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Die Hauptstadt - 37/2017

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Veritable europäische Schweinerei

Politik, Mord, ein verirrtes Schwein: Mit „Hauptstadt“ schaffte Robert Menasse den Sprung auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

| Von Evelyne Polt-Heinzl


Nein, die Hauptstadt des Titels meint nicht Brüssel, aber natürlich ist Robert Menasses „Die Hauptstadt“ ein Brüssel-Roman, der die EU-Bürokratie ebenso zum Thema hat wie er die Bewegungsmuster aller Figuren im Stadtraum mit ausufernden topografischen Beschrei-bungen versieht, inklusive der erzwungenen Umwege durch die Unberechen-barkeit der Brüsseler Bauzäune. Vielleicht vermisst die Doppeldeutigkeit des Titels den Abstand zwischen Menasses Utopie von einem „nachnationalen Europa“ und der Ernüchterung, die seit seinem 2012 erschienenen Essay „Der Europäische Landbote“ eingetreten ist. Euphorisches Lob für Effizienz und Integrität der Brüsseler Bürokratie ist hier jedenfalls nicht mehr zu finden.

Politik und Mord

Das verrät schon die zentrale Kompositionsidee: Zusammengehalten wird der Roman von einer veritablen Schweinerei – in verschiedener Gestalt. Da ist das Schwein, das durch die Straßen Brüssels irrt und von der Boulevardpresse zur Causa prima aufgebauscht wird. Dazu kommen die Schweinereien, die gleichsam links und rechts die Wege des realen Schweines kreuzen, allen voran ein unaufgeklärter, vermutlich irrtümlich begangener Auftragsmord, hinter dem die NATO steckt oder der Vatikan oder die Geheimdienste insgesamt, man erfährt es nicht. Der Mörder aber spielt im Karussell der Episoden durchaus mit, und er ist tatsächlich einem polnischen Kloster zugehörig. Dass der Fall dann im Wortsinn vom Bildschirm verschwindet – keine Akten, keine Mails, keine Protokolle sind mehr aufzufinden – lässt den ermittelnden Kommissar an die Tradition seines Großvaters anknüpfen, für dessen Erinnerungen aus dem Widerstand er sich in seiner Jugend kaum interessiert hatte.
Zur Schweine-Geschichte gehört indirekt auch Martin Susman, Sohn eines österreichischen Schweinebauern, der in der EU-Kommission, Generaldirektion Kultur, gelandet ist. Wie einst Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ soll er eine zündende Jubiläumsidee erfinden, diesfalls zum 50-jährigen Bestehen der EU-Kommission, die einer Imagepolitur dringend bedarf. Susmans Bruder hat den väterlichen Hof zu einem Großbetrieb ausgebaut und lobbyiert nun als Präsident der EPP European Pig Producers – die gleichlautende Abkürzung mit der EPP European People’s Party ist durchaus ein Problem – nach Kräften bei der EU-Agrarkommission, die über das höchste Budget aller Kommissionen verfügt, während am anderen Dotations-Ende die Kultur rangiert. Die Agenda der European Pig Producers ist trotzdem eine schwierige Angelegenheit, denn das Schwein ist eine Querschnittsmaterie: Als lebendiges Tier fällt es in die Zuständigkeit der AGRI, als Schinken, Wurst und Schweinebraten in die der GROW (Binnenmarkt) bzw. als Exportgut in die der TRADE.
Ausgebremst wird der österreichische EPP-Funktionär allerdings dann von der Alltagsbanalität eines schweren Autounfalls, an dem Kleingeistigkeit, Eitelkeit und Karriereborniertheit von EU-Beamtinnen und -Beamten völlig unschuldig sind. Anders bei der Jubiläumsagenda – da breitet Menasse Episode für Episode genüsslich aus, wer im Apparat über die effizienteren Techniken des Ausbremsens verfügt, und weshalb alles nach viel, sehr viel bürokratischem Aufwand wunderbar folgenlos im Sande verläuft. Besonders drastisch wird die inhaltsfreie Karrierebesessenheit an der Figur der zypriotischen Griechin Fenia Xenopoulou festgemacht, die etwas karikaturenhaft gerät.

