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Die Liebhaberin - 35/2017

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Splitternackt – und dabei ganz anarchisch

Bei der Diagonale 2017 wurde Lukas Valenta Rinners „Die Liebhaberin“ als Bester österreichischer Spielfilm gezeichnet. Nun kommt der Film des in Österreich und Argentinien Lebenden ins Kino.

| Von Otto Friedrich

Ein österreichischer Film auf Spanisch, produziert für ein koreanisches Festival: Schon diese Konstellation birgt mehr als einen Hauch Exotik in sich. Dass Lukas Valenta Rinners zweiter Spielfilm „Die Liebhaberin“ heuer den Großen Diagonale-Preis für den besten österreichischen Spielfilm errang, mochte überraschen. Wobei die Überraschung mehr auf der Tatsache beruhte, zu welcher Qualität der in Argentinien lebende Salzburger sich da aufschwingt. Neben der Diagonale, setzten bereits auch Turin (Spezialpreis der Jury) und Mar del Plata (Beste Regie, Beste Nachwuchsdarstellerin) Auszeichnungen.
Bereits mit seinem Spielfilmerstling „ Parabellum“ (2015) machte Rinner auf sich aufmerksam, das südkoreanische Festival Jeonju prämierte diesen Film mit der Finanzierung des Nachfolgeprodukts, das in nur acht Monaten entstand.
Die formale Strenge – mit Tableaus, die an Ulrich Seidl oder auch Wes Anderson gemahnen – sowie die surreale Erzählung geben der „Liebhaberin“ einen Reiz, den man im Kino so noch selten erlebt hat. Eine Mischung aus mitunter beißender Gesellschaftssatire und rabenschwarzem Humor, der mit einem fast unschuldigen Augenaufschlag daherkommt, sowie ein Ende, das es in sich hat …
Zum Auftakt komponiert Rinner Tableaus einer Stellenvermittlungsagentur in Buenos Aires, wo sich eher reifere Damen um den ausgeschriebenen Posten einer Haushälterin bewerben. Die Agentur respektive deren Beschäftigte sind nur aus dem Off zu hören und erst die Einstellung danach offenbart, dass die schüchterne Belén das Rennen gemacht hat: Arbeitsplatz ist eine Gated community, also ein von hohen Zäunen und Securitys eingefriedetes Wohngegebiet der wohlhabenden Einwohnerschaft.
Der Sohn der Familie, bei der Belén nun arbeitet, ist ein eher verschreckter Sportsfreund, und die Hausfrau kennt keinen Spaß, wenn Belén nicht die Trinkgläser im richtigen Regal in der richtigen Ordnung platziert. Der fade Charme dieser Bourgeoisie lässt Belén ein wenig herumstreifen.

1968 ist in die Jahre gekommen

Doch die Erkundungen in der Nachbarschaft fördern auf den ersten Blick Verstörendes zu Tage: Belén entdeckt in unmittelbarer Nähe ein Nudistencamp, das sie zunächst verwirrt, an dem sie aber zunehmend Gefallen findet, sodass sie wieder und wieder dort auftaucht.
Zwei Welten treffen aufeinander: Hier die sterile, durch Stacheldraht und Wachpersonal geschützte Welt der Reichen, dort eine anarchistische Community, die in der Freizügigkeit verschworen bleibt und offenbar nicht bereit ist, diese sozialen oder existenziellen Zwängen zu opfern.
Allerdings sind die 1968er, denen dieses Lebensmodell offensichtlich entstammt, in die Jahre gekommen – und von jugendlichem Überschwang ist keine Rede mehr, eher von wohlsituierter Gesetztheit, diese aber eben in einer splitternackten und anarchischen Variante.
Belén macht sich mit solchem Leben mehr als gemein: Das schüchterne Mauerblümchen entpuppt sich in gewisser Weise durchaus als Jungbrunnen für diese ältliche Gemeinde.
Doch die Nachbarschaft zur bigotten Reichen-Siedlung bedroht auch die Kommune, der Zaun der abgeschotteten Welt steht unter Strom und bedroht schon dadurch die übriggebliebenen Kommunarden. Und weil das Lasterleben neben dem gut situierten Environment für dessen Bewohner(innen) zunehmend undenkbar wird, ist die Eskalation längst programmiert: Hermetismus versus offene Gesellschaft – so lautet der kaum verhohlene Subtext der Geschichte.
Nonchalant und ungeniert bedient sich Lukas Valenta Rinner kulturgeschichtlicher Versatzstücke – in der Ikonografie wie im Setting überhaupt. Die Geschichte von Adam und Eva ist präsent, samt deren Vertreibung aus dem Paradies, das in der Logik dieses Films natürlich nicht in der wohlbestallten Idylle viel zu groß geratener Einfamilienhäuser liegt, sondern in der verbliebenen Urwüchsigkeit, in der sich das promiske Völkchen der Nackedeis tummelt.

Die Ambivalenz der Anständigen

Dazu kommen Zitate und Anmutungen wie etwa der Geburt der Venus von Botticelli (vgl. die Abbildung links): Man kann den ganzen kunstgeschichtlichen Kanon durchbuchstabieren und wird immer neue Anklänge finden.
Dass dies aufgeht, liegt natürlich an der anarchischen Zugangsweise Rinners und seines Teams, aber nicht zuletzt wesentlich an der argentinischen Schauspielerin Iride Mockert, der die Verwandlung von einer Unschuld von der Stadt zur ihren Körper entdeckenden und einsetzenden Schönheit mitten auf diesem Land entfesselnd gelingt.
Man kann „Die Liebhaberin“, dessen spanischer Titel „Los decentes“ („Die Anständigen“) den Reiz der Ambivalenz auch schon in der Wortwahl sichtbar macht, getrost zu den Filmentdeckungen des Jahres rechnen.


Die Liebhaberin (Los decentes)
A/KOR/ARG 2016. Regie: Lukas Valenta Rinner.
Mit Iride Mokcert, Martin Shanly,
Andrea Strenitz, Mariano Sayavedra.
Filmgarten. 100 Min.
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