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50/2016 - Der Brückenbauer der Welt (Otto Friedrich)
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Alt 14.12.2016, 08:33
Der Brückenbauer der Welt

Das Öffnen starrer Denkgebäude und hermetischer Ideologien kann auch von heftigen Windböen begleitet sein. Niemand weiß das besser als Papst Franziskus.

| Von Otto Friedrich

Kaum glaublich, dass er seinen 80. Geburtstag begeht: Erst seit dreieinhalb Jahren steht Papst Franziskus an der Spitze der katholischen Kirche, und in dieser wahrlich kurzen Zeitspanne hat er einiges an Unruhe in die Institution gebracht. Vier Kardinäle haben vor Kurzem ihre Aufforderung an Franziskus öffentlich gemacht, er möge „Unklarheiten“ bei Positionen zu Ehemoral und Lebensschutz, die sie nach Veröffentlichung des Papstschreibens „Amoris laetitia“ orten, beseitigen. Der erzkonservative Kirchenflügel tobt seither, weil Franziskus keine Antwort auf die Kardinal-Fragen gegeben habe.
Dabei ist für unvoreingenommene Beobachter evident, dass die Fragen der Kardinäle suggestiv und schon in der Formulierung von der Unterstellung geprägt sind, der Papst würde – etwa in der Frage der Zulassung von Geschiedenen zu den Sakramenten – nicht mehr katholisch sein. Der Vorgang erinnert an Fangfragen und formaljuridische Fallen, wie sie auch das Neue Testament in den Kontroversen zwischen den „Rechtgläubigen“ und Jesus beschreibt – man wundert sich, wie wenig die Franziskus-Kritiker ihre Bibel gelesen haben. Der neutestamentliche Jesus antwortetet auf diese Fragen meist nicht direkt oder mit Gleichnissen (etwa mit jenem des barmherzigen Samariters).

Aufatmen, aber nicht undifferenzierte Bejubelung

Franziskus, der Papst, macht sich genau diese jesuanische Denk- und Redeweise zu eigen, wenn er nicht in die Falle seiner neopharisäischen Kritiker tappt. Hier weht in der katholischen Kirche tatsächlich ein neuer Wind. Langgediente Kirchenleute – etwa der Theologe und Therapeut Wunibald Müller (FURCHE 49/2016) – haben zuletzt in ihren Publikationen ausgesprochen, wie befreiend es für Vordenker ist, dass ihr Denken nun ohne Angst vor kirchlichen Sanktionen stattfinden kann. Mag manches in Leitungs- und Redestil des Papstes ein wenig inkonsistent scheinen, so ist das wohl der Tatsache geschuldet, dass das Öffnen starrer Denkgebäude und hermetischer Ideologien auch von heftigen Windböen begleitet sein kann.
Das bedeutet allerdings auch nicht, dass die neue Kirchenzeit allzu undifferenziert zu bejubeln wäre. Die Gefahr eines Sturms im Wasserglas besteht durchaus. Hier hinkt auch der Vergleich des gegenwärtigen Pontifikats mit jenem Johannes XXIII.: Denn damals brodelte und gärte es nicht nur bei kirchlichen Denkern, sondern in den Gesellschaften überhaupt. Das Aggiornamento, die durch das II. Vatikanum versuchte Verheutigung von Kirche, geschah vor dem Hintergrund eines globalen Fortschrittsoptimismus. Dieser ist bekanntlich längst verflogen.

Die Alten, nicht die Jungen goutieren den frischen Wind

In der Kirche wurden denen, die fortschreiten wollten, Prügel über Prügel in den Weg gelegt, sodass ihr viele den Rücken kehrten. Es sind nicht die Jungen, sondern die in die Jahre gekommene Konzilsgeneration, die den frischen Wind goutiert.
Dazu kommt, dass es für Franziskus’ Ideen und Grundlegungen auch der Bischöfe und der Priester bedarf, die da mitgehen. Ein Blick in Priesterseminarien zeigt, dass dort jedoch der konservativ(st)e Geist vorherrscht – und nicht der Aufbruch zu neuen Ufern. In der Logik der franziskanischen Wende wären somit dringlichst die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt anzugehen. Schwer vorstellbar, dass dies demnächst tatsächlich auf die Agenda kommt.
Interessant bleibt dennoch, dass sich Franziskus weiterhin als unbeirrbarer Anwalt der Menschen erweist. Genau darin scheint er wiederum aus der Zeit gefallen: Wo weltweit immer mehr Menschen der autoritären Versuchung nachlaufen und den starken Männern wieder viel zu viel Macht geben, redet und tut der Papst anders. Und wo auch mehr und mehr Christen von Grenzen und Abschottung träumen, bleibt Franziskus der unermüdliche Fürsprecher für Flüchtlinge und alle von der Welt Vergessenen. Schon allein deswegen braucht nicht nur seine Kirche diesen Pontifex – Brückenbauer! – mehr denn je.

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