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Tulpenfieber - 34/2017

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Die Blumen des bösen Kapitals

Vor zehn Jahren stürzte global praktizierte Gewinnsucht die Weltwirtschaft in eine ihrer schwersten Krisen. Der Film „Tulpenfieber“ behandelt nun einen der ersten Crashes als Hintergrund für eine opulente Kostümromanze – mit Christoph Waltz in tragender Rolle.

| Von Oliver Tanzer

Gerade in einer Zeit der Krise wird auffällig, dass der Mensch die seltsame Leidenschaft hat, die Zukunft in der Vergangenheit zu suchen. Wenn einander beispielsweise die Weltmächte einen ordentlichen Ringkampf um die Ukraine liefern, dann kramen Kommentatoren Parallelen mit dem Ersten Weltkrieg hervor und malen ein drohendes globales Blutbad an die Wand. Ohne Scheu werden in den Analysen Regierungschefs des 21. Jahrhunderts mit Kaisern und Königen von anno dazumal gleichgesetzt, Populisten von heute mit wahnsinnigen Usurpatoren, aufgeklärte Demokraten mit hörigen Massen, Flüchtlingsströme mit Völkerwanderungen. Und so meinen die Apokalyptiker, in der Gegenwart verhindern zu müssen, was in der Vergangenheit geschah.
Selbstverständlich kommt es dazu nicht, dass sich die Geschichte wiederholt, weil Koinzidenzen, zufällig gleiche historische Versatzstückchen, mit dem Gesamtcharakter der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit wenig bis nichts zu tun haben.
Etwas anderes ist es freilich bei Wirtschaftskrisen. Denn auch wenn keine von ihnen der anderen gleicht, fällt es leichter, Parallelen zu ziehen. Bei Manien und Abstürzen zumindest gibt es jedenfalls immer eine Periode unersättlichen Appetits (vulgo Gier) nach Gut und Gewinn, die letztlich zum Absturz ganzer wirtschaftlicher und politischer Systeme nach dem Platzen der Spekulationsblase führt. Und hier findet sich tatsächlich so etwas wie ein Gesetz der Serie: Nicht die Geschichte wiederholt sich, wohl aber moralische Zustände.
Wer die Moral, die zur Krise von 2007 führte, aus der Geschichte abpausen will, kann also auch bis in den Fundus des 17. Jahrhunderts hinabsteigen und er wird dort 1637, vor exakt 380 Jahren, auf die prächtigsten Blüten der Gier stoßen, wenn sich der Blick auf die Niederlande fokussiert. Die Blumen des Bösen hießen damals nicht Credit-Default-Obligations und andere komplexe Finanzvehikel, nein, es waren Tulpen, deren Zwiebeln aufgrund ihrer Seltenheit an der Börse gehandelt wurden. Kaufleute, Adelige und reiche Handwerker spekulierten und die Gewinne flossen jahrelang extraordinär.

Schenken der Spekulation

Apropos extraordinär: Damals waren auch Weinschenken und Wirtshäuser die Börsen und nach getaner Auktion soffen und hurten sich Händler und Kunden durchs pralle Leben. Und wenn man es recht bedenkt: Anders passiert das ja heute an der Wall Street oder in der Londoner City auch nicht. Auch das Kapital verhielt sich dabei damals nicht anders als in Spekulationsblasen von heute, warum sollte es auch. Es reagierte auf ers-te Anzeichen des Misstrauens gegen den Höhenflug mit Flucht und Selbstvernichtung.
Aus dieser Krise von damals ließe sich also ein ganz hervorragender Film drehen. Und der Leinwandschinken, den Regisseur Justin Chadwick dabei mit ganz viel Patina des Goldenen Zeitalters der Niederlande überfrachtet, ist in diesem Sinne einzigartig. Bis hin zu den Delfter Fliesen, den roten Backen und drallen, stupsnasigen Gestalten wirkt alles wie von den Gemälden der niederländischen Meister abkopiert. Der Plot ist grundsätzlich erfolgsversprechend: Alter, bigotter Kaufmann kauft sich junge Schönheit aus dem Waisenhaus, heiratet sie, sie (Alicia Vikander) verliebt sich in einen Maler (Dane DeHaan), der Maler spekuliert an der Börse, um sich und seiner Geliebten die Freiheit zu kaufen.
Kombiniert wird die Opulenz mit Sex und treffenden psychologischen Figuren. Wenn etwa der von Christoph Waltz gespielte reiche Pfeffersack seinen „kleinen Soldaten“ nicht hochbringt und sein Weib zur Masturbation heranzieht, dann sind wir inhaltlich eigentlich schon am Kern der Angelegenheit: Der Impotenz, die der Geldsucht auf den Leib gebrannt ist, in alten wie in neuen Zeiten. Und wenn es bei Thomas von Aquin einmal hieß, dass Geld kein Geld hervorbringen könne, dann muss es hier heißen, dass der Geldsack auch kein Leben zeugen kann, weil er in ständiger Sorge um das Haben das Werden verdrängt. „Tulpenfieber“ könnte also ein richtig guter Film sein.

