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44/2016 - Die Agenda aller Christen (Otto Friedrich)
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Alt 02.11.2016, 08:54
Die Agenda aller Christen

Auch in der Begegnung mit den Lutheranern im schwedischen Lund war Franziskus ein Papst der Symbole und Gesten. Die ökumenischen Fragen bleiben offen wie je.

| Von Otto Friedrich

Es ist, auf den ersten Blick, wieder einmal die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Das Bild scheint taxfrei auf die Ökumene-Lage zwischen Katholiken und Protestanten anwendbar zu sein: Je nach Blickpunkt war der Besuch von Franziskus beim Lutherischen Weltbund im schwedischen Lund ein Fortschritt oder kein Fortschritt. Es gab bewegende Zeichen, eine gemeinsame Erklärung. – Und sonst?
Einmal mehr hat sich Franziskus als Papst der Gesten und der Symbole erwiesen: Dass er am Reformationstag einem gemeinsamen Gottesdienst mit Lutheranern mit vorstand, ist auf der Ebene des Symbolischen zweifelsohne ein weiterer Schritt. Auch der sich um Konventionen wenig kümmernde Zugang den Glaubensgeschwistern gegenüber setzte sich vor und in Lund fort: Papst Johannes Paul II. hätte nie und nimmer eine protestantische Bischöfin empfangen, Nachfolger Benedikt XVI. tat dies zwar, nur durfte es keine Fotos darüber geben. Franziskus hingegen hatte die schwedische Erzbischöfin Antje Jackelén bereits in Rom empfangen und das Oberhaupt der schwedischen Lutheraner auch in Lund umarmt. Ob die päpstliche Symbolpolitik aber die Gräben, die immer noch vorhanden sind, zuschütten kann?

In der Frage des Abendmahls will man weiterkommen

Man darf, kann und soll als Katholik mit den evangelischen Glaubensgeschwistern feiern. Aber Katholiken wie Evangelische sollten darauf dringen, dass auch außerhalb des Symbolischen in der Ökumene etwas weitergeht. Doch da war die Begegnung von Lund einmal mehr kein großer Schritt nach vorn. Ja, der Präsident des Lutherischen Weltbundes und der Papst unterzeichneten eine Gemeinsame Erklärung, in der es jedenfalls explizit heißt, man wolle in der Frage eines gemeinsamen Abendmahls weiterkommen. Das ist nichts anders als eine Festschreibung des Status Quo – und wird Kritiker der derzeitigen Ökumene kaum befriedigen.
Einer davon, der Wiener reformierte Theologe Ulrich Körtner, hat zuletzt in der FURCHE (42/2016) die Lösung der Abendmahlsfrage sowie das leidige Problem, dass reformatorische Gemeinschaften von Rom nicht als „Kirche“ anerkannt werden, als Eckpunkte echten ökumenischen Fortschritts eingemahnt. Aber von einer Klärung dieser Eckpunkte kann keine Rede sein.
Unverbesserliche Ökumeniker mögen da ja anerkennen, dass in der Gemeinsamen Erklärung von Lund die katholische Kirche immerhin nicht mehr defensiv davon spricht, dass zuerst alle kirchentrennenden Punkte wie etwa die Frage des kirchlichen Amtes geklärt sein müssen, bevor man über eine Eucharistiegemeinschaft mit den Protestanten redet.

Es geht ums Bezeugen der frohen Botschaft der Christen

Das ist aber bloß ein atmosphärischer und gewiss kein wirklich theologischer Fortschritt. Denn gerade um die Frage, wer Kirche ist und wer nicht, schummelten sich Franziskus und auch die Gemeinsame Erklärung herum, indem sie von „Katholiken und Lutheranern“ sprachen – und das Wort Kirche(n) gar nicht mehr in den Mund nahmen.
Die konservativen Kritiker auf katholischer Seite werden Franziskus da einmal mehr vorwerfen, er verrate die „wahre“ Kirche, weil er nicht einmal das Wort „Kirche“ auszusprechen wage. Und die protestantischen Skeptiker wie Ulrich Körtner fühlen sich bestätigt, dass die katholische Seite immer noch nicht bereit ist, den Evangelischen auf Augenhöhe als „Kirche“ zu begegnen.
Es handelt sich bei dieser erstarrten Auseinandersetzung leider nicht um theologische Spitzfindigkeiten. Sondern ums Verkennen der Zeichen der Zeit: Denn in den religiösen, politischen und sozialen Wirren, denen sich die Welt zurzeit gegenübersieht, kann sich die Christenheit den Kampf um Partikularpositionen überhaupt nicht mehr leisten. Denn es geht ums Bezeugen der frohen Botschaft der Christen. Und nicht darum, nach welcher Façon man unter diesem Zeugnis selig wird.

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