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01/2017 - Mitten in der je eigenen Wirklichkeit
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Ungelesen 04.01.2017, 05:40
Mitten in der je eigenen Wirklichkeit

Die vielfältigen Ursachen der postfaktischen Befindlichkeitskultur. Das Gegenmittel: Diskussionskultur, die sich um Öffentlichkeit und Kritik müht.

| Von Georg Cavallar

Die Szene mutet gespenstisch an. Andreas Georgiou, der Präsident der griechischen Statistikbehörde Elstat von 2010 bis 2015, war mit einem Verwaltungsrat konfrontiert, der verlangte, dass über angesammelte Daten und Statistiken abgestimmt werde, „um Griechenland zu helfen“. Georgiou entgegnete, dass das erstens illegal und es außerdem absurd sei, „über Zahlen abstimmen zu wollen“. Die Beispiele aus dem Internet und den sozialen Medien, wo auch mit Absicht falsche Informationen gepostet werden, sind mittlerweile Legion. Postfaktische Tendenzen zeigen sich in der Politik, im Alltag und der Wissenschaft. „Everyman his own historian“, erklärte der Historiker Carl L. Becker bereits 1931. Die verschiedenen Formen des philosophischen Konstruktivismus behaupten, dass wir uns alle eine eigene Wirklichkeit im Gehirn erschaffen oder zusammenstellen. Mittlerweile ist es in vielen wissenschaftlichen Publikationen üblich geworden, „die Wahrheit“ nur noch unter Anführungszeichen anzuführen, wenn sie denn überhaupt noch erwähnt wird. Oder es ist völlig widersinnig von einer „subjektiven Wahrheit“ die Rede (das ist eine contradictio in adjecto). Auch unsere Jugendlichen haben es „verstanden“.
Das trotzige „Ich habe ein Recht darauf, das so zu sehen“ vermischt das Recht auf eigene Meinung mit der Beliebigkeit, „alles, was ich will“ ohne Faktenbezug zu behaupten. Endergebnis ist ein fast schon kindliches Bestehen auf der „eigenen Meinung“, so unsinnig sie auch sein möge.

Postmoderne? Linke 68er? Konstruktivisten?

Die üblichen Verdächtigen sind schnell gefunden. Boris Schumatsky sieht postmoderne Strömungen als zentralen Faktor. „Der Begriff der Wahrheit erhielt einen repressiven Unterton“, meint er über ein Begleitphänomen postmoderner Emanzipationsprozesse. Der Relativismus wurde zur Waffe gegen jede Form der Autorität, auch jener der Vernunft und des Faktischen (Neue Zürcher Zeitung, 25. 4. 2016). Rudolf Taschners Prügelknaben sind die linken 68er. „Eingebrockt haben uns die postfaktische Politik die Alt-68er, die damals noch geglaubt haben, im sogenannten herrschaftsfreien Diskurs alles und jedes ihnen sympathisch Scheinende als Ziel zu verkaufen, egal, ob es durch Fakten gestützt wird oder nicht“ (Die Presse, 12. 10. 2016). Mit einiger Berechtigung können aber auch die Formen des philosophischen Konstruktivismus als „Schuldige“ genannt werden.
Auf einfache monokausale Erklärungen sollte auch hier verzichtet werden. Es ist wohl ein Zusammenspiel von mehreren Ursachen anzunehmen. Ich möchte hier einige Faktoren anführen, die meiner Meinung nach zentral sind.

Online-Communitys gegen „die Eliten“


Erstens: Die eigene Faulheit siegt über das Bemühen, nach der Wahrheit zu suchen, die eigene Ideologie triumphiert über die Wirklichkeit. Ein schlichtes Weltbild mit Schwarzweiß-Schemen, Unterstellungen, Psychologisierungen und Verschwörungstheorien ist allemal bequemer als die Anstrengung des Selberdenkens.
Diese Tendenz zum dogmatischen, realitätsfernen Denken wird – zweitens – durch jene verstärkt, die lieber die eigene Ideologie verkaufen statt Mündigkeit zu befördern. Nicht einmal österreichische Schulbücher in Geographie sind vor diesen Ideologisierungen sicher (siehe etwa Matthias Auer, „Wirtschaft: Schulbücher voller Fehler“, Die Presse, 13. 10. 2016).
Die Tendenz zur postfaktischen Gesellschaft hat – drittens - auch mit der steigenden Ablehnung von intellektuellen und politischen Eliten durch immer mehr Bevölkerungsgruppen zu tun. Diese Ablehnung ist teilweise durchaus nachvollziehbar, da diese Eliten oft eine arrogante Überheblichkeit etwa den berühmten „bildungsfernen“ Schichten gegenüber zeigen. Dazu kommt die häufige Uneinigkeit unter ausgewiesenen Experten und Expertinnen, etwa was die Interpretation von PISA-Ergebnissen oder die Ursachen des Dschihadismus betrifft. Die Folge: Die Experten werden ignoriert oder jedenfalls immer weniger wahr- und ernstgenommen, denn in der Wahrnehmung der Nicht-Experten sagt jeder sowieso etwas anderes, und damit hat niemand recht.
Alle diese Tendenzen werden – viertens - durch das Internet und vor allem durch soziale Netzwerke verstärkt. Der Online-Aktivist Eli Pariser hat schon 2011 auf das Phänomen der „Filterblase“ verwiesen. Der Soziologe Harald Welzer warnt in „Die smarte Diktatur“ vor den fatalen Versuchungen zur Selbstentmündigung. Die Algorithmen und teilweise auch software agents oder bots von sozialen Netzwerken begünstigen die Entstehung und Verbreitung von dogmatischen, hermetischen Weltbildern, wo abweichende Positionen gar nicht mehr auftauchen. Das Internet entwickelt sich zu einer Spielwiese für Paranoiker mit Wahnvorstellungen. Wie der Psychiater Thomas Stompe ausführt, ist beim Wahn „das kritische Denken als interne Kontrollinstanz ausgeschaltet, welche die paranoide Bewertung der Welt relativieren könnte“ (Interview in FURCHE 46, 17. 11. 2016). Das Ergebnis der Entwicklung ist das genaue Gegenteil von Bildung, Aufklärung und kritischem Denken.

