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05/2017 - Abwertungen des Anderen und Machtdiskurse
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Ungelesen 01.02.2017, 07:13
Abwertungen des Anderen und Machtdiskurse

Gewaltforscher Andreas Zick über die Zunahme der Menschenfeindlichkeit in den Gesellschaften:
Auch Bildung, meint er, schützt nicht per se vor Hass und Gewalt.


| Das Gespräch führte Henning Klingen

Der deutsche Sozialpsychologe und Gewaltforscher Andreas Zick setzt sich in seinen Forschungen mit Diskriminierung,
Gewalt und Vorurteilen auseinander. Er konstatiert eine zunehmende Menschenfeindlichkeit, der sich die Gesellschaften gegenübersehen.

DIE FURCHE: Europa wird seit geraumer Zeit von einer Welle der Gewalt überzogen: Nizza, Paris, Berlin – müssen wir uns darauf einstellen, dass diese Gewaltakte zum Grundbestand moderner Gesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts gehören?
Andreas Zick: Ja, so deprimierend das klingt. Wir hätten uns schon früher darauf einstellen können und müssen. Die modernen Gesellschaften werden in einer globalen Welt von jenen angegriffen, die zurück in alte Weltordnungen und religiöse Fundamentalordnungen möchten. Sozialer Wandel ist immer mit Konflikten verbunden, nun ist Europa Angriffsziel des Terrors, weil es zum Feind erklärt wurde. Zur Gewalt gehören aber innergesellschaftliche Widerstände. Denken wir an die Gewalt gegen Flüchtlinge, ihre Unterstützer und die Befürworter offener Gesellschaften, oder an die Gegengewalt antifaschistischer Gruppen. Weniger deprimierend ist aber auch die Beobachtung, dass insgesamt die Gewaltkriminalität zurückgeht. Sie konzentriert sich in bestimmten Räumen und Mileus.
DIE FURCHE: Wie reagiert eine Gesellschaft angemessen auf diese neue Realität?
Zick: Wenn Konflikte in Gewalt münden und eskalieren, weist dies auf fehlende Konfliktkompetenz und -kontrolle hin. Moderne Gesellschaften müssen die Ziviltugenden ihrer Mitglieder stärken. Es geht um Zivilcourage, die Fähigkeit, Menschenwürde anzuerkennen, Solidarität, Gerechtigkeit und Toleranz. Diese Werte sind nicht angeboren und fallen nicht vom Himmel. Sie können gelernt werden. Zudem müssen wir nicht jedem Populismus und Angriff auf die vermeintliche politische Korrektheit hinterherlaufen. Und nicht zuletzt wird unser Glaube an die Abgabe der Kontrolle bei Konflikten an Sicherheitsinstitutionen dazu führen, dass wir selbst nicht mehr imstande sind zu beobachten, wie Konflikte eskalieren.
Vernunft, Aufklärung und gegenseitige Achtung haben die Identität Europas geprägt. Sie werden von Terroristen angegriffen und von Populisten ad absurdum geführt.
DIE FURCHE: Sie untersuchen u. a. die Entwicklung von Vorurteilsmustern und Stereotypen in der Gesellschaft. Lassen sich diesbezüglich Trends feststellen?
Zick: Ja, es gibt durchaus Trends und Muster. So stellen wir etwa fest, dass in den letzten zwei Jahren die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und Asylbewerbern ansteigen – man unterstellt ihnen, sie würden zum Terror neigen oder per se eine Bedrohung darstellen. Die Daten lassen durchaus den Schluss zu, von einem Anstieg der Menschenfeindlichkeit in den letzten Jahren zu sprechen. Aber wir beobachten darüber hinaus eine Polarisierung in der Bevölkerung: Ein Drittel sieht die Willkommenskultur und Integration positiv. Ein weiteres Drittel sieht das genau diametral entgegengesetzt, lehnt die Willkommenskultur massiv ab und favorisiert sozusagen den Rückwärtsgang: Die Wiedereroberung von Heimat und Tradition. Und das letzte Drittel sympathisiert mit Parteien wie der AfD, fühlt sich im Widerstand und schottet sich durch Angriffe auf die „Gutmenschen“ ab. Das gelingt, weil es mittlerweile soziale Kommunikationsblasen gibt, in denen sich Menschen bewegen können.
