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Underground Railroad - 34/2017

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Von Fluchthelfern und Rassisten

Die „Underground Railroad“ befreite Tausende Sklaven. Der Rassismus aber blieb.
Colson Whiteheads Roman erzählt nicht nur von damals.


| Von Brigitte Schwens-Harrant

„Die weiße Rasse glaubt – glaubt von ganzem Herzen –, dass sie das Recht hat, das Land zu rauben. Indianer zu töten. Krieg zu führen. Ihre Brüder zu versklaven.“ Was sich wie ein aktueller Kommentar zum Aufmarsch von White-Supremacy-Anhängern in Charlottesville liest, lässt US-Autor Colson Whitehead einen Protagonisten in seinem neuesten Roman sagen, und zwar gegen die Ideologie der Überlegenheit der weißen Rasse: „Wenn es irgendeine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, dürfte diese Nation nicht existieren, denn ihre Grundlagen sind Mord, Diebstahl und Grausamkeit. Dennoch sind wir hier.“
„Underground Railroad“, soeben auf Deutsch erschienen, wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, für die Mischung von Realismus und Allegorie, für die Verbindung der Gewalt der Sklaverei mit dem Drama der Flucht, in einer Art Märchen, das sich an das gegenwärtige Amerika wendet.
Diese Auszeichnung war also durchaus auch politisch motiviert. Der Rassismus hat nie aufgehört zu sein und zu wirken, wie zahlreiche Dokumentationen und das mutwillige Erschießen von Schwarzen bis heute zeigen – auch deswegen kommt Colson Whiteheads Roman zur rechten Zeit.
Auf den ersten Blick lockt er in eine konkrete historische Zeit. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgte ein gut vernetztes Helfersystem mit Routen, Treffpunkten und Verstecken dafür, Sklaven aus dem Süden in den Norden, also in die Freiheit zu schleusen. Entlaufene Schwarze riskierten als Helfer ihr Leben. Zusammen mit engagierten Weißen – darunter vor allem Abolitionisten, die aus Glaubensgründen die Sklaverei ablehnten – leisteten sie zivilen Ungehorsam gegen ungerechte Gesetze. Entscheidend war absolute Geheimhaltung, dem Eisenbahn-Code („conductor“ für Fluchthelfer, „station“ für Flüchtlingsunterkunft ...) verdankt das Fluchthilfenetz seinen Namen: „Underground Railroad.“ Zwischen 50.000 und 100.000 Sklavinnen und Sklaven sollen bis 1860 auf diese Weise gerettet worden sein, vielleicht auch weniger. Eine kleine Zahl angesichts der vier Millionen Sklaven, eine große Zahl angesichts jeden und jeder einzelnen Geretteten.
Wie kann man sich diese Underground Railroad vorstellen? Zum Beispiel wörtlich. So tat es Colson Whitehead. Das Fluchthilfesystem ist bei ihm tatsächlich eine unterirdische Eisenbahn, die Tunnel sind gebaut von vielen Händen. Eine spannende Idee, aber ob die Drastik der Flucht angesichts dieser Entpersönlichung von Taten zahlreicher Helfer tatsächlich deutlich wird, sei dahingestellt. Die Idee, die Flüchtigen mit einer märchenhaft wirkenden Eisenbahn zu befördern, ermöglicht Whitehead aber, realistische Erzählweisen und historische Genauigkeit zu verlassen. Die junge Sklavin Cora flieht eines Tages vor den Grausamkeiten und Misshandlungen, sie schafft es bis zur Underground Railroad und wird durch sie nicht nur in die – leider nur zeitlich begrenzte – Freiheit, sondern auch in andere Zeiten und Räume katapultiert. Denn die Eisenbahn ist in Whiteheads Roman nicht nur Fluchtmittel, sondern auch eine Art Zeit- und Ortmaschine, ein literarischer Versuch, Zeiten und Orten miteinander zu verbinden: Rassismus allüberall.

