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04/2017 - Missbrauch der Religion (Otto Friedrich)
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Ungelesen 25.01.2017, 08:40
Missbrauch der Religion

Die USA sind in einer Endzeit-Situation. Nur ein Messias wie der neue Präsident wird das Land retten: Auch die religiösen Auspizien der Ära Trump sind mehr als düster.

| Von Otto Friedrich

Bekanntlich sind die Vereinigten Staaten ein Land, in dem öffentlich zelebrierte Religiosität gang und gäbe ist. Insofern war es nicht verwunderlich, dass auch die Ära Trump mit religiöser Aufladung eingeläutet wurde. Dennoch ging der neue Amtsinhaber über das, was man von US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte gewohnt war, weit hinaus. Denn die Trump’sche Religion stellte sich nicht als einigendes Band, sondern als ausschließendes Vehikel dar – was natürlich gut ins populistische Repertoire passt. Ausgeschlossen sind da die Nichtglaubenden, die wohl eine Minderheit darstellen, aber dennoch zum „amerikanischen Volk“ gehören, sowie alle Andersgläubigen, die nicht jenem neuen Messianismus frönen, dem Trump schon in seiner Inaugurationsansprache das Wort redete.
Gerade aus einem religiösen Blickwinkel war diese Ansprache entlarvend. Da ist zunächst einmal der apokalyptische Grundton, den Trump wieder und wieder bemühte. Das Bild, das er von den USA da zeichnete, war das einer am Boden liegenden Nation: „verrostete Fabriken, die wie Grabsteine über der Landschaft liegen“, ein Bildungssystem, das „unsere jungen und schönen Schüler jeglichen Wissens beraubt“ und so weiter.

Erlösungsfantasien des neuen Mannes im Weißen Haus

Auf der Folie dieses Friedhofs von einem Land entwickelte Trump dann seine Vision eines messianischen Zeitalters – implizit mit ihm selber als Messias: „Dieses amerikanische Gemetzel endet hier, und es endet jetzt.“ Mit ihm habe das amerikanische Volk die Herrschaft übernommen: „Vom heutigen Tag an wird eine neue Vision unser Land regieren.“ Diese Vision ist mittlerweile sattsam bekannt, sie lautet: Amerika zuerst. Mag sein, dass dies eine selektive Wahrnehmung der biblischen Botschaft ist, und mag sein, dass so manche Behauptung auch in dieser Rede nichts mit der Realität zu tun hat („alternative Fakten“ heißt das mittlerweile …) – etwa dass die USA „Billionen Dollar im Ausland“ ausgegeben und „andere Länder reich gemacht“ hätten, während sich der Reichtum Amerikas „am Horizont aufgelöst“ habe. Davon, so die Erlösungsfantasie des neuen Mannes im Weißen Haus, werde er sein Land befreien.
Das ist nicht nur rhetorisch starker Tobak und religiöser Schwulst. Es handelt sich vielmehr um den Missbrauch von Religion, um die Heilsexklusivität nur für die eigenen Leute und die eigenen Interessen zu behaupten – Trump paraphrasierte dazu den 133. Psalm: „Die Bibel sagt uns, wie gut und schön es ist, wenn das Volk Gottes miteinander in Eintracht lebt.“

Jüdisch-christliche Tradition für die eigene Ideologie benutzt

Wie man sieht, kann auch die jüdisch-christliche Tradition als Steinbruch für die eigene Ideologie benutzt werden: Der von Trump extra engagierte Reverend, der früher schon mit der Qualifizierung des Christentums katholischer Spielart als „satanisch“ aufgefallen war, fand am Inaugurationstag in seiner Predigt Bibelstellen, mit der er taxfrei die von Trump angekündigte Mauer zu Mexiko rechtfertigte.
Dass in solch fundamentalistisch-christlicher „Vision“ Gerechtigkeit und Frieden nicht vorkommen (außer es geht um die eigene Sache), muss nicht eigens betont werden. Doch die biblische Botschaft, die frohe Botschaft des Evangeliums gilt jenseits der mexikanischen Grenze genauso.
Das und nicht weniger müsste die Rede von Christinnen und Christen sowie von Kirchenführern sein – vom ersten Tag der Präsidentschaft Donald Trumps an. Der gegenwärtige Papst versucht, den Angehörigen seiner Kirche genau dies Tag für Tag nahezubringen. Der katholische Kardinal, der bei der präsidentiellen Amtseinführung in Washington aus der Bibel las, blieb da die notwendige Klarheit aber schuldig.
Der Amtsantritt des Donald Trump begann damit, das Christentum in Geiselhaft zu nehmen. Ein weiteres schlechtes Zeichen unter den vielen dunklen Auspizien, die sich da jenseits des Atlantiks auftun.

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