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Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war - 30/2

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Von blauen Pferden, Flucht und Krieg

Paulus Hochgatterer umkreist in seiner neuen Erzählung „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ das Schicksal von Menschen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Er berührt damit nicht nur ein historisches, sondern auch ein aktuelles Thema.


| Von Maria Renhardt


„Wie ein Gespenst“ ist sie plötzlich aufgetaucht. „Sie sagen, ich heiße Nelli. Manchmal glaube ich es, manchmal nicht ... Ein paar Dinge weiß ich sicher: Ich bin seit einhundertsechsundvierzig Tagen da. Ich habe einen Plan. Manchmal lüge ich.“ Ein Mädchen ohne gesicherte Herkunft, ohne Erinnerung an seine Familie, sprach- und orientierungslos. Man vermutet einen „Kriegsschaden“ nach einem Bombenangriff. Im Oktober 1944 sitzt auf einmal ein ver-waistes Kind auf dem Fuhrwerk einer niederösterreichischen Bauernfamilie. Niemand weiß zunächst, woher es kommt und warum es da ist. Aufgrund der schwierigen politischen Lage hat es die Familie in Pflege genommen. Nach ersten Nachforschungen kennt man vielleicht sogar den Namen des Mädchens. Aber was ist in diesen Zeiten schon wirklich sicher?
Das ungeklärte Schicksal jenes donau-schwäbischen Kindes, dessen Eltern und Geschwister vermutlich bei einem Bombenangriff in der Nähe der „Nibelungenwerke“ ums Leben gekommen sind, ist nur eine der thematischen Facetten der neuen Erzählung des österreichischen Autors und Kinderpsychiaters Paulus Hochgatterer, die ein aktuelles Thema berührt und doch als historisches Zeitdokument zu lesen ist. Das schmale-, aus 16 Kapiteln bestehende Prosabändchen ist chronologisch gesehen straff und kleinschrittig getaktet und beginnt mit dem 14. März 1945. In einem erzählten Zeitraum von ungefähr zwei Wochen bäumt sich das Schicksal gegen Ende des Zweiten Weltkrieges noch einmal heftig auf, wobei Recht und Gerechtigkeit, aber auch Schuld und Ohnmacht radikal in Frage gestellt werden.

Hierarchien haben sich verändert

Das Mädchen, aus dessen Perspektive die meisten Kapitel erzählt werden, hat sich einzuleben begonnen. Es mag Märtyrergeschichten – sie korrespondieren mit der Grausamkeit der Zeit – und kümmert sich um die kleine, traumatisierte Annemarie, die Angst davor hat, von einer anderen Familie adoptiert zu werden. Seit dem Krieg haben sich die Hierarchien im Dorf verändert. Anzeigen wegen angeblich unterlassener Verdunkelung, Verleumdungen, Bosheiten der Nazis und Bombardements neuralgischer Punkte stehen an der Tagesordnung. Eines Tages hat sich ein junger Mann aus Templin, Michail, den Leuten angeschlossen, die sich vor den Tieffliegern im Wald versteckt haben. Auch er kommt schließlich zum Leithner-Hof, auf dem schon das dreizehnjährige Mädchen Unterschlupf gefunden hat. Bei sich trägt er einen ominösen grünen Zylinder, der zunächst für eine Panzerfaust gehalten wird. Später erfährt man, dass er Russe und Maler ist, der sich als Suprematist begreift. Mit Michail kommt jedoch Unruhe auf den Hof. Denn es dauert nicht lange, bis der sich auf der Flucht aus der Gefangenschaft befindende Mann von einem deutschen Leutnant und zwei Adjutanten aufgegriffen wird. Sie quartieren sich am Hof ein und beginnen Michail zu verhören. Dabei wird nicht nur dem Leithner-Bauern schmerzlich bewusst, dass der Krieg die Menschen feige macht. Dennoch bringt er den Mut auf, im entscheidenden Augenblick ein heldenhaftes Zeichen zu setzen.
Tief hineingesponnen in diese Geschichte hat Hochgatterer quasi eine zweite Folie, die mit dem bis heute verschollenen Bild „Turm der blauen Pferde“ des expressionistischen Malers Franz Marc zu tun hat. 
Göring soll es als „entartete Kunst“ beschlagnahmen haben lassen und später angeblich in seine persönliche Kunstsammlung integriert haben. Das Bild nimmt das zu Marcs Markenzeichen gewordene Motiv des blauen Pferdes in zentraler Komposition auf: „Erst ein Regenbogen in Weiß, Orange und Grün. Dann ein blauer Pferdekopf. Dahinter ein zweiter Pferdekopf, mehr in Orange. Darunter noch zwei blaue Pferde, auf der Brust des vordersten ein dunkelblauer Halbmond. Links ein paar Hügel in Rot und Grün.“ Nach dem Krieg ist dieses berühmte Gemälde nicht mehr aufgetaucht. Über seinen Verbleib ist nichts bekannt. Eine potenzielle, brüchige Spur des Bildes kreuzt als Erzählfaden die Handlung.

Komplexe Erzählstrategie

Hochgatterer bedient sich hier meisterhaft einer komplexen Erzählstrategie. Die Kapitelüberschriften legen, wenn es sich nicht um bloße Datumsangaben handelt, bereits Fährten, was den Handlungsfortgang anbelangt. Also kein fokussierter Spannungsaufbau, sondern ein Zusammenführen von Linien zu einem möglichen his-torischen Ganzen. So wie es im Leben Schnittstellen gibt, an denen unterschiedliche Aktionen gesetzt werden können, so entfalten sich auch in einzelnen Schlüsselsituationen potenzielle Handlungsverläufe, die parallel und durch den Konjunktiv angezeigt werden. Oft entpuppen sie sich als grausame Gegenversion. Das Spiel mit den Möglichkeiten symbolisiert zugleich die ungesicherte Wiedergabe von Erinnerungen, das Versinken der Wirklichkeitsfragmente in der dunklen Zone einer belasteten Vergangenheit. Rückblenden und zahlreiche, bis zum Schluss nicht aufgelöste Leerstellen unterstreichen Hochgatterers schwebendes, mit Varianten arbeitendes Erzählen. Dennoch provoziert das Offengelassene auch Irritation. Warum der Mord? Der Auslöser mag wohl Rache sein. Dem Text vorangestellt ist ein Zitat von Giorgio Agamben über die Koordinaten des „Ausnahmezustandes“. Hier wird deutlich gezeigt, wie erschreckend selbstverständlich – in der Masse und allein - im rechtfreien Raum zur Selbstjustiz gegriffen wird und wie leicht Menschen einfach spurlos verschwinden können.
Mit dem Text verlinkt Hochgatterer auch Fragen nach Identität und Authentizität. Die Suche nach dem Ich bildet den Rahmen. Bis zum Schluss bleibt das geflüchtete Kind in Bezug auf die eigene Geschichte sprachlos. Geschehenes, das sich vielleicht ganz anders zugetragen hat, als man vermutet hat, kann es nur schreibend bewältigen: „Ich schreibe das, was ich in letzter Zeit neben den Geschichten immer wieder geschrieben habe – von einem entgleisten Zug und von einem Mädchen, das in diesem Zug liegt, zugedeckt von anderen Menschen. Es sind nur ein paar Sätze, die dann nicht weitergehen, und ich weiß überhaupt nicht, warum ich sie schreibe ... Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, werde ich sagen: Das steht in meinen Heften.


Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Erzählung von Paulus Hochgatterer
Deuticke 2017. 112 S., geb., e 18,50

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