Rassismus auch jenseits der Sklaverei

Einerseits entsprechen manche Beschreibungen den Orten und der Zeit von damals, etwa die Tatsache, dass selbst in jenen Staaten, in denen es keine Sklaverei mehr gab, Kopfgeldjäger entflohene Sklaven wie Tiere einfangen durften. Andererseits bildet Whitehead nicht die realen Staaten dieser Zeit ab, sondern erzählt Möglichkeiten, die sogar Wirklichkeiten werden sollten. Denn die Rassenideologie blühte damals ja gerade so richtig auf und sie mündete in Eugenikprogrammen, wie sie etwa Harry Laughlin vertrat, der auch die nationalsozialistische Eugenik beeinflusste, und in Versuchen, durch Ausweisung aus dem Land oder durch gezieltes Töten von Menschengruppen einen Staat „rein“ zu machen: Das wurde mit Hitlers „Endlösung“ unfassbare Wirklichkeit. Überfälle auf Schwarze in Freiheit verweisen auf den Ku-Klux-Klan, der, zur Zeit der Abschaffung der Sklaverei gegründet, die Haltung derselben weiterführen und den Grausamkeiten der einstigen Sklavenbesitzern in nichts nachstehen wird – Grausamkeiten, die Whitehead seinen Lesern nicht erspart. Erahn-bar aber auch zukünftige Bürgerrechtsbewegungen – und damit Hoffnung.
Durch diese Möglichkeiten und Wirklichkeiten des Rassismus flieht die junge Cora. Sichtbar wird die Bestie Mensch, die ihren Willen zur Macht und zur Herrschaft ideologisch rechtfertigt, selbst die Bibel muss dafür herhalten. Sichtbar wird ein Imperativ, der Gruseln macht, auch weil er so aktuell klingt: Beschworen wird der Geist, „der uns aus der Alten Welt in die Neue gerufen hat, damit wir erobern, aufbauen und zivilisieren. Und zerstören, was zerstört werden muss. Um die unbedeutenderen Rassen emporzuheben. Und wenn nicht emporzuheben, dann zu unterwerfen. Und wenn nicht zu unterwerfen, dann auszurotten. Unsere Bestimmung kraft göttlicher Vorschrift – der amerikanische Imperativ.“ Sichtbar werden aber auch Mut und Zivilcourage von Fluchthelfern.
Wer Sklaverei und Holocaust zusammendenkt, ruft Historiker auf den Plan, die dann das Gemeinsame und das Trennende darstellen. Den Literaten Whitehead kümmert das nicht, er weist auf das Grundfalsche und absolut Unmenschliche und Verdammenswerte von Ideologien hin, die da wie dort gezielt zu Millionen Toten geführt haben – und die immer noch Hass, Gewalt und Tod hervorbringen. Rassismus zeigt Colson Whitehead als „Maschine, die niemals stillstand, ihr gieriger Kessel wurde mit Blut beschickt.“

Ein wunder Punkt

Literarisch scheint der Roman nicht so geglückt, zu schematisch gut oder böse sind manchmal die Figuren, geradezu filmreif geschrieben Dia-loge und Szenen – kein Wunder, dass die Filmrechte schon an Barry Jenkins verkauft sind. Wie ein Film, den man schon kennt, liest sich der Roman stellenweise. Dass sich etwa der brutale Sklavenfänger Ridgeway auf einmal normal mit der eingefangenen Sklavin Cora unterhält, fast von gleich auf gleich, wirkt nicht glaubwürdig. Die ebenfalls afroamerikanische Autorin Toni Morrison hat das Thema Rassismus literarisch bei weitem überzeugender bewältigt. In ihrem Roman „Beloved“ („Menschenkind“) erzählte sie die individuellen und kollektiven Auswirkungen der Sklaverei. „Beloved“ gehört auch in formaler Hinsicht zu den besten amerikanischen Romanen des 20. Jahrhunderts. Man sollte ihn allen Whitehead-Leserinnen und Lesern dazureichen.
Thematisch aber hat Colson Whitehead mit seinem Buch wohl einen wunden, wichtigen Punkt berührt. Dass er für seinen Roman unter anderem auf Erfahrungsberichte ehemaliger Sklaven zurückgegriffen hat, führte dazu, dass betroffene Rezensenten bekundeten, sie hätten darin auch ihr eigenes Leben gelesen. Selbst der damalige Präsident Barack Obama hatte das Buch auf seiner Leseliste und nicht ohne Grund hielt es sich in Trumps USA nun monatelang auf den Bestsellerlisten der New York Times.
In den vergangenen Monaten erinnerten US-Politiker auffallend oft an die Unabhängigkeitserklärung. Auch Whitehead thematisiert die Frage, ob das „Dokument überhaupt irgendetwas Wirkliches beschrieb.“ Oder ist es wie eine Landkarte: „Man vertraut darauf, dass sie stimmt, aber wissen tut man es erst, wenn man losgeht und es selbst ausprobiert.“


Underground Railroad
Roman von Colson Whitehead
Aus dem Engl. v. Nikolaus Stingl
Hanser 2017, 348 S., geb.,
€ 24,70
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