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Happy End - 40/2017

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Ein Perfektionist im Selbstzitat

„Happy End“: Michael Haneke seziert einmal mehr die bürgerliche Familie – und verweist darin vor allem auf sein eigenes Œuvre.

| Von Otto Friedrich

Was kennen wir nicht alles schon von Michael Haneke, der österreichischen Regie-Legende, die vorzugsweise in Frankreich und mit französischen Stars dreht: Da war die – endlich mit dem Oscar prämierte –Sterbeparabel „Amour“. Oder die Elfriede-Jelinek--Adaption „Die Klavierspielerin“, die auch eine Vivisektion einer Gestalt mit sexuellen Abgründen darstellte. Gar nicht zu reden von „Funny Games“, dem eigentlichen Sündenfall Hanekes, in dem er sein Publikum die Komplizenschaft mit grinsenden und feixenden Gewalttätern aufzunötigen sucht. Oder die Verstörung des hermetischen Bürgertums in Norddeutschland am Vorabend des Ersten Weltkriegs („Das weiße Band“). Oder „Caché“, in dem dasselbige in Frank-reich der 2000er-Jahre samt einem Rückgriff auf den Algerienkrieg seziert wird.

Zwei Seiten der Kompromisslosigkeit

„Ich kennen keinen anderen Künstler, der weniger Kompromisse macht.“ So schreibt Ferdinand von Schirach im Nachwort zum Drehbuch von „Happy End“, das rechtzeitig zum Filmstart bei Zsolnay erscheinen ist. Das mit der Kompromisslosigkeit ist die eine Seite der Medaille, die andere weist mehr Gemeinsamkeiten mit dem Objekt der Beobachtung auf, als Haneke recht sein mag: Ist es seine Spezialität, die klaustrophobischen Mechanismen von Gesellschaften aufzuzeigen, so kann seine Welt- und Menschensicht eine eigene Art von In-sich-selbst-geschlossen-Sein nicht verleugnen. Der Grat zwischen zynischem Nihilismus und messerscharfer Daseinsanalyse ist gar schmal.
Dieser vollbepackte Rucksack der Haneke-Rezeption drückt auch aufs Aufnehmen des neuesten Opus des nunmehr 75-Jährigen. Beinahe unwillkürlich glaubt man schon vorab zu wissen, dass ein Haneke-Film, der mit „Happy End“ übertitelt ist, nicht von Glück und schon gar nicht einem glücklichen Ende geprägt ist. Und soviel darf verraten bleiben: Haneke enttäuscht die Erwartungen nicht – wie immer auf höchstem Niveau.
Außerdem erweist er sich als Meister der Beiläufigkeit: Was die traute Familie in „Happy End“ umtreibt, kann nicht getrennt werden von den äußeren Umständen, in denen sich Europa und dessen Bourgeoisie wiederfindet.
Die Bauunternehmerfamilie Laurent lebt in Calais, einem der Hotspots der europäischen Flüchtlingskrise. Wenn Madame zum Tunnel fährt, der den Kontinent mit England verbindet, muss sie eine durch hohe Mauern eingefriedete Straße nehmen – auf dass keine ungebetenen Personen den Weg aus Europa ins gelobte Britannien finden. Dieses Draußen bleibt in „Happy End“ auch draußen, aber drinnen ist gleichfalls nichts in Ordnung. Nur einmal, als die feine Familie mit Anne (Isabelle Huppert), der derzeitigen Firmenchefin mit ihrem englischen Anwalt und Geliebten Lawrence (Toby Jonnes) feiern will, taucht Sohn Pierre (Franz Rogowski), das schwarze Schaf der Sippschaft, mit afrikanischen Flüchtlingen aus dem nahen Lager auf.
Firmenpatriarch George (Jean-Louis Trintignant) hat einen Suizidversuch hinter sich und lebt in seiner vergangenen Welt, das Unternehmen steht nach dem Einsturz einer Baugrube (ein von Haneke großartig gefilmtes Tableau) vor dem Ruin, und Sohn Piere (Mathieu Kassovitz) ist Arzt, zum zweiten Mal verheiratet – und auch diesmal nicht nur mit seiner Frau liiert.

Ein Gemischter Satz Haneke

Ein Haneke-Kosmos, wie er im Buch steht. Und in dem es erwartbar zugeht. Das ist die größte Ambivalenz von „Happy End“: Ein wie immer kunstvoller, perfekt gebauter und erzählter Film und – gleichzeitig ein perfektioniertes Selbstzitat: Georges erzählt Eve, der Tochter von Paul, vom Ende seiner Frau – und nimmt direkt auf „Amour“, den vorigen Haneke-Film, Bezug. Aber auch 
Sexualfanatasien à la Klavierspielerin oder gesellschaftliche Verwerfungen wie eben in „Caché“ oder auch im „Weißen Band“ lassen sich in „Happy End“ wiederfinden.
Ein „Gemischter Satz“ Haneke also. Bei der Wiener Weinspezialität handelt es bekanntlich um ein durchaus mundendes Getränk, aber gewiss nicht um den edelsten Tropfen, den dieser Sommelier des Kinos anzubieten hat.
Ferdinand von Schirach konstatiert im zitierten Nachwort zu Hanekes Œuvre, es handle sich bei ihm keinesfalls um kalten Nihilismus oder um ein zynisches Weltbild, „keine Abkehr und kein Aufgeben. Es ist das Gegenteil“. Man darf zu solcher Sicht aber seine Zweifel anmelden.


Happy End
F/D/A 2017. Regie: Michael Haneke. 

Mit Jean-Louis Trintignant, Isabelle Huppert,
Mathieu Kassovitz, Franz Rogowski, Toby Jones.
Filmladen. 107 Min.
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