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Wir töten Stella - 39/2017

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Wer das Angetane verschweigt

„Wir töten Stella“: Bereits zum zweiten Mal gelingt Julian Pölsler die exemplarische Verfilmung einer Vorlage von Marlen Haushofer.

| Von Otto Friedrich

Es ist das Land von Arthur Schnitzler oder das Filmland von Michael Haneke, in dem hinter der Fassade einer gutbürgerlichen Gesellschaft die Abgründe lauern und den armen Seelen die Unschuld geraubt wird – ob sie es wollen oder nicht. Und es ist das Land von Marlen Haushofer, der 1970 noch nicht 50-jährig verstorbenen Hausfrau, Zahnarztsprechstundenhilfe – und großen Schriftstellerin.
Vor fünf Jahren verfilmte Julian Pölsler Haushofers bekanntestes Opus, den Roman „Die Wand“ mit Martina Gedeck in der Hauptrolle. Die weithin gelobte Literaturadaption hat nun einen Nachfolger mit dem Vorläufer des Romans bekommen: Pölsler hat sich der 1958 erschienenen Novelle „Wir töten Stella“ filmisch angenommen. Und wieder kommt der großartigen Martina Gedeck der Part der Hauptdarstellerin zu.

Einsamkeit und Sprachlosigkeit

Ein frappierendes Setting: Das war schon vor 60 Jahren geschrieben und gedacht? Der Hermetismus, in den die Hauptfigur Anna verfällt, erweist sich als aktuell wie je: Auch in der Smartphone-Welt, in der jedes Ansinnen von Privatheit lächerlich gemacht zu werden scheint, kennt man die Einsamkeit und die Sprachlosigkeit, mit der Anna in „Wir töten Stella“ die Gewalt und die Verlogenheit der ach so heilen Familie beschweigt.
Sexueller Missbrauch, so machen es uns die dafür berufenen Exper(inn)en weis, findet vornehmlich in den eigenen vier Wänden statt. Und die, die davon wissen, öffnen den Mund nicht. Genau das hat Marlen Haushofer in ihrer Novelle thematisiert.
Anna lebt mit ihrem Mann Richard, einem bekannten Rechtsanwalt, und ihren Kindern Anette und Wolfgang in einer der besseren Gegenden der Stadt. Für einige Monate lebt die 19-jährige Stella, die Tochter einer Freundin, bei ihnen. Richard hat Erfolg – und muss das auch den Frauen gegenüber beweisen. Anna ist nicht nur die Hausfrau, sondern sie hält die Fassade aufrecht, als längst nichts mehr aufrechtzuerhalten ist: Man kann doch einem wie Richard nicht verdenken, dass er ob eines jungen Bluts wie Stella in Wallungen gerät …

Der feine Herr Papa

Der feine Herr Papa beginnt vor den Augen Annas, die das kühl beobachtet, eine Affäre mit Stella. Und Anna würde da nie eingreifen, ja nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden. Doch es ist nicht Stella, die ihre Unschuld verliert, sondern diese Familie, die so weitertut wie bisher.
Nein, nicht die ganze Familie: Denn Annas Liebling, der 15-jährige Wolfgang, ahnt mehr von den dunklen Umtreiben, als er ausspricht – und macht sich rar: Ein ums andere Mal übernachtet er bei einem Schulfreund – und am Ende wird er bitten, in ein Internat gehen zu dürfen. Er will nicht länger dabei sein, wenn das Haus dieser Familie in sich zusammenstürzt.
Alle Last, die einer jungen Frau nicht zuzumuten ist, liegt auf Stella. Sie muss die Folgen der Affäre ebenso „planieren“ wie mit der – erwartbaren – Zurückweisung fertig werden, wenn sie nicht mehr das „frische Fleisch“ ist, das einen solventen Herren so erregt hat.
Eine bürgerliche Schuldgeschichte, bei der bloß die Schuldigen davonkommen, die Unschuldige jedoch nicht. Das stimmt aber nicht ganz, denn Anna schreibt sich in zwei Tagen eine Lebensbeichte von der Seele, macht sich zumindest implizit Vorwürfe, stellt Fragen und thematisiert ihre Schweigen: Hätte sie Richard, das „oberflächlich gezähmte Raubtier“, diesen „gütigen Mörder“, nicht gewähren lassen sollen?
Und ist es nicht wichtig, dass die Ordnung bleibt, zumindest in deren sichtbaren Eckpfeilern? Und ist der sanfte Suizid, mit dem Stella aus dieser Konstellation flieht, nicht die Erlösung aller? „Stella war tot, und eine große Erleichterung überfiel mich“, wird Anna sagen.
Auch in „Wir töten Stella“ lässt Julian Pölsler die Protagonistin ihre Geschichte erzählen. Er übernimmt den literarischen Gestus, wie er in der Novelle angelegt ist. Und er hat – wieder – Martina Gedeck als kongeniale Verkörperung dieser Anna als Darstellerin gewonnen. Kongenial auch Matthias Brandt in der Rolle des so sanften Brutalen namens Richard und Mala Emde als Stella. Last not least ist Julius Hagg, der als nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener seine verwirrende Ahnung der Schrecknisse dieser Familie in wenigen Auftritten verstörend zu weiterer Kulmination bringt, hervorzuheben.
Ein leises filmisches Meisterwerk, der die literarische Vorlage einer leisen Großen gebührend zur Geltung bringt.


Wir töten Stella
A 2017. Regie: Julian Pölsler. 

Mit Martina Gedeck, 
Matthias Brandt,
Mala Emde, 
Julius Hagg. Thimfilm. 98 Min.
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