für die Frau aufgegriffen hat, dann ist das solch ein Punkt. Auch dass sich seit dem zweiten Vatikanum unendlich viel getan hat. Dafür bin ja auch ich ein Beweis: Frauen als Theologieprofessorinnen. Es ist aber wichtig zu fragen: Wen interessieren diese ganz klar binnenkirchlichen Themen? Ich treffe regelmäßig Leute, die sagen: Ihr kreist immer um euch selbst, aber helft doch den Leuten in ihrer Not! Das ist das eine. Zum zweiten habe ich den Eindruck, dass es viele Möglichkeiten gibt, auch im Feld der Liturgie, wo ich als Frau tätig sein kann.
DIE FURCHE: Natürlich sind es binnenkirchliche Fragestellungen, aber da merken ja auch Leute, die den Servicecharakter wollen, dass es Grenzen gibt, weil eben das „Service“ bestimmter Sakramente ans Priesteramt gebunden ist. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass die Priester wieder mehr werden.
Wustmans: Die Kirche hat ein grundsätzliches Problem, an Personal zu kommen. Ich möchte diese ganze Debatte gar nicht nur auf die Priesterberufungen hin fokussieren.
DIE FURCHE: Demnächst finden wieder Pfarrgemeinderatswahlen statt. Ist diese Art des Gremiums, diese Art des Rates sinnvoll?
Wustmans: Auch da ist es, glaube ich, ganz unterschiedlich. Ich kenne Pfarren, die bekommen keine Listen zusammen.
Es gibt Orte, an denen passt dieses Gremium, diese Struktur nicht mehr zum Ort.
DIE FURCHE: Ist auch dieses Modell nicht mehr global, nicht einmal mehr für eine ganze Diözese völlig stimmig?
Wustmans: Ja!
Himmelbauer: Auch da differenziert sich die Entwicklung der Pfarre. Es gibt Orte, an denen die Pfarre von den Leuten mitgetragen wird. Und Orte, wo die Pfarre als Service gesehen wird, als Büro, das die Einzelnen nicht unbedingt mittragen müssen.


(Mitarbeit: Teresa Freudenthaler)

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  16:55:40 05.13.2005