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51/2017 - Retter wovon? Wofür? (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 03:48
Retter wovon? Wofür?

Zum vielfältigen Phänomen „Weihnachten“ gehört auch die wiederkehrende Feststellung, wie schwierig es geworden sei, über Weihnachten zu reden.

| Von Rudolf Mitlöhner


Weihnachten also, alle Jahre wieder. Wie davon sprechen, darüber schreiben? Was lässt sich von diesem „Weihnachten“ – bei dem so viel mitschwingt, wie bei keinem anderen Fest oder wiederkehrenden Ereignis – vermitteln? Zu Weihnachten gehört auch, selbst (und gerade) in kirchlichen Kreisen, die Klage, wie schwierig es (geworden) sei, von Weihnachten zu reden, die Diagnose, wie entfremdet die säkulare Gesellschaft von der eigentlichen Botschaft des Festes längst sei.
So schrieb dieser Tage eine Religionspädagogin und Autorin auf dem Internetportal katholisch.de, „dass sogar das Fest der Geburt ihres Herrn und Erlösers nur noch eine Minderheit der Katholiken hinterm Christbaum hervorholt“. Sie bezog sich dabei auf eine Studie, wonach mehr als jeder zweite Deutsche zu Weihnachten keinen Gottesdienst besuchen wird und auch nur ein gutes Drittel der Katholiken vorhat, zu Weihnachten in die Kirche zu gehen. Die Conclusio ihres Beitrags: „Wenn die Botschaft ‚Christ, der Retter ist da!‘ mehrheitlich nur noch achselzuckend zur Kenntnis genommen wird (Retter wovon? Wofür?), müsste genau da der Ansatzpunkt einer schonungslosen, existenziellen Selbstprüfung der Kirche in Deutschland liegen.“

„Wer ist das, des Menschen Sohn?“

Nun ist das alles gewiss – natürlich über Deutschland hinaus – nicht falsch. Die Menschen früherer Zeiten waren sicherlich weit fester verankert in den kirchlichen Traditionen (in ihrer jeweiligen regionalen und konfessionellen Ausprägung). Dass indes das Verständnis der Botschaft selbst stärker ausgeprägt war, darf man bezweifeln: „Retter wovon? Wofür?“ – das sind in der Tat schwierige Fragen, auf die wohl niemand so leicht eine Antwort wüsste. Das liegt nicht an der Stumpfheit oder theologischen Ungebildetheit der Menschen, sondern daran, dass diese Botschaften im Wortsinn eine Zumutung bedeuten. „Wer ist das, des Menschen Sohn?“, lässt Richard Strauss seine lebenshungrige Salome Jochanaan (Johannes den Täufer) fragen – und so verständnislos wie sie mögen auch heutige Teenager (und nicht nur sie) dastehen: „Menschensohn?“
Das gesamte Glaubensgebäude der Kirche, der Schatz an biblischen und späteren Texten, nicht zu vergessen die unübersehbare Zahl an bildlichen und figuralen Darstellungen – dies alles zusammen sind Versuche der Annäherung an die letzten Fragen und Geheimnisse des Menschen aus einer christlichen Perspektive, die letztlich freilich immer ihre Entsprechung in der eigenen Lebenserfahrung haben muss – oder eben nicht hat.

„Und führe uns nicht in Versuchung“

Nicht alles davon ist gleichermaßen prägend geworden, kann die gleiche Verbindlichkeit beanspruchen – aber über die Jahrhunderte hat sich so etwas wie ein „Kanon“ (Richtschnur) herausgebildet, der Orientierung geben und Gemeinschaft bilden kann. Dass damit nicht alle Fragen beantwortet sind, hat zuletzt die vom Papst höchstselbst angestoßene Debatte um die Vaterunser-Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ gezeigt. Wer vermöchte präzise zu sagen, wie das zu verstehen sei? Die einen mögen meinen, es sei „lächerlich, über solche Dinge zu streiten“ (um nochmals aus „Salome“ zu zitieren) – für gläubige Menschen geht es um ein stetes Ringen um Verstehen, ein Prozess, der auch der Kirche als ganzer aufgetragen bleibt.
Anlass zu einer „schonungslosen, existenziellen Selbstprüfung der Kirche“ besteht also gewiss – wann denn auch nicht? Zu allzu (kultur-)pessimistischer Grundstimmung – ohne bestimmte Entwicklungen kleinreden zu wollen – jedoch keinesfalls. Zu glauben, den eigenen Glauben zu leben und zu verstehen, war nie einfach. „Christ, der Retter ist da – wovon, wofür?“: Die eigene Tradition bietet jede Menge Orientierungshilfen, aber die Antwort auf diese und ähnliche Fragen kann letztlich jeder nur selbst geben.