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51/2016 - Die furchtbar Spielenden (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen 21.12.2016, 08:38
Die furchtbar Spielenden

Das Jahr endet, wie es begonnen hat: mit Schrecken. Die Reaktionen darauf sind mittlerweile Routine. Gedanken zu Weihnachten am Ende eines annus horribilis.

| Von Rudolf Mitlöhner

Es mutet an, wie der düstere Schlussakkord (hoffentlich) am Ende dieser Symphonie tragique des Jahres 2016, das mit der Kölner Silvesternacht begann: Der Terror von Berlin reißt alte Wunden auf, ruft die blutige Kette von Anschlägen und Schrecken der jüngeren Zeit, die natürlich über die Jahresgrenze hinausreicht, schmerzlich ins Gedächtnis zurück. Alle Worte, alle Bekundungen und Rituale wirken mittlerweile, nach dem soundsovielten Mal, seltsam leer und schal – Pflichtübungen von Staats-, Regierungschefs und Ministern. Man möchte indes nicht in deren Haut stecken, von denen dennoch ebensolches erwartet wird: Sie können es fast nicht richtig machen, zu schmal ist der Grat zwischen Beruhigung / Beschwichtigung / Verharmlosung auf der einen und Warnung / Dramatisierung / Panikmache auf der anderen, jedenfalls in der öffentlichen und veröffentlichten Wahrnehmung. Was den einen da zuviel, ist den anderen dort schon zuwenig und vice versa.
Womit wir bei einem anderen zentralen Thema des zu Ende gehenden Jahres sind: der dramatischen Entfremdung zwischen politischen (und medialen) Eliten und der Bevölkerung. Diese hat freilich nicht ausschließlich, aber ganz wesentlich mit dem oben Beschriebenen und all den daran hängenden Fragen rund um Migration und Integration zu tun.

Grade des Schreckens

„Einer / wird den Ball / aus der Hand der furchtbar / Spielenden nehmen“: Diese Eingangsstrophe eines Gedichts der jüdischen Lyrikerin Nelly Sachs stellte der damals 40-jährige Grazer Hochschulseelsorger Egon Kapellari an den Beginn seines Leitartikels für die FURCHE-Weihnachtsausgabe 1976 (siehe auch „Anno dazumal“, S. 24). Wem müsste man angesichts der gegenwärtigen Weltlage die brennende Aktualität dieser Worte erläutern? Die „furchtbar Spielenden“ sind uns in diesem annus horribilis auf Schritt und Tritt begegnet. Auch wenn die Zuordnung nicht immer so einfach sein mag, wie es die veröffentlichte Meinung suggeriert oder es die Gesetze der political correctness gebieten. Wenn es also vielfach ein „furchtbares Spiel“ ist, an dem verschiedene Seiten ihren Anteil haben. Und auch wenn der Grad des Schreckens sehr unterschiedlich ist: Der fürchterliche Krieg in Syrien ist von gänzlich anderer Dimension als beispielsweise der Brexit mitsamt seinen politisch-ökonomischen Verwerfungen.

Unauslöschliche Hoffnung

Wer aber nimmt all den (unterschiedlich) „furchtbar Spielenden“ den Ball aus der Hand? Politisch-religiöse Kurzschlüsse verbieten sich. Gerade Christen – aber nicht nur sie – wissen, dass die Projektion von Hoffnungen auf den „Einen“ im Bereich der weltlichen Macht stets in die Katastrophe geführt hat. Der „Eine“, der anderen, vermeintlich oder tatsächlich „furchtbar Spielenden“ den Ball aus der Hand genommen hat, spielte dann oft noch viel furchtbarer, viel grausamer und skrupelloser mit dem Ball in seinen Händen. Insofern ist es beunruhigend, dass die Bereitschaft zu solchen politischen Projektionen auf den „Einen“ wieder zu steigen scheint. Die idealtypische demokratische Alternative wäre, dass prinzipiell alle für die Kontrolle des Balles verantwortlich sind, dafür, dass niemand alleine den Ball in der Hand hat, erst gar nicht in die Versuchung des „furchtbar Spielens“ kommt.
Nelly Sachs spricht im Verlauf ihres Gedichts dann von der „Seidenlocke des Kindes“ und am Ende heißt es „Du leiseste aller Geburten“. Ohne diese behutsamen Zeilen vereinnahmen zu wollen, findet sich hier ein Anknüpfungspunkt für „Christen, Kaum-noch-Christen und Noch-nicht Christen“ (Kapellari) zum Weihnachtsfest: zu jenem Kind in der Krippe, mit dem die Hoffnung wider alle Hoffnung auf ein Ende des „furchtbaren Spielens“ unauslöschlich in die Welt gesetzt, in die Menschen eingepflanzt wurde.

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