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Tyll - 44/2017

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Ein Tässchen Tee zum Krieg

Ein Meisterwerk sei das, jubelten Kritiker: In seinem neuen Roman lässt Daniel Kehlmann Till Eulenspiegel den Dreißigjährigen Krieg erklären.


| Von Veronika Schuchter


So stellt man sich einen Schriftsteller vor. Seriös, intellektuell, macht sich gut auf Schwarz-Weiß-Fotos, in Interviews umgibt ihn die Aura eines Strebers. Das ist die etwas gemeine Variante der Charakterisierung der Autor-Persona Daniel Kehlmanns. Die nettere, nicht weniger zutreffende, ist, dass Kehlmann verlässlich Qualität abliefert, ein literarischer Handwerker, der weiß, was er tut, bei dem Form- und Sprachbewusstsein Hand in Hand gehen, ein Profi.

Zu den Wurzeln zurück


Kehlmann ist Starautor und Liebling des Feuilletons gleichermaßen, er wird in Unterhaltungssendungen genauso eingeladen wie in die „Zeit im Bild“. Hinter seiner humorlosen Geißelung des deutschsprachigen Regietheaters in seiner Salzburger Festspielrede von 2009 wird auch sein literarisches Konzept sichtbar, das sehr klassisch ist und auf Experimente weitgehend verzichtet. What’s-App-Roman steht also keiner zu befürchten, auf avantgardistische Grenzgänge darf man sich indes genauso wenig freuen. Bei Kehlmann weiß man, was man bekommt.
Was für Günter Grass „Die Blechtrommel“ war, ist für Kehlmann „Die Vermessung der Welt“: Der eine große Roman, an dem alle weiteren gemessen werden, was indes unerreichbar scheint. Seine Texte seither wurden überwiegend freundlich besprochen und landeten verlässlich auf den vorderen Rängen der Bestsellerlisten. Doch die Strahlkraft der „Vermessung der Welt“ konnten Romane wie „Ruhm“ und „F“ nicht entfalten.
Mit seinem neuen Roman „Tyll“ kehrt Kehlmann zu seinen Wurzeln zurück, und man ist froh darüber. Die Kritik ist einhellig begeistert, ein Meisterwerk sei das, für manche ist Kehlmanns Gauklerroman sogar sein bester Text bisher. Die Anschlussfähigkeit des Romans ergibt sich aus den vielfältigen Lesarten, wie sich beispielhaft im „Literarischen Quartett“ zeigte. Während für Volker Weidermann die zarte Liebesgeschichte zwischen Tyll und Nele im Mittelpunkt steht, liest Christine Westermann den 480 Seiten starken Roman auf ihre gewohnt naive Weise als Geschichtsnachhilfewerk in Wikipedia-Manier über den Dreißigjährigen Krieg. Nur Thea Dorn ortet eine „kolossal vertane Chance“, da der Dreißigjährige Krieg auf „groteske Weise verbiedermeiert“ werde.
Till Eulenspiegel in den Dreißigjährigen Krieg zu versetzen, ist ein Geniestreich. Nicht, weil es gerade der Dreißigjährige Krieg ist, der im 17. Jahrhundert in Europa tobte, sondern weil es Krieg ist, welcher spielt dabei keine Rolle. Der Schönheitsfehler passiert in den ersten Kapiteln, in denen von Tyll Ulenspiegels, wie er bei Kehlmann historisch akkurat heißt, Kindheit erzählt wird, von den Misshandlungen durch den Knecht in der elterlichen Mühle, von traumatisierenden Erlebnissen im nächtlichen Wald, von der Hinrichtung des Müllers, seines Vaters, als Hexer und seiner Flucht mit dem Nachbarmädchen Nele.
In Christopher Nolans Batman-Verfilmung „The Dark Knight“ erzählt der Joker, eine ähnliche Narrenfigur, rührselige Geschichten davon, wie er zum Monster geworden sei. Jedes Mal eine andere, ein Katz-und-Maus-Spiel, das die Psychologisierung der Figur ad absurdum führt. Wie der Joker ist auch Till Eulenspiegel eine anarchische, im Kern gewalttätige und düstere Figur, die in der Psychologisierung nur verlieren kann. Dieses Konzept funktioniert bei historischen Figuren wie Alexander von Humboldt und Karl Friedrich Gauß in der „Vermessung der Welt“ hervorragend, nicht jedoch bei einer Kunstfigur wie Eulenspiegel, einem Narren noch dazu, der sich der Interpretation schon aufgrund seiner Wesenhaftigkeit entzieht, diesem ins Böse verkehrten Parzival, der alles wörtlich nimmt, um Unheil zu stiften.