Öffentlichkeit und Intersubjektivität

„Res publica“ bedeutet öffentliche Angelegenheiten. Ziel einer politischen Gemeinschaft sollte eine Diskussion sein, in dem es um Öffentlichkeit, Kritik und kritisches Hinterfragen geht. Onlinegemeinschaften, die in vielerlei Hinsicht an Sekten erinnern, sind tödlich für jeden demokratischen Rechtsstaat.
Der Psychiater Jan Kalbitzer warnt in seinem neuesten Buch „Digitale Paranoia. Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“ (C. H. Beck 2016, vgl. FURCHE 46/2016) vor Kulturpessimismus und diffusen Ängsten bezüglich des Internets. „Erkenne dich selbst, das ist der einzige Ratschlag, den ich eigentlich geben möchte“, meint Kalbitzer in Anlehnung an das Orakel von Delphi. Das erste Gegenmittel wäre also Selbstreflexion, das eigenständige Hinterfragen des eigenen Weltbildes, kritisches Denken und die Kultivierung der eigenen Urteilskraft.
Die moralische Dimension besteht in der Bereitschaft, die Anstrengung des kritischen Selberdenkens auf sich zu nehmen, auch wenn unsere eigene Bequemlichkeit dem massiv entgegensteht. Es geht um das Bemühen, die eigene Meinung jederzeit nach besten Wissen und Gewissen vernünftig begründen zu wollen. Rousseau sprach von der republikanischen Tugend: aus eigener Einsicht die eigenen Bedürfnisse den legitimen Interessen der politischen Gemeinschaft unterzuordnen. Das verlangt die Kultivierung der eigenen Urteilskraft, um zu bestimmen, worin die „legitimen Interessen“ der Gemeinschaft liegen. Kant bezog sich auf die Bereitschaft, „an der Stelle jedes andern [zu] denken“, also anhand der Perspektive anderer die eigene zu überprüfen. Diese „erweiterte Denkungsart“ ist das Gegenstück von sektenähnlichen und ideologischen Online-Gemeinschaften und Gruppierungen insgesamt.
In einem demokratischen Rechtsstaat soll es unterschiedliche Meinungen, Weltbilder und Interpretationen geben. Diese sind aber durch einen selbst und durch andere auf ihre Legitimität und ihren Faktenbezug zu prüfen. Vernunft beziehungsweise Annäherung an das Ideal der Vernünftigkeit bedeutet Öffentlichkeit und öffentliche Prüfung von Wahrheitsansprüchen. Diese werden immer schon gestellt – auch von Konstruktivisten und Relativisten, die zumindest ihre eigenen Theorien für vernünftig und begründbar halten. Dieser Prozess, öffentlich über die eigene Meinung und den eigenen Glauben Rechenschaft zu geben, ist die Aufklärung, nach Hans Blumenberg „die Behebung gleichsam der Gelegenheiten für die Passivität und damit Verführbarkeit der Vernunft“.

Auf dem Weg in die Ochlokratie?

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat nach einer Zeit der Leugnung des Problems der Verbreitung von Falschmeldungen sich bereit erklärt, mit einem eigenen Team die Fake-News offensiv zu bekämpfen. Das wird allerdings teuer werden, denn es setzt Qualitätsjournalismus voraus. Ich bleibe skeptisch, ob Betreiber von sozialen Netzwerken das umsetzen werden. Ich fürchte, dass jene Pessimisten recht haben, die europäische Demokratien und die USA auf dem Weg in die Ochlokratie oder Pöbelherrschaft sehen (Christian Goldstern, Der Standard, 16. 11. 2016). Der Pöbel sind aber nicht notwendigerweise „die da unten“; das können auch Menschen sein, die mit Fönfrisur ganz oben in einem Tower gesessen sind und in ihrem Egoismus die Kultivierung ihrer moralischen und intellektuellen Anlagen verweigern.
Wer hingegen dem postfaktischen Ungeist der Zeit Widerstand leistet, lebt unter Umständen gefährlich. Andreas Georgiou drohen nun Gerichtsverfahren wegen angeblicher Verschwörung gegen den Staat. Das soll wohl auch Griechenland helfen.


| Der Autor ist u.a. Lehrbeauftragter für Philosophie an der Uni Wien und schreibt an einem Buch über Islam, Aufklärung, Moderne und die erweiterte Denkungsart |

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