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Les Fleurs du Mal - 35/2017

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Der Prinz auf der Wolken Thron

Die Veröffentlichung seines Werks „Les Fleurs du Mal“ hatte einen Strafprozess wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ zur Folge. Heute gilt Charles Baudelaire als wesentlicher Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. – Zum 150. Todestag.


| Von Nikolaus Halmer

„Hinter dem Überdruss und des gewaltigen Kummers Bann / Die lastend auf das dunstverhangene Dasein drücken / Wie glücklich, wer zu heiteren Feldern voll Entzücken / Und Licht auf starkem Fittich sich erheben kann.“ Diese Verszeilen der Gedichtsammlung „Les Fleurs du Mal / Die Blumen des Bösen“ des französischen Dichters Charles Baudelaire charakterisieren die Grundproblematik seines Lebens und seines literarischen Werks. Baudelaire, der zu den wesentlichen Wegbereitern der europäischen literarischen Moderne zählt, schilderte in dras-tischer Weise das Großstadt-Inferno der Bettler, Obdachlosen, Lumpensammler und der Prostituierten.
Sich selbst bezeichnete der Autor als „ein aus Trägheit und Gewaltsamkeit zusammengesetztes elendes Geschöpf“ und sah sich durchaus als Teil des trostlosen Großstadtlebens. Gleichzeitig verspürte er die Sehnsucht, aus diesem „Aufenthalt des ewigen Ekels“ auszubrechen und den Bereich des Absoluten aufzusuchen, den für ihn die Dichtung verkörperte.

Ausschweifend und extravagant

Geboren wurde Charles Baudelaire am 9. April 1821 in Paris. Im Alter von fünf Jahren verlor er bereits seinen Vater. Für seine Mutter empfand er „eine leidenschaftliche Liebe“, die vorerst „durch die mütterlichen Zärtlichkeiten“ erwidert wurde. Dieses Gefühl der Geborgenheit währte nicht lange. Schon zwei Jahre nach dem Tod des Vaters erfolgte die Heirat mit dem Major Aupick, der für Baudelaire die Verkörperung des autoritären, unzugänglichen Patriarchen darstellte. Die Heirat mit dem verhassten Stiefvater war für Baudelaire der entscheidende Bruch in seinem Leben; ab nun dominierte „das Gefühl der Einsamkeit“, wie es Baudelaire in einem Brief formulierte: „Trotz der Familie – und inmitten der Gefährten – immer das Gefühl eines in allen Ewigkeiten einsamen Schicksals.“
Entgegen den Wünschen seiner Familie entschloss sich Baudelaire, Schriftsteller zu werden, und verkehrte zunehmend in den Kreisen der Pariser Bohème. 1842 erhielt der angehende Dichter das erhebliche väterliche Erbe, was ihm ermöglichte, das ausschweifende Leben eines extravaganten Dandys zu führen. Baudelaires exzessiver Lebensstil veranlasste den General Aupick, einen finanziellen Vormund einzusetzen, der dem Schriftsteller eine geringfügige Rente auszahlte. Sie reichte kaum zum Leben und zwang Baudelaire, Schulden zu machen und seine Mutter und Freunde zeit seines Lebens um finanzielle Unterstützung zu bitten. Diese Entmündigung war der zweite entscheidende Einschnitt in Baudelaires Leben, der ihm das Gefühl vermittelte, stets an einem Abgrund zu stehen.
In den späten 1840er Jahren begann Baudelaires literarische Tätigkeit. Er veröffentlichte Gedichte, Kurzprosa, Essays, Autorenporträts und Buchkritiken. In diesen Jahren entstanden bereits einzelne Gedichte der Sammlung „Les Fleurs du Mal“, die 1857 publiziert wurde. In diesem Gedichtzyklus präsentierte Baudelaire ein Panorama des Hässlichen in poetischer Form. In diesem Werk, – gleichsam die Geburt des Hässlichen aus dem Inferno von Neurosen, Verzweiflung, fiebriger Glut, konvulsivischer Anstrengung und Perversität – konfrontierte Baudelaire den Leser mit seinen Obsessionen, die den zeitgenössischen Moralstandards nicht entsprachen. Wegen der Verhöhnung der öffentlichen Moral und Verletzung des Schamgefühls erfolgte ein Gerichtsprozess, der mit einer Geldstrafe endete; sechs Gedichte mussten entfernt werden.

