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47 Minuten und 11 Sekunden im Leben der Marie Bend

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Der Weg in den goldenen Schuss
Rainer Juriatti erzählt in seinem ersten Roman vom Leben und Sterben einer jungen Frau: nüchtern und sorgfältig, mitunter auch poetisch.
Von Evelyne Polt-Heinzl

Der Filmemacher Rainer Juriatti, geboren 1964 in Vorarlberg, hat viele Jahre in der Suchthilfe gearbeitet und diese Erfahrungen haben sich dem bedrückenden Bericht vom kurzen Leben und Sterben der jungen Marie Bender deutlich eingeschrieben.
Der Auftakt ist die Beschreibung eines Tatortes, es gibt zwei Tote, aber keinen greifbaren Mörder; Marie und ihr Freund sind dem goldenen Schuss erlegen. Es ist Maries Bruder Marc, der die beiden findet. Er wollte seine Schwester holen, sie sollte die Weihnachtsfeiertage zu Hause verbringen. Lange hatte sich der Vater dagegen gesträubt, aus seinen Prinzipien heraus die vielen Enttäuschungen aufrechnend, die Marie ihm und ihrer Mutter angetan hat, allen voran die gebrochenen Versprechen, eine Therapie anzutreten.
Jedes kleinste Detail dieses fast in der Art des Nouveau Roman ziselierten Tableaus – als Filmemacher ist Juriatti wohl gewohnt, vom Bild aus zu denken – erhält im rückschreitenden Erzählen seine Bedeutung und seine Tiefe.
Eigentlich ist es eine ganz normale Familie, drei Kinder, ein Eigenheim mit Garten. Pubertäre Konflikte sind vorprogrammiert, doch im Fall der Marie Bender enden sie tödlich. Es beginnt damit, dass sie für Tage verschwindet, dann die Schule abbricht und schwanger wird. Wie häufig bei sehr jungen „Problemmüttern“, vermag die Verantwortung für den kleinen Leo nicht, sie aus dem Loch herauszureißen.

Sog nach unten

Der Sog nach unten geht weiter: süchtig und haltlos, wie sie ist, kommen bald Beschaffungskriminalität und Prostitution dazu. Sie ist verzweifelt und hilflos, doch eine Umkehr will ebenso wenig gelingen wie eine Annäherung an die Eltern, die alle Beteiligten irgendwie suchen, ohne dass eine gemeinsame Sprache oder eine gemeinsame Basis für einen Neustart gefunden werden könnte.
Juriatti beschreibt die Unmöglichkeit einer Verständigung und eines helfenden Eingreifens der Eltern wie letztlich auch der Sozialarbeiter und er tut das ohne jede Schuldzuweisung. Er lässt die Eltern in Briefen und Gesprächen mit den Sozialarbeitern ebenso zu Wort kommen wie Marie, die sich allerdings meist in ein Schweigen zurückzieht.
Wo genau Marie die falsche Abzweigung erwischt hat, wer vermag das zu sagen. Die Eltern jedenfalls nicht. Sie sind gefangen in ihren Vorstellungen von einem anständigen Leben.

Grausam und rührend

Es ist trotz aller Grausamkeit auch rührend, wie der Vater in seinen – zumeist ungelesen bleibenden – Briefen an die absente Tochter immer wieder genaue Finanzpläne aufstellt, wie Marie aus dem Schuldenschlamassel herausfinden könnte, als wäre das der Kern ihrer Probleme. Seine Aufstellungen inkludieren auch genaue Angaben zu Maries Schuldenstand bei den Eltern, für verursachte Schäden, für ihren Sohn Leo, um den sich die Großeltern kümmern, und für die Tage und Wochen, die Marie doch immer wieder im Haus der Eltern verbringt, eine Geborgenheit suchend, die sie hier nicht mehr finden kann. Dass sie nach dem Tod der Tochter milder werden und das Therapieangebot der Beratungsstelle nutzen, hilft Marie nicht mehr.
Die Sprache des Berichts ist verhalten und über lange Passagen nüchtern, wie es der
bürokratischen Verwaltung des Jugendelends entspricht. Dazwischen lässt der Ton immer wieder aufhorchen. Etwa wenn Juriatti die Kluft zwischen Marie und ihren Eltern in Bilder aus dem Erfahrungsbereich der jeweiligen Figur gießt. Aus Sicht der Mutter, die Trost sucht in der Gartenarbeit, wird das Wachstum der Pflanzen zum Zeitmesser: „An diesem Tag kriechen die Stangenbohnen fünf Zentimeter in die Höhe … Weitere zwei Meter fünfundzwanzig Zentimeter wird nichts zu hören sein von Marie.“ Juriattis Debüt ist sorgfältig und sprachlich genau, mitunter auch poetisch, aber nie, auch nicht in der beklemmenden Beschreibung der Innenbilder der Sucht, manieriert oder überzogen.

47 Minuten und 11 Sekunden im Leben der Marie Bender
Roman von Rainer Juriatti
Otto Müller Verlag, Salzburg 2008
154 Seiten, geb., € 17,–
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