Seltsame Mischungen

Aber dieser ökonomische Kern der Geschichte ist leider nicht der Kern des Films. Denn der will ganz woanders hin. Man merkt dem Drehbuch das verzweifelte Ringen an, ein Blockbuster werden zu wollen. Regisseur Chadwick versucht deshalb, einen Hybrid aus Erfolgsvorbildern zu schaffen: „Shakespeare in Love“, vermischt mit „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ und „Wall Street“. Und in diesem Alleswollen wird die Handlung zu Nichts. Der Erzählstrang wirkt platt und gekünstelt und die Figuren irreal. Besonders auffällig wird das bei dem von Waltzverkörperten Cornelis Sandvoort: Jemand, der sich ein Mädchen kauft, um es serienweise zu nötigen, ist nicht stoisch und weise und am Ende gar heilig-mild wie der Pfeffersack im Film.
Auffällig auch, dass die weiblichen Figuren durchwegs die Schuldigen darstellen. Sie sind entgegen jedem historischen Vorbild plötzlich die Spekulanten und Profiteure, sie stacheln die Männer an, bestehlen sie, betrügen sie, gehen fremd, unterschieben ihnen Kinder und brennen schließlich mit einem anderen durch. Und sogar die Äbtissin eines Klos-ters, herrlich gespielt von Judi Densh, wird zu einer Zentralfigur der Spekulation – als Tulpenzwiebelhehlerin – mit Gottes Segen selbstverständlich. Die Männer hingegen organisieren brav den Angebeteten das Leben. Sie wissen sogar, wann sie aufhören müssen zu zocken. Und weil das his-torisch nie so war, muss man fürchten, der Regisseur habe gar ein massives Problem mit Frauen.
Der liebhabende Künstler, der Jan Vermeer nachempfunden ist, darf dagegen Vorbild sein: Er wandelt sich in wenigen Minuten vom Hurenbock zum treuen Maler und zartfühlenden, ewig Trauernden. Für seine Liebe wird der Ärmste sogar zum Einbrecher – und – eines der vielen Wunder in dem Film – er wird dafür auch noch belohnt, da ihm sein Opfer Tulpenzwieberln zur Spekulation überlässt..
Und die his-torische Wirklichkeit? In einem Bildnis, das in den Jahren nach der Tulpenmanie entstand, werden die Spekulanten von damals als Vertreter einer Freizeitgesellschaft porträtiert, die nur Luxus und Fressen lieben und ihre Figuren sind allesamt mit Affenköpfen dargestellt. Im Film gibt es solche Verurteilungen nicht. Der einzige Reiche, der darin vorkommt, Cornelis Sandvoort, wird eben nicht als gieriger Händler, sondern als bewundernswerter Engel porträtiert.

Die heile Welt der Börse

Das ist ein weiteres Problem dieses Films. Statt das zerstörerische System zu zerlegen, das in den Niederlanden 1637 einen guten Teil der Volkswirtschaft ausgelöscht hat, wird eine heile Welt konstruiert.
In „Tulpenfieber“ funktioniert auch die Börse eigentlich gar nicht so fiebrig krank, wie das in der Realität der Fall war. So bringt sie den spekulierenden Filmhelden satte Gewinne, dem einen 700, dem anderen gleich 1500 Gulden (das Vielfache eines durchschnittlichen Jahreseinkommens der damaligen Zeit). Dass die beiden die Unsummen wieder verlieren, liegt nicht am Crash sondern an der kriminellen Energie und der Dummheit Dritter.
Tatsächlich aber hat die Tulpenmanie bei ihrer Implosion binnen weniger Tage einen reichen Mittelstand hinweggefegt. So wie die aktuelle Krise über Nacht die Immobilien und Pensionsvorsorge von Millionen zerstörte. Und heute wie damals hatte das alles mit Pech überhaupt nichts zu tun.
So bleibt „Tulpenfieber“ auf mehreren Ebenen in einer braven Beliebigkeit gefangen, die es entgegen realen und historischen Gegebenheiten allen recht machen will. Alles wird schließlich für alle gut. Selbst der alte, gehörnte Pfeffersack, soviel sei verraten, findet noch einmal sein Glück. Denn sein „kleiner Soldat“ gelangt doch noch zur Potenz, wenn auch in weiter Ferne von Amsterdam, der Börse, den Tulpenzwiebeln und der Sucht nach Geld und Reichtum. Und das ist ja immerhin auch ein Zeichen.


Tulpenfieber
UK/USA 2016. Regie: Justin Chadwick
Mit Judi Dench, Alicia Vikander, Christoph Waltz,
Thimfilm. 107 min.
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