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Alles, was es für immer bedeutet - 09/2007

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„wie eine Kamera, in Anschlag“
Die letzten Gedichte des großen Lyrikers Robert Creeley in einer zweisprachigen Ausgabe.
Von Cornelius Hell

Ernst Jandl, Klaus Reichert und Erwin Einzinger haben ihn übersetzt, Suhrkamp und Residenz verlegt: Robert Creeley, einen der bedeutendsten amerikanischen Lyriker des 20. Jahrhunderts, der auch einen Roman (Die Insel) und Erzählungen (Die Goldgräber sowie Mabel: eine Geschichte) geschrieben hat, und nicht zuletzt eine Autobiographie, die schon durch ihre sensationelle Kürze (62 Seiten!) aus dem Rahmen ihrer Gattung fällt. 2005 ist Creeley im texanischen Odessa 78-jährig verstorben und Jochen Jung, dem die Residenz-Ausgaben zu danken sind, hat in seinem Verlag postum eine grandiose Auswahl aus den beiden letzten Gedichtbände Creeleys herausgebracht.
Wer je das Glück hatte, Creeley lesen zu hören, wird die selbstverständlich-schmucklose Musikalität nicht vergessen, in der seine Gedichte klangen, als könnten sie gar nicht anders klingen. Diese scheinbar einfache Evidenz leuchtet auch auf, wenn man mit Creeleys Texten allein ist – die Ausgabe ist zum großen Glück durchgehend zweisprachig.

Jetzt erkenne ich,
ich war es immer,
wie eine Kamera,
in Anschlag

gebracht für das Bild,
oder ein Wasserhahn,
durch den es rauschend
flösse


– so beginnt das Gedicht Goodbye in deutscher Übersetzung; diese Zeilen fördern zutage, was Creeleys Faszination ausmacht: dass er weder beschreibt noch erzählt – auch wenn in den langen Gedichten viele Szenen und Vorgänge aufblitzen –, sondern Bilder vergegenwärtigt, hinter denen der Autor selbst dann zurücktritt, wenn die Kamera auf das eigene Leben gerichtet ist. Und erst recht tritt die Form, die Machart zurück – die genaue kalkulierte Reduktion mancher Gedichte trumpft ebenso wenig auf wie die weit ausschwingenden Langzeilen, die sich zu anderen Poemen dieseses Bandes fügen.
„Das Jahrhundert war weit gekommen, // als ich darin aufschien, /
und nun, da es endet, / merk ich erst, kurz war’s“ – auch diese Zeilen stehen in Goodbye. Das Wissen um den Abschied und so etwas wie eine Lebensbilanz durchzieht viele dieser Gedichte, die dabei nie zur griffigen Formel verkommen. „Ich kann nicht glauben, / dass das Alter für irgendwen einfach ist“, heißt es in dem Gedicht Erinnerung, das Allen Ginsbergs Traum von Gott als altem Mann bruchlos mit den eigenen urologischen Beschwerden zu verbinden weiß und in die Aussicht auf die Ungewissheit der wenigen noch verbleibenden Zeit mündet. Die beiläufige Leichtigkeit, die seine Gedichte auszeichnet, verliert Creeley auch dann nicht, wenn er von Erinnerung, Alter und Tod spricht.
Keine Botschaft beschwert diese Gedichte, es geht ihnen um das Sehen. Gerade darin korrespondieren das erste und das letzte Gedicht des Bandes nachhaltig. Auch die Gedanken sind integriert in dieses Sehen, das sich ebenso zu großen Zyklen weiten (Die Hunde von Auckland) wie zu einem unprätentiösen Blick auf das Leben als Ganzes verknappen kann – etwa in der titelgebenden Schlusszeile des Gedichts Place to be:

What you do is how you get along.
What you did is all it ever means.


Mirko Bonné hat nicht nur ein Nachwort verfasst, das eine kürzestmögliche Einführung in Poetik und Leben von Robert Creeley gibt und es so auch ermöglicht, die Lektüre des Dichters mit diesem Band zu beginnen, sondern er hat vor allem als Übersetzer viel riskiert. Und das nicht nur, weil diese Gedichte formal so verschieden sind und es gelegentlich schwierig ist, Reime und Assonanzen im Deutschen zu imitieren; sondern weil er bewusst versucht, die Gedichte „als Emotionseinheit zu begreifen“ und die „Membran zwischen Autor und Leser … auch in der Übersetzung am Schwingen zu halten“.
Soviel man natürlich über einzelne Stellen diskutieren kann – soll man sentimentality wirklich mit Gefühligkeit übersetzen? – so versichert die zweisprachige Lektüre, dass dem Übersetzer gerade dieses Grundanliegen gelungen ist und die deutschen Texte als Gedichte bestehen können. So ist diese zweisprachige Ausgabe des Jahrhundert-Lyrikers Creeley ein großer Glücksfall, wie er in der heutigen Verlagslandschaft immer seltener vorkommt.


Alles, was es für immer bedeutet
Gedichte von Robert Creeley.
Aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Mirko Bonné. Jung und Jung Verlag, Salzburg und Wien 2006, 134 Seiten, geb., € 19,90
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