Zynischer Reiseführer durch den Krieg


Kehlmann lässt seinen Ulenspiegel als Leitmotiv durch die unzusammenhängende Handlung vagabundieren. Er taucht auf Dorfplätzen, Schlachtfeldern und am Hof des Winterkönigs Friedrich und seiner Gattin Liz auf. „Da lachte er hämisch und sie musste schlucken und die Tränen zurückdrängen und sich daran erinnern, dass genau das seine Aufgabe war – ihr zu sagen, was kein anderer zu sagen wagte. Deshalb hatte man Narren, und selbst wenn man keinen Narren wollte, musste man einen zulassen, denn ohne Hofnarr war ein Hof kein Hof, und da sie und Friedrich kein Land mehr hatten, musste zumindest ihr Hof in Ordnung sein.“
Der Narr ist die karnevaleske Figur der Überschreitung, er hebt die Grenze zwischen den Schichten auf, er ist überall daheim und nirgends, er macht den König zum Tölpel und den Tölpel zum König. Hätte Kehlmann bloß den Narren Narr sein lassen. Eulenspiegel als misshandeltes Kind funktioniert nicht. Eulenspiegel als zynischer Reiseführer durch den Dreißigjährigen Krieg: das funktioniert. Den Krieg erklären, das kann er nicht, wohl aber den Finger in die Wunde legen und das Absurde, Lächerliche und Brutale daran zutage fördern.
Auffallend ist der Drang der Kritiker, diesen historischen Roman als Kommentar auf die aktuelle weltpolitische Lage zu rezipieren, was weniger über das Aktualisierungspotenzial des Textes aussagt, als über die gesellschaftlich angespannte Lage. „Denn es ist alles nicht lang her“, endet das fulminante Auftaktkapitel, das wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch daherkommt. Damit kann der Rest, trotz seiner Fülle an Schauplätzen, Figuren und Anspielungen auf historische Hintergründe, nicht ganz mithalten, die närrische Boshaftigkeit, die einem das Lachen im Halse stecken bleiben lässt, geht unterwegs verloren. „Tyll“ ist trotzdem ein großartiger, unterhaltsamer Roman, aber weh tut er nicht. Das ist wohl auch das, was Thea Dorn so schön als „verbiedermeiert“ bezeichnet: Das Grauen bleibt im Hintergrund, der Gestank und die Leichenhaufen wirken künstlich hingesetzt, da geht beim Lesen auf dem Sofa kein Tropfen Tee verschüttet.

Erfolgsgeheimnis


Das Geheimnis von Kehlmanns Erfolg bei Publikum und Kritik liegt in der gut abgewogenen Mischung von Unterhaltung und bildungsbürgerlichem Anspruch. Dass das Wissen, das sich der Autor zweifellos angeeignet hat, plakativ inszeniert und etwas antiquiert vorgebracht erscheint, stört dabei offenbar nicht weiter. Kehlmanns Prosa ist verspielt, aber nie so weit, dass es konservative Lesegewohnheiten zu sehr herausfordern würde, er legt Spuren, denen man folgen kann, aber nicht muss, Rätsel laden ein, gelöst zu werden, und wenn man eine historische Figur dechiffriert hat, dann freut man sich ob der eigenen Kultiviertheit.
Dagegen ist nichts einzuwenden, wieso es Kehlmann aber zu einem der größten deutschen Schriftsteller machen soll, zu den ihn das Feuilleton fast unisono ausruft, erklärt es nicht. Kehlmann ist ein Schausteller, kein Narr, seine Texte gleichen perfekt zusammengestellten Panoptiken, denen das Selbstzweckhafte eingeschrieben ist, nämlich staunen zu machen, während es dem Narr nicht um die kuriose Oberfläche geht, sondern darum, an das Verborgene und Schmerzhafte zu rühren, ohne Rücksicht auf Verluste. Das tut Kehlmanns Tyll leider nicht.


Tyll
Roman von Daniel Kehlmann
Rowohlt 2017 480 S., geb.
€ 23,60
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