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Der Koch, der nicht ganz richtig war - 06/2007

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Schwer und leicht
Martin Klugers Geschichten: grotesker als das Leben.
Von Martin A. Hainz

Mit Der Koch, der nicht ganz richtig war legt Martin Kluger Geschichten vor, wie sie so nicht einmal das Leben schreibt. Eine Volte nach der anderen, alles stringent, dabei leicht – und immer so grotesk, wie die Welt ist, dann aber auch um das lebensrettende Quäntchen grotesker.
Die Geschichten sind dabei gegen den Tod gerichtet, den sie schildern. Ein ans Leben gerichtetes „Verweile doch“, das darum so am Leben hängt, weil es Erfahrungen älter als es selbst in sich trägt. So sagt Kluger respektive sein Erzähler von jener Tante, der der titelgebende Koch schöne Augen macht: „Ihre Augen, wie die der sehr alt werdenden Tiere, waren schon durch die Zeit gestreift, lange bevor sie sich der Welt öffneten am ersten oder zweiten Tag ihres Lebens.“ Lange bevor, das heißt bei jenen „mosaisch mandelförmigen dunklen Augen“ wohl: rund 5000 Jahre.
Mit einem nicht unähnlichen Blick streift der Erzähler umher, dann auch einem Totengräber ähnlich: „Wir müssen das Bild unserer Toten beenden, auch wenn es schwer fällt. Andere werden eines Tages dasselbe für uns tun.“ Denn nur „Plastikblumen“ sind „für die Ewigkeit“, so weiß dieser abgeklärte Dennoch-Lebenshunger. So wird des Vaters gedacht, Satzvariationen entlang: „‚Liebe und Frauen‘, sagte er, ‚leicht verwechselbare Wörter.‘“ „‚Mann und Frau‘, sagte mein Vater, ‚leicht verwechselbare Wörter.‘“ Diese Verwechselbarkeit macht Leben aus, kann aber auch tödlich sein, so in der perversen Szene, da einer Frau vorsätzlich Luft injiziert wird, das Element des Lebens, „es war das Element, das wir alle atmeten, das spritzten sie, ‚Luft‘, und sie lachten, wie Menschen lachen, wenn sie das Leben in vollen Zügen atmen.“
So ist das Geliebte unheimlich, „(s)ie war mir unheimlich“: „Ich liebte sie eben.“ Doch das Heimelige, die Heimat, die programmatische Heimat ist tödlich. Also besser wie jener Koch „nicht ganz richtig“ sein. Nicht den Rückzug wählen: „Je kleiner die Insel, desto größer die Paranoia.“ Sondern der Mutter – „Länderverlasserin“ – folgt der Erzähler, aus der Ordnung, die schweigt, „als seien den Menschen […] die Zungen herausgeschnitten oder die Gehirne entnommen worden.“ Ein Dialog lautet: „‚Sind wir Verbrecher?‘“ – „‚Ja‘, sagte sie.“

Die Sprache ist das Verbrechen freilich nur an einer Ordnung, die, wie es bei Musil heißt, in Totschlag übergeht. Die zumal jüdische Sprache beschreibt der Autor demgemäß als eine, „die mehr Seufzer kannte als Vokale oder Konsonanten.“ Darum die Sympathie für die seltsamen Existenzen, eben jenen Koch, der sich als Ägypter ausgibt. „Lernen Sie doch erst einmal Ägyptisch, Sie Aufschneider!“, so sagt die umworbene Tante zu dem Koch, der in Wahrheit (wahrscheinlich) spanisch-österreichischer Herkunft ist: „Der Koch war ein leidenschaftlicher Liebhaber und ein leidenschaftlicher Lügner. Seine Mutter stammte aus Spanien, sein Vater aus österreichischem Adelsgeschlecht.“ Belassen wir es bei der Bemerkung, dass zwar einleuchtet, aus der österreichischen Abstammung den leidenschaftlichen Liebhaber herzuleiten, doch nicht das Lügen aus Spanien – anders herum kann es doch nicht gemeint sein?
So begründet das Tragische und das Schwere das Frohe, Leichte, das das Buch und seine Episoden dann doch allenthalben durchdringt. So in den guten Ratschlägen: „Lies alle Bücher, die je geschrieben wurden, oder laß es. Wenn du es läßt, ist das eine so ungeheuerliche Entscheidung, daß sie die Weisheit aller je geschriebenen Bücher nicht nur einschließt, sondern möglicherweise übertrifft. Glaub mir das oder laß es.“ Genau so ist es, auch in Bezug auf dieses Buch.


Der Koch, der nicht ganz richtig war
Geschichten von Martin Kluger
DuMont Verlag, Köln 2006
146 Seiten, geb., € 18,40
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