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43/2016 - Österreich: Fragezeichen (Rudolf Mitlöhner)
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Alt 25.10.2016, 08:38
Österreich: Fragezeichen

Die Erzählung, welche die Zweite Republik geprägt und getragen hat, ist unwiderruflich an ihr Ende gekommen. Die Formulierung einer neuen ist nicht nur Sache der Politik.

| Von Rudolf Mitlöhner

Vor siebzig Jahren schrieb der Historiker und Publizist Friedrich Heer in dieser Zeitung einen Leitartikel unter dem schlichten Titel „Österreich?“ (siehe auch „Anno dazumal“, Seite 24). Der die ganze Seite 1 füllende und auf die nächste Seite überlaufende Text erschien ausgerechnet am 26. Oktober, jenem Tag also, der knapp zwanzig Jahre später zum österreichischen Nationalfeiertag werden sollte. Anlass für Heers Ausführungen waren damals, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die 950-Jahr-Feiern Österreichs (Ostarrichi-Urkunde 996) – und sie kreisten um die Frage, was denn genau zu feiern sei bzw. was es mit diesem Österreich auf sich habe.
Auch heute, unter völlig anderen und zweifellos ungleich besseren Rahmenbedingungen, müsste man hinter „Österreich“ ein Fragezeichen setzen. Ungeachtet der grandiosen Erfolgsstory der Zweiten Republik scheint dieses Land sich seiner selbst nicht gewiss – nicht nach innen und (daher auch) nicht nach außen. Vielleicht müsste man aber korrigierend ergänzen: ‚nicht zuletzt aufgrund dieser Erfolgsstory‘. Denn sie hat das Land zunehmend satt und träge gemacht. Und jetzt, da das Alte nicht mehr trägt, fehlt die Kraft für Neues – und dieser Mangel bricht sich Bahn in Übellaunigkeit bis hin zu Wut und Aggression.

Versöhnung und Wiederaufbau

Das Alte, das war das Narrativ von Versöhnung und Wiederaufbau, von Konsensdemokratie und Sozialpartnerschaft, deren konkrete politische Ausprägung die (beinahe) immerwährende „Große Koalition“ darstellte. Das stimmt freilich schon lange alles nicht mehr zusammen und erfuhr ja auch zu Beginn der Jahrtausendwende eine markante Unterbrechung. Aber eine Zeit lang funktionieren Dinge ja noch weiter, nachdem sie sich überlebt haben – nicht nur, aber eben auch in der Politik. Nun jedoch, in Zeiten jenes dramatischen Wandels, der mit Begriffen wie „Digitalisierung“ oder „Industrie 4.0“ hilflos umschrieben wird, und der einhergeht mit einer multiplen (Wirtschafts-, EU-, Massenmigrations- …) Krise, werden die zunächst noch feinen Risse zu klaffenden Spalten.
Die lähmende (partei)politische Dunstglocke, die über dem Land liegt, beschleunigt diese Entwicklung noch. Aber es wäre zu kurz gegriffen, die Schuld nur bei der Politik zu suchen. Beides – Lähmung und Wut – sind nur zwei Seiten einer Medaille. Man muss die politische Situation eines Landes nicht nur als Ursache sondern auch als Ausdruck seiner gesellschaftlichen Verhältnisse und seiner geistigen Befindlichkeit begreifen.

„Freiheit von unten“ statt „Sozialtechnik von oben“

Was fehlt, ist ein neues Narrativ, also eine übergeordnete, sinnstiftende „Erzählung“, eine Geschichte, die wohl in der Vergangenheit wurzeln muss, aber aus dieser Tradition heraus eine Richtung zu weisen imstande wäre. Auch hier gilt: Das bedeutet nicht, auf einen politischen Messias zu warten. Das erforderte zunächst und vor allem einen Wandel in den Köpfen der einzelnen. Auch die beste Regierung, der beste Kanzler kann nur so gut sein wie das Volk, braucht gewissermaßen als Substrat eine Grundstimmung aus Zuversicht, Risikofreudigkeit und Leistungsbereitschaft.
Zurecht hat der ehemalige deutsche Verfassungsrichter Udo di Fabio beim vom steirischen Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer ins Leben gerufenen Kongress „Österreich 22“ letzte Woche in Graz darauf hingewiesen, dass „die westliche Gesellschaft und ihr Wertesystem nicht auf Sozialtechnik von oben, sondern auf selbstverantwortlicher Freiheit von unten“ gründeten (siehe auch „Also sprach“ rechts). Und er warnte eindringlich vor Resignation: „Wir dürfen aus der Postmoderne keine Antimoderne machen, denn jenseits unseres humanistischen Weltbildes kann ich keine Verheißung erkennen, sondern nur die Barbarei.“ Rufzeichen.

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