Auschwitz als europäische Hauptstadt

Seine Jubiläumsidee hatte Martin Susman in Auschwitz gefunden, wo er als offizieller EU-Vertreter an einer Gedenkfeier teilnahm, und so schlug er vor, zum Jubiläumsakt die letzten Überlebenden des Holocaust einzuladen. Einem davon begegnen wir im Roman immer wieder. Es ist der pensionierte Lehrer David de Vriend, dem als Junge mit Hilfe belgischer Widerstandskämpfer die Flucht aus dem Deportationszug gelungen ist. Nun dämmert er in einer Seniorenresidenz mit Ausblick auf eine große Grünfläche, die ein Friedhof ist, zunehmend dement seinem Ende entgegen. Als er stirbt, findet sich in seiner Hinterlassenschaft absolut nichts Persönliches, kein Foto, kein Brief, nur ein Zettel mit durchgestrichenen Namen: die letzten ihm bekannten Überlebenden des Holocaust.
Hier wurzelt auch jener Vorschlag, den der emeritierte österreichische Ökonomieprofessor Alois Erhart als Mitglied des Thinktanks „New Pact for Europe“ der staunenden Runde junger smarter Kollegen vorträgt. Er ist überzeugt, dass die Grundidee der EU im „Nie wieder“ lag und nicht im Interesse, nach dem Sündenfall die Geschäfte möglichst rasch, gewinnbringend und störungsfrei neu zu organisieren. Daran war wohl zumindest dem französischen Industriellen Jean Monnet gelegen, der als Architekt des Zusammenschlusses der westeuropäischen Schwerindustrie gilt. Doch für Erhart steht an der Wiege der EU die Läuterung nach der Katastrophe des Nationalsozialismus, was den damaligen Akteuren noch bewusst gewesen und mittlerweile in Vergessenheit geraten sei. Deshalb solle zur finalen Überwindung aller Nationalismen eine neue europäische Hauptstadt gebaut werden, und zwar in Auschwitz.
Menasse versteht es, all diese und noch viele weitere Handlungsstränge über 450 Seiten hinweg am Köcheln zu halten. Das Erzählgebäude erträgt selbst die vielen losen Fadenenden, mit denen ein Maximum an aktuellen Entwicklungen eingespielt wird, von den Flüchtlingstrecks 2015 bis zur Abschiebung eines Tschetschenen per Linienflug. Dass man lesend trotzdem dranbleibt, hat auch mit vielen feinen Beobachtungen zu tun, die aus kleinen Details ganze gesellschaftspolitische Problemzonen aufpoppen lassen.

Brandsichere Unterwäsche

So können die Gepäcksusancen der Sitzungsteilnehmer den Generationengap beschreiben: Trollies und Rucksäcke versus Professor Erharts echtlederner Aktentasche. Er hat nicht vergessen, dass er lange mit Stoffsäcken in die Schule marschieren musste, und erinnert sich an das Glück über diese erste Schultasche, der er seither treu geblieben ist. Erharts Rückblicke ergeben insgesamt ein dichtes Gemälde der Wiener Wiederaufbaugeneration, die – wie seine Eltern – oft tief in das NS-Regime verstrickt war. Und als routinierter Vortragender entwickelt er eine schlüssige Systematik der verschiedenen Typen von Tagungsteilnehmern. Mit einem kleinen Exkurs über den Senf stellt Menasse mitteleuropäische Esskonventionen in Frage, wenn alle zu einer Paste greifen, um den Eigengeschmack von Speisen erfolgreich zu überdecken. Der Blick auf die morgens ins Büro radelnden Beamten ergibt eine Typologie nationaler Mentalitäten: Am Pulk der entspannten niederländischen Beamten ziehen die deutschen Kollegen in Funktionskleidung vorbei, die dann als einzige die Büroduschen im Keller des Amtsgebäudes benutzen. Und wenn Susman ins kalte Polen reist, empfehlen ihm alle: „für Auschwitz nur deutsche Unterwäsche“. Die ist einer EU-Norm entsprechend mittlerweile „irgendwie imprägniert“, weil sie zunehmend von den ins Freie verbannten Rauchern getragen wird, auf dass die sich „nicht selbst anzünden“.
Unmittelbarer politisch sind die Seitenblicke auf die Funktionsweisen der EU-Bürokratie. Das „Repackaging“ alter Fördergelder zu neu benannten Fördermaßnahmen gehört ebenso dazu wie die Funktionsweise der diversen Rettungsschirme – ein sprachlicher Euphemismus, der viele Übersetzungsprobleme verursachte – in ihrer Korrelation zwischen verordneten Sparprogrammen und steigenden Selbstmordraten. Selbst beim Vorzeigebeispiel Irland ging der Suizidindex nach der ,Konsolidierung‘ nicht wesentlich zurück. Das ist ein stimmiges Bild für die Umverteilung nach oben, die jeder ökonomischen Krise zuverlässig folgt.


Die Hauptstadt
Roman von Robert Menasse
Suhrkamp 2017
459 S., geb.
€ 24,70
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