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Das Wetter hat viele Haare - 44/2017

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Einige archetypische Situationen

Elf traumhafte Episoden deuten die Familiengeschichte eines Geschwisterpaares an. Renate Silberers Debütband „Das Wetter hat viele Haare“ lässt viel Raum für Fantasie.

| Von Evelyne Polt-Heinzl


Der Titel von Renate Silberers Debütband „Das Wetter hat viele Haare“ verdankt sich dem Ausspruch eines kleinen Mädchens, das einer bekannten Wettermoderatorin des heimischen Fernsehens eine üppige Haarpracht attestiert. Insgesamt sind es elf Episoden, mit denen das Schicksal einer Handvoll von Figuren mehr angedeutet als breit auserzählt wird.

Eingespielte Schicksale

Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Annemarie und Konrad, die an den Spätfolgen elterlicher Erziehungsmethoden und Familientraumata laborieren. Eigentlich nichts Großartiges, eher das Übliche. Schweigen über die NS-Verstrickung der Großeltern, wortreiche Floskelbildung im Alltag entlang tradierter Vorstellungen, was genau ein geordnetes Leben ausmacht. Annemaries unabgeschlossenes Studium gehört wohl nicht dazu, und ob es nicht doch zu verhindern gewesen wäre, dass Konrad schwul wird und dazu noch ein Tänzer, wird die Mutter wohl bis zuletzt beschäftigen.
Von den Geschwistern trägt Annemarie die Ängste ihrer Großmutter, die 1945 aus Schlesien vertrieben wurde, auf geheimnisvolle Weise in sich. Immer wieder triftet sie in fantasierte Kriegserinnerungen ab, auch die missglückte Beziehung zum Vater spielt eine Rolle. Konrad reibt sich prinzipieller an der verlogenen Biederkeit der Eltern. Er pflegt das Andenken an Urgroßmutter Franziska, die sich einer Zwangsverheiratung mit einem reichen Bauernsohn lange aber letztlich erfolgreich verweigerte und die für die widerständige Tradition in der Familie steht.
Eingespielt werden auch Schicksale aus dem Freundeskreis der Geschwister, Migrationsgeschichten, psychische Labilitäten, scheiternde Beziehungen. Dann kommen die eigenen Kinder, die Mühen des Alltagslebens, Eifersuchtsszenen, die an früher eingeführte Figuren zurückgebunden sind. Der tragische Höhepunkt für Annemarie ist der nicht näher beschriebene Verlust ihres Mannes und der älteren der beiden Töchter. Zu sehen bekommen wir nur das Grab und Annemaries emotionalen Abgrund.
Jedem Abschnitt ist ein kurzes „Momente“-Kapitel nachgestellt, das die nüchterne Perspektive einer der Figuren bringt, während die Episoden selbst oft ins Traumhafte verschwimmen. Dadurch erhält vieles nur angedeutete Konturen, es geht letztlich um archetypische Situationen im Leben durchschnittlicher Mitteleuropäer unserer Zeit. Die Erzählweise lässt viel Raum für Fantasie und Interpretation und streut manch eigenwillige Fügung ins dichte Bildgewebe wie: „Im Inneren des Ozeans leert der Tag seine Bilder.“ Oder: „Meine Hände Vögel sind hier, um den Tisch zu decken.“


Das Wetter hat viele Haare
Erzählungen von Renate Silberer
Kremayr & Scheriau 2017
176 S., geb. € 19,90
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