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Statusmeldungen - 35/2017

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„Ich check nicht, wie 
die Welt funktioniert“

Stefanie Sargnagels Facebookeinträge in Leinen gebunden als Buch:
Anton Thuswaldner ärgert sich über diese Befindlichkeitsprosa.


| Von Anton Thuswaldner

Man hat es nicht leicht mit Stefanie Sargnagel. Als sie Anfang des Jahres von einem österreichischen Boulevardblatt heftig angegriffen wurde, weil sie in einem Reisetagebuch von ihrem rabiaten, enthemmten Treiben in Marokko berichtete, sah man sich in die Rolle des Verteidigers gedrängt. Der Verfasser der Attacke, unerfahren, ironisches Schreiben zu erkennen, bezichtigte sie, Steuergelder missbräuchlich zu verwenden. Das ist das Schlimmste, was man in Österreich machen kann, deshalb folgte umgehend ein Sturm der Entrüstung in den sozialen Medien, der in den üblichen Wutattacken, Verwünschungen und Hassparolen gipfelte. Doch weil es um die Person ging und nicht um die tatsächlich dürftigen Texte, kam man nicht umhin, einen Schutzmantel um Stefanie Sarg-nagel zu schlagen.
Jetzt legt sie ein ganzes Buch vor, in dem die Autorin, eine Facebook-Heldin, die ihre Gemeinde regelmäßig mit kleinen Texteinheiten versorgt, die internetbewährte Methode ins Gedruckte überträgt. Und das ist keine gute Idee. Liest man Facebook-Einträge auf dreihundert Seiten hintereinander, wird deren ganze Erbärmlichkeit sichtbar. Dann fragt man sich, was das für eine Gesellschaft bedeutet, wenn einer Autorin, die nicht schreiben kann und zu keinem eigenständigen Gedanken fähig ist, Kultstatus zuwächst. Das verheißt nichts Gutes.

Infantilisierte Gesellschaft


Das Buch ist das Dokument einer vollkommen infantilisierten Gesellschaft. Der Humor ist von der pubertären Art, für eine Dreißigjährige doch etwas verspätet. Den Vorschlaghammer hat sie immer bei sich, sie ist die Autorin fürs Grobe und Derbe. Ach, wie viel Zeit verbringt man mit ihr auf dem Klo und wie will sie bewundert werden für die Mengen Alkohol, die sie versäuft. Und wenn sie am Ende abstinent lebt und Gemüse kocht, findet sie das auch aller Bewunderung wert.
Warum müssen wir diese Befindlichkeitsprosa lesen? Sargnagel wird zum Opfer ihrer eigenen Häppchenkultur. Es lässt sich in ein paar wenigen Zeilen nichts machen aus den Erlebnissen eines doch recht durchschnittlichen Lebens. Sie geht auf Lesereisen, hilft Flüchtlingen, das ist es schon auch. Wie mit Blindheit geschlagen lernt sie Städte kennen, nichts fällt ihr auf. Und als der große Flüchtlingsandrang Österreich überrollt, fehlen Sargnagel die Worte, weil sie derart auf ihr eigenes Ich fixiert ist, dass sie wieder nichts mitbekommt. Das ist Prosa der selbstzufriedenen Verweigerung, über die man hinweggehen könnte, wenn sie nicht Ausdruck einer Generation wäre, die sich in ebendiesen flapsigen Notizen wiedererkennt. „Statusmeldungen“ ist die Bibel des Mittelmaßes von erschreckender Einfalt. Die Aufzeichnungen sind rausgenommen aus der Welt, tun nur so, als ob sie realitätsgesättigt wären, und bleiben doch nur Heiterkeitsexplosionen einer Bierzelt-Humoristin. „Ich check nicht, wie die Welt funktioniert.“ Stimmt, aber warum darüber schreiben?

Kunstfigur, die provozieren will

Jedes literarische Ich ist eine Inszenierung. Die Autorin, die aus prekären sozialen Verhältnissen kommt, wird zu einer Kunstfigur. Sie ist eine, die provozieren will, übertreibt, wo es nur geht, und jedem, der sie allzu ernst nimmt, die Zunge rausstreckt.
Das zeugt aber nur von großer Geschichtsvergessenheit. Das Radikalen-Image, mit dem sie sich gern umgibt, ist angestaubt. Die großen Provokateure der Literatur wie Jean Genet oder Charles Bukowski waren nicht nur radikaler, sie entfalteten auch eine Sprachkraft, von der Sargnagel nur träumen kann. Vor allem ging es denen um etwas. Ihre Angriffe zielten gegen eine Gesellschaft, deren Spießigkeit sie attackierten, weil sie den Urgrund der Hölle bildete, die aus Ungerechtigkeiten und Böswilligkeit gemacht war.
Sargnagel ist die Klamauk-Tante der Gegenwart, eine Didi Hallervorden des schlechten Geschmacks und gibt sich zufrieden damit. Dilettantismus als Selbstzweck.


Statusmeldungen
Von Stefanie Sargnagel
Rowohlt 2017
304 S., geb., € 20,60
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