DIE FURCHE: Artikuliert sich in der von Ihnen skizzierten Menschenfeindlichkeit die Abstiegsangst der Mittelschicht?
Zick: Mit solchen plakativen Zuschreibungen muss man sehr vorsichtig sein. In der Tat gibt es die These, dass Abstiegssorgen dazu führen, andere Menschen abzuwerten, um sich selbst damit aufzuwerten. Aber damit diese Sorgen zu einer Haltung der Menschenfeindlichkeit führen, muss noch etwas Entscheidendes passieren: nämlich die Transformierung individueller Sorgen in kollektive Sorgen. Anders gesagt: Individuelle Abstiegssorgen führen dann zu Menschenfeindlichkeit, wenn sie von Gruppen populistisch aufgegriffen und in ein Gefühl kollektiver massiver Deprivation überführt werden. „Uns geht es schlechter im Vergleich zu denen da …“ Das wäre ein verräterisches Sprachmuster für einen solchen qualitativen Sprung. Das heißt, der kollektive Reflex erklärt die Menschenfeindlichkeit – und nicht allein die Tatsache, dass Menschen Abstiegssorgen haben.
DIE FURCHE: Sie führen in Ihren Untersuchungen Menschenfeindlichkeit auf das Gefühl massiv empfundener Ungleichwertigkeit zurück. Wie muss man diesen Zusammenhang verstehen?
Zick: In unseren Untersuchungen vermessen wir die Gesellschaft nach allen möglichen Vorurteilsmustern – es geht nicht nur um die Frage der Fremdenfeindlichkeit, sondern um die unterschiedlichsten Formen von Zuschreibungen und Abwertungsmustern. Die Verknüpfung der Daten zeigt dann, dass etwa Menschen mit antisemitischen Vorurteilen auch gefährdet, sind Abwertungsmuster gegenüber anderen Gruppen zu entwickeln. Wenn man von den einzelnen Beobachtungen abstrahiert, so zeigt sich, dass es das Gefühl der Ungleichwertigkeit ist, welches all diese Zuschreibungen zusammenhält und das dann in der Abwertungen des Anderen, des Ungleichen, des Unterlegenen, des Flüchtlings etc. mündet.
DIE FURCHE: Das hört sich ja schon fast nach einer eigenen Ideologie an …
Zick: Ich bin tatsächlich überzeugt, dass das individuelle Gefühl der Ungleichwertigkeit in seiner Übertragung auf ganze gesellschaftliche Gruppen etwas Ideologisches annehmen kann. Denn es geht dabei darum, dass ich mich mit einer Gruppe identifiziere und darum bestrebt bin, die Dominanz dieser Gruppe aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Nichts anderes erleben wir doch auch derzeit bei den ganzen Kämpfen um Begriffe wie „Volk“, „Identität“ und „Tradition“: Wir sehen überall massive Konflikte um diese Begriffe und die angeblichen Vorrechte der Alteingesessenen. Da geht es um Dominanzvorstellungen, um Hierarchien zwischen den Einheimischen und den Neuen. Und wo diese Denk- und Argumentationsweisen sich verfangen, da steigt die Gefahr, dass sich das Syndrom der Menschenfeindlichkeit entfaltet.
DIE FURCHE: In der Sozialphilosophie verfolgt man u. a. den Ansatz gesellschaftlicher Befriedung durch Anerkennung des Anderen. Haben sich die Zeiten tatsächlich derart geändert, dass solche vermeintlich „weichen“ Konzepte gar nicht mehr überzeugen? Geht es nur mehr um Kampf?
