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American War - 36/2017

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Amerikanische Dystopie
voll Action statt Reflexion

Omar El Akkad reduziert in seinem Roman „American War“ die Erzählperspektive auf eine Person und verspielt die Chance auf einen politischen Roman. Bedauerlich.

| Von Anton Thuswaldner

Das könnte das Buch zur Zeit sein. Die Demokratie war einmal eine Utopie, die, um Wirklichkeit zu werden, blutig erkämpft werden musste. Die amerikanische Demokratie war überhaupt das Leuchtfeuer, das Vorbildcharakter aufwies und als Exportartikel weiter getragen wurde. Die Entwicklung unserer Nachkriegsgesellschaft hängt ab von den Vorgaben der amerikanischen Politik, die Starthilfe leistete, bevor sie uns in die Selbstständigkeit entließ. Unter der Präsidentschaft von Donald Trump wird Demokratie in Frage gestellt. Die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Parole der französischen Revolution, auf deren Boden wir stehen, haben an Bedeutung verloren. Und jetzt legt Omar El Akkad, der mit seinen Eltern als Kind Ägypten in Richtung Kanada verließ und heute in den USA lebt, einen Roman vor, der in einer nahen Zukunft spielt und die amerikanische Demokratie am Ende sieht.

Schlüssiges Setting

Zwischen 2074 und 2095 findet der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg statt, der nicht rassis-tisch motiviert, sondern eine Folge des Klimawandels ist. Die Lage hat sich deutlich verschärft, zumal küstennahe Landstriche vom Meer gefressen werden. Die Regierung zieht Konsequenzen und verbietet fossile Brennstoffe. Die Südstaaten, die einen Eingriff in ihre wirtschaftliche Grundlage sehen, nehmen das nicht hin. Verhandlungen scheitern, also überzieht ein Krieg das Land, der die wesentlich schwächeren „Freien Südstaaten“ schnell in ein humanitäres Krisengebiet verwandelt. So sieht das recht schlüssige Setting des Romans aus.
Am Beispiel der Familie Chestnut wird durchgespielt, was es für den Einzelnen bedeutet, unter Kriegsbedingungen mit indoktrinärer Propaganda zu leben. Es geht nicht gut aus für sie. Der Vater versucht sein Glück im Norden, wird aufgegriffen und ermordet. Die Mutter kommt bei einem Massaker ums Leben, das der Sohn, der sich Rebellen anschließt, zwar überlebt, aber als gebrochener Charakter, zurückgeworfen auf eine intellektuelle und emotionale Schwundstufe des Seins. Bleiben die Zwillingsschwestern. Die eine stirbt nach einem Anschlag, die andere, Sarat, bildet den eigentlichen Hauptcharakter des Buches. Sie fällt aus dem Rahmen, weil sie, eine kämpferische Natur, für den Krieg im Untergrund zu haben ist. Sie verfällt den Einflüsterungen eines Demagogen, dessen Propaganda fatal an gegenwärtige Zustände erinnert. Südstaatler, sagt er, lügen nicht. „Wenn ein Nordstaatler dir sagt, wofür er kämpft, dann bekommst du Worte wie Demokratie oder Freiheit oder Gleichheit zu hören, Worte, von denen sie ebensogut wie du wissen, dass ihre Bedeutung von Tag zu Tag neu bestimmt wird, dass sie veränderlich sind wie das Wetter.“ Das Bodenständig-Unabänderliche gegen das Wechselhafte und der Deutung Bedürftige, das einfache Leben, das keine Lügen kennt gegen das komplexe, so sehen Wahrheiten des Populismus aus, die in Sarat einsickern.
Der Erzähler folgt Sarat auf ihrem Weg zur Rebellin, die festgenommen wird und in ein Lager vom Typus Guantanamo eingeliefert wird, wo sie schreckliche Torturen durchleidet ohne zu erfahren, welcher Verbrechen sie eigentlich beschuldigt wird.

Von Gefühlen gesteuert

Mit dem sturen Beharren darauf, das eingeschränkte Bewusstsein Sarats nie zu überschreiten, fangen die Probleme mit dem Roman an. El Akkad verspielt die Chance, einen politischen Roman zu schreiben, weil er sich doch lieber für die Action-Version entscheidet, die für Reflexion nicht viel übrig hat. So bekommen wir es mit einer Gestalt zu tun, die handelt, nicht denkt. Sarat ist von Gefühlen gesteuert, wird zur Terroris-tin, weil sie auf ihre Gefühle hört und nicht auf den Verstand. Sie tötet einen hochrangigen Vertreter der Nordstaaten, weil sie sich der gerechten Sache sicher ist. Nach den katastro-phalen Erfahrungen der Haft wird sie zur Rächerin, und dann nimmt der Roman überhaupt eine ungute Wendung zu einem mäßigen Bruce-Willis-Film. Sie mordet grausam einen ihrer Folterer und später gelingt es ihr, einen Erreger einer Seuche in die Nordstaaten zu schmuggeln, die das Land „in zehn entsetzliche Jahre des Sterbens stürzte“. Die Dimension überschreitet alles, was bisher in Literatur zu lesen war. „Schätzungen zufolge sind elf Millionen Menschen im Krieg umgekommen und beinahe zehnmal so viele durch die Seuche danach.“

Grell und maßlos

El Akkad ist der Mann der grellen Effekte und maßlosen Übertreibungen, seltsam, dass das Buch so berauschende Kritiken einfahren durfte. Es kommt über das Niveau von Spannungsliteratur nicht hinaus.
Sarat führt einen Kampf aus privaten Motiven. Sie ist persönlich gekränkt, sieht mit Schrecken, wie ihre Familie untergeht, verspürt Hass auf jene, die sie malträtierten und nimmt dafür die Bevölkerung eines ganzen Landes in Geiselhaft. Wir haben es mit einer Massenmörderin zu tun, einer der größten Verbrecherinnen der Geschichte überhaupt – und der Erzähler vermittelt das so lauwarm, dass wir fast noch genötigt werden, Verständnis für sie aufzubringen. Das liegt an der Erzählökonomie. Den größten Teil erleben wir Sarat als eine besonders aufgeweckte Jugendliche, während wir von der Täterin ein äußerst unscharfes Bild erhalten. Für Sarat als Opfer bringt der Erzähler reichlich Geduld auf. Wir sehen ihr Leiden, das Leiden ihrer Opfer bleibt ausgeblendet.
Das könnte das Buch zur Zeit sein, weist jedoch die Qualität eines Machwerks auf. Das ist bedauerlich, weil es das Zeug zu einem Roman über eine Welt im Umbruch und eine neue Weltordnung hätte. Mit dieser auf eine Person reduzierten Perspektive ist das nicht zu schaffen.


American War
Roman von Omar El Akkad,
Übers. von Manfred Allié
und Gabriele Kempf-Allié
S. Fischer 2017
445 S.,
geb., € 24,70
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