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Der Pfau - 33/2008

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Fantastische Luftburg

Sylvia Geists Novelle ist mehr als eine Urlaubsgeschichte, aber eine gute Urlaubslektüre. von Evelyne Polt-Heinzl

Die Bücher des jungen österreichischen Luftschacht-Verlages genauer anzusehen, ist fast immer ein lohnendes Unterfangen. Sie sind nett gemacht, gut lektoriert, die Covers so dezent wie originell und die Dichte an bemerkenswerten Debüts – zuletzt etwa Ruth Cerha – ist beachtlich. Nun präsentiert der Verlag mit der Novelle „Der Pfau“ den erste Prosaband der 1963 in Berlin geborenen Sylvia Geist, die als Lyrikerin 2002 den Lyrikpreis Meran erhielt.

Schräge Zutaten
Der weiße Buchumschlag zeigt im unteren Drittel ein hingebreitetes Fell wie ein buntes Pfauenkleid und eine einsame Tanksäule in Schwarzweiß – das sind gewissermaßen die symbolischen Hauptakteure des Buches. Mit sparsamer, aber sicherer Geste baut Sylvia Geist eine schwingende, fantastische Luftburg vor dem Leser auf und dämpft zugleich all das Absonderliche ins Unspektakulär-Alltägliche ab.
Tatsächlich lässt der Klappentext eine viel spektakulärere Geschichte erwarten, denn das Szenario ist einigermaßen grotesk: Eine Gruppe von Schaustellern, eine geheimnisvolle Fremde, die sich dazugesellt, die Tristesse einer Tankstelle an einer Durchzugsstraße im spanischen Nirgendwo, daneben, wie in diesem Reich des Transtorischen gestrandet, eine abgetakelte Achterbahn, hartnäckig mit dem englischen Wort Roller Coaster bezeichnet, ein öliger Schotterteich mit einem rostigen Kran, ein schweigsamer Tankwart, dessen Frau auf geheimnisvolle Art verschwunden ist, und der bunte Pfau, der in der staubigen Sommerhitze unermüdlich eine Zapfsäule der Tankstelle umwirbt.
Es ist eine Vielzahl von schrägen Zutaten, die Sylvia Geist hier aufmischt, ohne dass der Eindruck entsteht, hier würde mit dem Exotik-Bonus spekuliert. Das verdankt sich vor allem der verhaltenen und geduldigen Art, mit der die Erzählstimme von den Erlebnissen dieses Sommers berichtet. Sie gehört Judith, der Enkelin des Achterbahnbesitzers Popp; nach einer zu ruhigen Kindheit und einem abgeschlossenen Jus-Studium hat sie sich für einen Sommer dem Trupp ihres Großvaters angeschlossen. Dass mit dem Auftauchen der hübschen Lil das Unglück beginnt und das labile Beziehungsgeflecht der Truppe ebenso durcheinandergewirbelt wird wie die Mobilien des kleinen Trecks, ist bald evident. Und rasch wird auch deutlich, dass im ruhigen Ton der Erzählung auch eine Portion Schuldgefühl mitschwingt; ein wenig wirkt die nüchterne, aber natürlich auch parteiische Rekonstruktion der Ereignisse wie ein Rechenschaftsbericht oder eine Tathergangsschilderung, wie sie im juridischen Umfeld entstanden sein könnte, in das Judith nach diesem Sommer zurückkehren wird.

Jedem seine Obsession
Jeder der Akteure hat seine Obsessionen – wie Großvater Popp seinen Traum vom großen „Soul Lifter“ –, seine Verletzungen und seine Leidenschaften; die Momente der Zuneigung und Annäherung scheinen flüchtig und wechselnd, müssen in der berichteten Art aber nicht der Realität entsprechen. Denn es sind Judiths Interpretationen der Ereignisse, ihre Beobachtungen und ihre Sehnsüchte, die den Bericht färben. Und es ist ihre Entscheidung, was sie uns über ihre eigene Rolle in dem verwickelten Spiel mitteilt.

Mit Weitwinkel und Zoom
Wie Sylvia Geist dieses Spiel mit Weitwinkelobjektiv und Zoomeinstellung organisiert, erinnert ein wenig an Brigitte Kronauers Erzählwelten, die immer genauso viel zu verschweigen scheinen, wie sie mitteilen. In jedem Fall ist
Sylvia Geists Novelle ein absoluter Lesegewinn – mehr als eine kleine Urlaubsgeschichte, aber in jedem Fall eine gute Urlaubslektüre.

DER PFAU
Von Sylvia Geist
Verlag Luftschacht, Wien 2008
131 Seiten, geb., € 16,40
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