Zick: Die Philosophie der Anerkennung setzt auf einen Dreischritt aus Liebe, Recht und Solidarität. Liebe meint die emotionale Form der Anerkennung, und mit Recht und Solidarität wird auf die Bedeutung der Gerechtigkeit für die Anerkennung des Anderen abgezielt. Unsere Studien zeigen, dass diese Aspekte noch relevant sind, aber an gesellschaftlicher Überzeugungskraft verlieren. Nehmen wir das Beispiel der Flüchtlinge: Ein Großteil der Menschen hält weiterhin am prinzipiellen Recht für Flüchtlinge fest, ein kleinerer Teil setzt sich solidarisch für die Flüchtlinge ein – aber beim dritten Faktor, der Liebe, da hapert es wohl.
DIE FURCHE: Zivilgesellschaftliche Akteure und auch die Kirchen und Religionsgemeinschaften pochen gerne auf diesen letzten Faktor Liebe. Laufen diese Appelle ins Leere?
Zick: Der Appell läuft in dem Maße ins Leere, in dem die christlichen Kirchen keine Mehrheiten mehr ansprechen und hinter sich versammeln können. Weiterhin gehört werden die Kirchen in den Bereichen des Rechts und der Solidarität. Denn beide Bereiche kommen nicht ohne Moral und Ethik, also argumentativ verantwortete Handlungsmuster aus. Dort kann Kirche wirken. Interessanterweise haben aber religiöse Menschen nicht selten selbst ein Problem im Bereich der Liebe.
DIE FURCHE: Ein erstaunlicher Befund …
Zick: Nur auf den ersten Blick. Tatsächlich ist es so, dass religiöse Menschen anfällig werden für Abwertungsmuster, sobald sie überzeugt sind, dass ihrer Religion eine bestimmte Vormachtstellung zukommen sollte. Denken Sie an die Diskussionen über die angebliche Islamisierung eines als christlich verstandenen Abendlands. Das sind Machtdiskurse. Und die Kirchen stehen immer in der Gefahr, in diese Kämpfe hineingezogen zu werden. Religion kann zum Katalysator dieser schwelenden Form der Menschenfeindlichkeit werden, indem sie auf die Singularität des eigenen Heilsweges pocht und andere damit zugleich abwertet.
DIE FURCHE: Als klassischer „Impfstoff“ gegen Menschenfeindlichkeit und Gewalt gilt Bildung. Stimmt diese Formel noch?
Zick: Auch hier muss man genau hinsehen: Bildung per se schützt nicht davor, andere Menschen abzuwerten. Sie schützt damit auch nicht vor Gewalt und Hass. Es kommt immer darauf an, was und wie gelehrt wird. So haben wir etwa ein erschreckendes Defizit an Demokratiebildung. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Demokratiebildung bedeutet nicht, dass ich Ihnen erkläre, wie das Wahlsystem oder eine Partei funktioniert. Demokratiebildung geschieht dort, wo Menschen lernen, als Bürger das politische System selber zu legitimieren. Ein reiner Rückzug auf die Funktionsweise von Demokratie genügt nicht. Wir müssen Demokratie vielmehr als Lebensform begreifen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Konfliktlagen richtig einzuschätzen und verantwortungsvoll zu handeln. Demokratie endet nicht an der Wahlurne, sie beginnt erst dort.
DIE FURCHE: Sie fordern also ein Mehr an politischer Bildung in der Schule?
Zick: Angesichts grassierender Menschenfeindlichkeit, angesichts von Hasstaten und Gewalt genügt es nicht mehr, nur ein Fach zu stärken – als könnte das dann alle Defizite tilgen! Ich glaube, wir sollten unsere hochgradig ausdifferenzierten Bildungsangebote überdenken und so anlegen, dass Schüler weniger Fachwissen als vielmehr Kompetenzen erwerben. Sie müssen lernen, Normen und Werte zu differenzieren und selber zu legitimieren. Das wird ein Fach allein nicht leisten können.

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