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14/2017 - Die vielen bösen Buben (Rudolf Mitlöhner)
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Alt 05.04.2017, 09:50
Die vielen bösen Buben

Die vielfach berechtigte, teilweise aber auch überschießende Kritik an Trumps USA neigt dazu, die Unterschiede zu totalitären und dikatorischen Ländern zu nivellieren.


| Von Rudolf Mitlöhner


Im Furor der Ereignisse auf europäischer wie globaler Ebene sind offenkundig auch die Maßstäbe unserer Wahrnehmung und Bewertung einigermaßen verrutscht. In klassischen wie neuen (sozialen) Medien wird da gerne ein großer Bogen über die Bösen dieser Welt gespannt: Trump, Putin, Erdogan, Orbán, Kaczynski werden da in einem Atemzug genannt, nicht zu vergessen die (west)europäischen Rechtspopulisten wie Le Pen, Wilders, Strache & Co., und der gleichsam personifizierte „Brexit“ gehört da auch noch mit hinein.
Schärfer noch als im gedruckten Wort tritt diese Verzerrung naturgemäß in der zur Zuspitzung, Oberflächlichkeit und Beschleunigung neigenden digitalen Welt auf: Dort wurden schon vor längerer Zeit Trump, Wilders und der britische Außenminister und Brexit-Befürworter Boris Johnson über ihre nicht ganz unähnliche Haartracht visuell in einen Topf geworfen. Dieser Tage kursierte in den sozialen Medien gar ein graphischer Trump/Kim Jong-un-Verschnitt. Spätestens hier fragt man sich: Geht’s noch? Der US-Präsident (fast) genau so schlimm wie der nordkoreanische Diktator? Oder dieser auch nicht (viel) ärger als jener? Gewiss, das ist nicht Mainstream der veröffentlichten Meinung – und man kann das ja auch bis zu einem bestimmten Grad lustig finden.

Saturierte Meinungselite

Allerdings dürfte es doch einen ernsten Kern geben: Aus der Perspektive einer saturierten, arroganten Meinungselite nimmt sich offenbar alles, was nicht den eigenen, für sakrosankt erklärten Kriterien („europäisch“, „liberal“, „offen“ u. dgl. m.) genügt, als defizitär aus. Das freilich gilt nicht nur für Facebook, Twitter & Co. sondern auch für einen nicht unwesentlichen Teil der etablierten Medien sowie der mit ihnen symbiotisch verbundenen Politiker. Die dabei freilich tendenziell übersehen, dass ihnen die Leute (Seher, Leser, Wähler) abhandenkommen und Gefahr laufen, zum selbstreferenziellen System zu werden.
Dabei wäre es ziemlich einfach: Man bräuchte nur den fiktiven Selbsttest machen und sich überlegen, ob man lieber in Trumps Amerika, Orbáns Ungarn, Kaczynskis Polen oder in Kims Nordkorea oder auch in Putins Russland, Erdogans Türkei leben möchte. Keine Frage: Trump hat, um es einmal sehr höflich zu sagen, noch nicht viel getan, um die massiven Bedenken und Vorbehalte gegen ihn auszuräumen (am ehesten durch den einen oder anderen seiner Minister wie den Chef des State Department, Rex Tillerson). Aber gleichzeitig beweist ja gerade die Tatsache, dass er mit einigem an Justiz und Kongress (vorerst?) gescheitert ist, das Funktionieren der checks and balances.

Osteuropäischer Stachel im EU-Fleisch

Auch über die ungarische und die polnische Regierung mag man gelegentlich die Nase rümpfen. Insbesondere Viktor Orbán scheint nicht davor gefeit, dass ihm die – demokratisch zustandegekommene – Machtfülle zu Kopf steigt. In Sachen Massenmigration freilich hat insbesondere Orbán die überwiegende Mehrheit der Europäer zweifellos auf seiner Seite. Und als Protagonisten einer Alternative zur Brüsseler und Merkel’schen Alternativlosigkeit sind Orbán und andere Osteuropäer ein willkommener Stachel im Fleisch (wie es auch die Briten waren). Wirklich kritikwürdig ist indes Orbáns Hang zu Protektionismus und Trump’schem „Hungary first“, wie er auch jetzt wieder in Sachen Central European University (CEU) zutage tritt. Wobei schon seltsam ist, wie plötzlich CEU-Gründer George Soros zum Helden für gerade jene wird, für die der Superkapitalist und Oberspekulant Soros eigentlich das Feindbild schlechthin sein müsste …
Kritikwürdig ist dieses „Hungary/America/… first“ übrigens nicht, weil es nicht legitim wäre, Eigeninteressen Priorität einzuräumen. Sondern weil wirtschaftliche, aber auch wissenschaftliche, geistige Abschottung letztlich und auf lange Sicht ebendiesen Eigentinteressen zuwiderläuft. Aber solche Differenzierungen stören nur die Geschichte von den bösen Buben.

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