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Klartraum - 39/2017

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Die feinen Ritzen des Zusammenlebens

| Von Maria Renhardt

Olga Flor und ein Liebesroman? Eine Geschichte über das Finden und Gefundenwerden samt Herz und Schmerz und Gefühlsromantik? Wer Flors Werke kennt, weiß, dass dieses Terrain nicht grundsätzlich ihr literarisches Interesse weckt, sondern dass sie eher das „verminte Gelände kritischen Denkens“ sucht, das sie in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Anton-Wildgans-Preises 2013 als wichtiges Feld für Kunst- und Kulturschaffende herausgestrichen hat.
Nun aber beschäftigt sie sich in ihrem neuen Roman „Klartraum“ mit einer schwierigen, kompliziert verästelten Mann-Frau-Beziehung, die sie in einen dornig verstrickten Gefühlsraum stellt, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Wer nun eine Story zum Mitfühlen erwartet, die auch über den „Zuckerguss eines Prosatextes“, nämlich die herkömmliche „narrative Struktur“ verfügt, wie Flor es nennt, wird enttäuscht sein. Denn in ihrer Literatur, und das gilt selbstverständlich auch für das neue Werk, werden implizit ebenso gesellschaftliche, ökonomische und politische Fragen unserer Zeit verhandelt.

Offen, modern, frei

Im Zentrum steht ein Liebespaar in einer deutschen Großstadt: P, die Protagonistin, und A, der Allesgeliebte und gleichzeitige Antagonist. Beide sind verheiratet. Obwohl P, deren Kinder mittlerweile schon groß sind, wenn sie an ihre Ehe denkt, nur mehr Begriffe wie „lauwarmes Desinteresse“ oder „geteilte Langeweile“ durch den Kopf gehen, gelingt es ihr nicht, in einer „Zweitbeziehung“ glücklich zu werden. Sie hat sich darauf eingelassen, weil dieser Liebe von Beginn an das Aroma des Einzigartigen immanent ist: „Das Abschmelzen der Grenzen, noch später, so neu und doch so vertraut.“ P hat nie Besitzansprüche und schon gar keine Forderungen gestellt. Nur „Verbindlichkeit“ war ihr wichtig. Offen, modern, ja frei sollte dieses Verhältnis sein, ganz nach der Art einer Lebensabschnittspartnerschaft. Nie war die Rede davon, die jeweiligen Familien für diese Verbindung zu verlassen. Doch nun möchte A die Beziehung mit P plötzlich beenden und sich – der Kinder wegen – bewusst für seine Ehe entscheiden. An einer Dreifachkreuzung, die zum Leitmotiv dieses Romans wird, bleiben die emotionalen Scherben zurück. P spürt, dass jetzt alles zerrinnt, zerfließt und „Hoffnungsverlängerungsversuche“ zum Scheitern verurteilt sind: „Diese Liebe existiert nur in der Möglichkeitsform.“
Das Geschehen, das sich nun entspinnt, gestaltet sich zu einem erhellenden Abnabelungs- und Klarwerdungsprozess, in den trotz einschneidender Erkenntnisse immer wieder störende, hybride Gefühle hineinfunken. „Warum die Liebe in ihrer pursten Form (keine Forderungen, keine Sicherheiten, keine Assets, nur Nähe und Öffnung) so weh tun muss?“ Aber gerade, was diese Frage betrifft, schreibt Flor ihrer Protagonistin Stärke ein, weil sie um ihre Unabhängigkeit ringt und sich trotz maximaler „Wundfläche“ auf vielfältige Weise gegen das Zerbrechen „an einer Liebe“ zu wehren versucht, schrittweises und konsequentes Entlieben und ein überraschendes Ende vor-ausgesetzt.
Erzähltechnisch zeigt sich Flors Strategie subtil. In 54 unterschiedlich langen Kapiteln, die von Verlusten, Phantasmen und Möglichkeiten, aber auch von Lust, Glück oder Komik erzählen, rollt Flor retrospektiv und dann wieder in einem bunten Cross-over der Zeitebenen das Wachsen und Verblühen dieser Beziehung auf, ein Leben zwischen Alltag, Nähe und Distanz – vor dem Hintergrund der Frage nach der Wahrhaftigkeit der „großen Liebe“, die sich letztlich doch nur als „banal“ erweist. Unterstützt wird der Erkenntnisprozess auch durch die Erzählperspektive. Markante Zooms auf P, von denen das Geschehen großteils getragen ist, relativiert eine auktoriale Vogelperspektive, die die Leserinnen und Leser aus dem Geschehen herauszieht und von oben und außen neue Blickwinkel anbietet: „Aus der Vogelperspektive betrachtet scheint das alles ziemlich lächerlich, das tut es immer: scharf im zentralen Bildbereich, unscharf an den Rändern, das gibt dann diesen hübschen Miniatureisenbahneffekt. Die ganze Welt könnte man in so einer Glaskugel unterbringen, schon erwarten wir, dass gleich die passenden Flocken dahergestöbert kommen.“ Dass die Figuren, die nur mit den neutralen Anfangsbuchstaben bezeichnet werden, quasi namenlos sind, schiebt eine interessante Distanz in das Geschehen und weist der Geschichte gewissermaßen auch eine Beispielfunktion zu. Denn damit können die Protagonisten zu Platzhaltern und ganz einfach austauschbar werden.
Die Dekonstruktion der Liebe verquickt Flor mit einem Blick auf das gegenwärtige Rollenverständnis von Mann und Frau, das auch in der Sprache seinen Niederschlag findet. Virtuos seziert sie patriarchale Sedimente im kulturellen und literarischen Gedächtnis und entlarvt sie als „sprachliche Fallen“. So denkt P als junges Mädchen etwa über den Verlust der Unschuld nach, was vor-aussetzt, dass „die Erfahrung mit und das Wissen um Sexualität eigentlich mit Schuld zu tun haben“ muss.

Politische Positionen hineingeflochten

Hineingeflochten in die Handlungsspur dieses Romans werden aber auch Überlegungen der Protagonistin zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen. Einen wichtigen Teil davon nehmen beispielsweise die Themen Flucht und Migration und damit verbundene politische Positionen ein. Neben dem ausgebrannten Aleppo, Grenzbesuchen und Freiwilligenarbeit kommen wachsende Zäune und Schlepperei zur Sprache oder Begrifflichkeiten um die Sicherheit von Erst-, Zweit- oder Drittländern. Und dann wieder geht es um die Erosion der „Idee eines vereinten Kontinents“ oder um Konsum und Globalisierung.
Flor präsentiert diese Begegnung zwischen Mann und Frau als dichte Reflexionsstudie mit zuweilen durchaus selbstironischen Facetten. Die Protagonistin hat am Ende „immer noch“ die „Wahl“, dem Antagonisten „sämtliche Kollateralschäden des Hochfrequenzkapitalismus an den Kopf zu werfen“ oder die „Devastierung der zwischenmenschlichen Infrastruktur“. Kühn und sprachlich brillant lotet Flor die feinen Ritzen des sozialen Zusammenlebens aus und offenbart dabei subkutan ein Stück DNA unserer Zeit.


Klartraum
Roman von Olga Flor
Jung und Jung 2017
272 S., geb., € 23,–
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