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Barakah Meets Barakah - 34/2017

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Sie konnten zusammen nicht kommen

Auf den ersten Blick ist „Barakah Meets Barakah“ eine Tragödie in der hermetischen Gesellschaft
Saudi-Arabiens. Mahmoud Sabbagh erzählt diese aber mit Augenzwinkern und absurder Komik.


| Von Otto Friedrich

Das Motiv ist altbekannt: Schon seit der Sage von Hero und Leander weiß die Menschheit von den Geschichten der zwei Königskinder, die letztlich nicht zuein-ander kommen konnten, „das Wasser war viel zu tief“. Wobei die Tiefe nicht nur – wie in der Urerzählung – die tückischen Strudel der Dardanellen betrafen, sondern alle möglichen Unbilden gesellschaftlicher Art, die es zwei einander Zustrebenden verunmöglichen, einander in die Arme fallen zu können.
Das antike oder mittelalterliche dramatische Motiv stand auch beim saudischen Film „Barakah Meets Barakah“ Pate, wobei es hier die gesellschaftlichen Konventio-nen und – vor allem – die Religionspolizei sind, die zwei Herzen, die einander schüchtern, aber doch entflammen, auf Abstand halten. Schon allein dieses Setting, dass bittere Ironie ebenso wie einiges an Augenzwinkern bereithält, macht den Film des saudischen Regisseurs Mahmoud Sabbagh zum sympathischen Zeitzeugnis.
Selbst der große Shakespeare darf da nicht fehlen – und zwar nicht in der Anmutung von Romeo und Julia, sondern von Hamlet: „Where little fears grow great, great love grows there …“ – dieses Zitat passt perfekt auf das, was Barakah und Bibi, Protagonist und Protagonistin des Films, widerfährt.
Sogar eine Travestie hält der Film bereit, denn im sittenstrengen Königreich kann Hamlet zwar aufgeführt (oder zumindest: geprobt) werden – allerdings nur von Männer gespielt. Und so kommt es, dass der verliebte Barakah im Shakespeare-Klassiker die Ophelia mimen muss – mit inferiorem Erfolg. Umgekehrt gelingt es der aufmüpfigen, von Barakah angebeteten Bibi einen Moment lang, mit Papier-Schnurrbart und Kufija am Kopf, den Ferrari ihres Vaters zu fahren, obwohl Frauen in Saudi-Arabien das Lenken eines Autos ja verboten ist.

Männliches Aschenbrödel, weiblicher Prinz


Barakah ist eine Art Stadtpolizist in der Hafenstadt Dschidda, der verboten gelagerte Baustoffe oder nicht genehmigte Kaffeehäuser aufspürt. Er lebt bei seiner Tante, der Hebamme Daya Sa’adiya, der der Ruf vorauseilt, unfruchtbaren Frauen zur Schwangerschaft verhelfen zu können.
Bibi – auch sie heißt eigentlich Barakah – ist hingegen die Adoptivtochter eines reichen Paares und Star in den Sozialen Medien, die sie mit ihrem Videoblog, auf dem sie nur mit abgeschnittenem Gesicht zu sehen ist, mit Mode- und Lebens-Tipps beglückt.
Barakah und Bibi lernen einander zufällig kennen, als der Ordnungshüter eigentlich ein illegales Fotoshooting auflösen soll. Barakah verguckt sich in Bibi und sucht zu einem Date mit ihr zu kommen. Aber wie kann das in einem Land funktionieren, in dem jeder Kontakt eines jungen Mannes und einer jungen Frau verpönt ist? Und wie kann man unter diesen Umständen entdecken, ob es Gemeinsamkeiten gibt und vielleicht eine Basis, auf die man möglicherweise gar ein zweisames Leben aufbauen könnte?
Mit Charme und Witz erzählt Filmemacher Sabbagh die ungelenken bis erfolgreichen Versuche, dem strengen Reglement ein Schnippchen zu schlagen; Barakah und Bibi müssen schon raffiniert sein, um die Konventionen, die jede Spontaneität zwischen den Geschlechtern hintanhalten, zu überwinden.
Nicht immer klappt das – so muss Barakah feststellen, dass er als alleinstehender Mann keinen Einlass in einen neueröffneten Freizeitpark findet. Und Bibi hat das Problem, dass ihre konservativen Eltern Barakah für keine geeignete Partie halten. Zu arm. Zu unbedeutend. Und als Tante Sa’adiya auch noch das Fruchtbarkeitsproblem von Bibis Adoptivmutter löst – sie kann ihrem Mann endlich den verlangten Stammhalter schenken –, ist Bibi für den fami-liären Heiratsmarkt bestimmt. Und vielleicht gibt es dann ja doch noch Hoffnung …

Erst der zweite Spielfilm aus Saudi-Arabien

Die Stärke von „Barakah Meets Barakah“ ist die geradezu nonchalante Darstellung der sozialen Zwänge, denen sich junge Leute in Saudi-Arabien gegenübersehen. Atemberaubend, mit welch Augenzwinkern Regisseur Sabbagh dies alles erzählt. Er hält sich offiziell ganz an diese Konventionen – und entlarvt sie gleichzeitig mit absurder Komik. Und er zeigt, dass es im wahhabitischen Königreich nicht immer so hermetisch zuging: Barakah schaut sich alte Fotografien seiner Eltern an, die zeigen, dass in der 1960er-Jahren Männer und Frauen auch in Saudi-Arabien gemeinsam (und unverschleiert) ins Theater gehen konnten. Heute darf es im Land nicht einmal Kinos geben …
Nach der exzeptionellen Befreiungsgeschichte „Das Mädchen Wadjda“ aus dem Jahr 2012 ist „Barakah Meets Barakah“ erst der zweite saudi-arabische Spielfilm überhaupt. In der Art, wie Mahmoud Sabbagh in kleinen Szenen und hinterfotzigen Dialogen die saudische Wirklichkeit darstellt, kann man sehen, wie eine technisch hypermoderne Gesellschaft sich als Fassade und Bigotterie entpuppt. Dieser Film ist ein Muss für alle, die sich abseits der Klischees mit der arabischen Wirklichkeit auseinandersetzen wollen.


Barakah Meets Barakah 

(Barakah yoqabil Barakah)

SA 2016. Regie: Mahmoud Sabbagh.
Mit Hisham Fageeh, Fatima Al Banawi.
Filmladen. 88 Min.
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