Existenzielle Grundposition

Das Werk „Les Fleurs du Mal“, das sich in verschiedene Abteilungen gliedert, geht von einer existenziellen Grundposition aus, die Baudelaire so beschreibt: „Jeder Mensch wird zu jeder Stunde gleichzeitig von zwei Forderungen bewegt. Die eine führt ihn hin zu Gott. Die Anrufung Gottes oder das Streben des Geistes ist die Sehnsucht des Emporsteigens, die Anrufung Satans oder die tierische Lust ist die Wonne des Hinabsteigens.“ Diese Spannung zwischen dem Spirituellen, Idealen und dem Sinnlichen, Materiellen, das Baudelaire mit dem Satanischen gleichsetzte, bestimmte sowohl seine psychische Disposition als auch sein literarisches Werk. Immer wieder bezog sich Baudelaire in den „Fleurs du Mal“ auf diese Ambivalenz, wobei er beklagte, dass er immer wieder den Verlockungen Satans folgte, die Niederungen der menschlichen Existenz aufsuchte und sich dem Rausch des Sinnlichen überließ. Sein Ziel, sich wie Ikarus den Sphären des Absoluten anzunähern, rückte dadurch in weite Ferne; das Gefühl des Versagens stellte sich ein, das zu einer tiefgreifenden Melancholie – dem „Spleen“ – führte. Die verschiedenen Stufen des Hinabsteigens in die Welt des Sinnlichen erfuhr Baudelaire bei seinen Expeditionen durch die Großstadt Paris mit ihrer Hässlichkeit, ihrem Asphalt, ihrer künstlichen Beleuchtung und den geheimnisvollen Straßenschluchten. Hier tummelte sich jener Teil der Gesellschaft, den Baudelaire in seinem Gedicht „Die Abenddämmerung“ schildert: „Indessen kommen wie behäbige Geschäftemacher / Üble Dämonen in der Atmosphäre zum Erwachen / Die 
polternd gegen Vordächer und Läden fliegen / Hinter den Schummerlichtern, die im Wind sich biegen / Entzündet die Prostitution sich auf den Gassen / Wie Ameisen in ihrem Bau bohrt sie sich Straßen.“ Die sich ihm bietenden Eindrücke der Stadt nahm Baudelaire auf, um die einzelnen Szenen zu verdichten und in seinen Gedichten zu verarbeiten. Die Eindrücke der Nachtseite der menschlichen Existenz, die Baudelaire bei seinem ziellosen Umherschweifen empfing, vermittelte ihm die Überzeugung, dass er Zeuge eines unumkehrbaren Prozesses der „Entwürdigung des Herzens“ sei, der „als eine Katastrophe in Permanenz, als ein langes Herumwirbeln der Menschheit in einem Teufelskreis, früher oder später in der Hölle enden wird“.

Quälende Melancholie

Gegen die „Entwürdigung des Herzens“ stellte Baudelaire „die geistige Würde“, wie sie vom Dandy vertreten wird. Der Dandy war für Baudelaire nicht nur der Typus des Künstlerphilosophen, der sein eigenwilliges Denken durch die ästhetische Inszenierung seiner äußeren Erscheinung dokumentierte, sondern auch „ein höherer Mensch“, „ein Heiliger um seiner selbst willen“. Der Dandy entfaltet die Kraft, Herr zu werden über das Chaos, das er ist; er bildet einen großen Stil aus, der dem Leben eine singuläre Gestalt verleiht. Er löst sich aus dem passiven Zustand der Prägung durch gesellschaftliche oder religiöse Institutionen und kreiert seine autonome Existenz. Baudelaires Dandytum ist somit als ein ethisch-ästhetisch motiviertes Selbsterziehungsprogramm zu verstehen, in dem die Spielregeln allein vom Akteur festgelegt werden.
Die Ausbildung zu einem „höheren Menschen“, die Baudelaire trotz vieler Rückschläge zeit seines Lebens betrieb, war mit einer zunehmenden Vereinsamung, mit quälender Melancholie und sozialer Isolation verbunden. Völlig verarmt, an den Spätfolgen der Syphilis leidend und nach einem Schlaganfall verstarb der vermeintliche „Prinz auf der Wolken Thron“ am 31. August 1867. Was Baudelaire antrieb, war die Sehnsucht nach dem Absoluten, nach einer Grenzüberschreitung, die es ermöglicht, sich den Sphären des Unendlichen anzunähern. Der Dichter war sich des illusionären Charakters dieser Flucht bewusst. Als letzter Ausweg blieb der Tod, „das einzige wahre Ziel des verabscheuungswürdigen Lebens“. „Ich sehne mich nach absoluter Ruhe und nach einer immer währenden Nacht,“ schrieb Baudelaire. „Mich, der ich die wahnwitzige Wollust besungen, dürstet es nach einem auf Erden unbekannten Trank; nach einem Likör, der weder Lebenskraft noch das Nichts enthielte.“



Buchtipp

Neuübersetzung als Balanceakt

Der Schriftsteller und Übersetzer Simon Werle – Träger des renommierten Eugen-Helmlé-Übersetzerpreises 2017 – hat vor kurzem eine viel beachtete Neuübersetzung des Gedichtzyklus „Les Fleurs du Mal“ vorgelegt. Die Arbeit daran erforderte eine rund sieben Jahre lange intensive Auseinandersetzung mit den Gedichten Baudelaires, deren Schwerpunkte Werle im Gespräch so beschreibt: „Ich habe mir die Aufgabe gestellt, die Form, so weit es geht, zu bewahren und nicht in Paraphrasen zu verfallen, sondern möglichst am Originaltext zu bleiben. Dieser Balanceakt war das Mühseligste an diesem Prozess; komplizierte Versgebilde in ihrer Subtilität zu erfassen und exakt nachzubilden; das ging von Fassung zu Fassung; das sind Mobiles; ich kann keines dieser Gedichte anschauen, ohne dass sich das neu bewegt.“


Les Fleurs du Mal /
 Die Blumen des Bösen
Von Charles Baudelaire 
übersetzt von Simon Werle
Rowohlt 2017 524 S., geb.,€ 39,10
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