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Vernunft und Gefühl - 29/2017

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Scharfer Blick und spitze Feder

Ihre Romane faszinieren und ärgern bis heute. Jane Austen rüttelte gehörig an Regeln und Rollen. Vor 200 Jahren ist sie 41-jährig gestorben.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

„Die Liebe hatte sie zusammengeführt […], jetzt brauchten sie nur noch etwas, wovon sie leben konnten. Edward besaß zweitausend Pfund, Elinor eintausend; zusammen mit der Pfarrstelle in Delaford war das alles, was sie ihr Eigen nennen konnten; Mrs Dash-wood war keinesfalls in der Lage etwas beizusteuern und sie waren beide nicht so blind vor Liebe, dass sie fanden, sie könnten mit dreihundertfünfzig Pfund im Jahr ein annehmliches Leben führen.“ Selten wird in Literatur derart viel gezählt und gerechnet wie in Jane Austens Romanen. Wo sich in anderen Werken die Spannung am Ende auflöst, wenn sich die Liebenden endlich „kriegen“, wo zum Happy End die Hochzeitsglocken läuten, da klingelt bei Austen der Geldbeutel. Und wenn er nicht klingelt, weil nichts drin ist, dann gilt es eine Lösung zu finden. Denn Liebe ist zwar wunderbar, aber von Luft und Liebe allein kann man nicht leben, sagt die praktische Vernunft.
Liebe und Vernunft, das sind die großen Themen bei Jane Austen, die in ihren ab 1811 erschienenen Romanen von einer Zeit gro-ßen gesellschaftlichen Umbruchs erzählte, der selbst die Ehe betraf. Die Ehe als auch ökonomische Zweckgemeinschaft begann sich langsam ein wenig zu bewegen in Richtung jener Art von Ehe, die heute als das Ideal gilt: Heirat als Folge romantischer Liebe und freier Wahl. Nicht nur Vernunft soll entscheiden, sondern auch das Gefühl.

Mann mit Flanellwäsche? Nein, danke!

Jemanden heiraten, den man nicht will? Jane Austens aufmüpfige Frauengestalten lassen sich das nicht bieten, sie verweigern sich den Hochzeitsplänen ihrer Verwandten und weisen Heiratsanträge zurück. Ein Mann, der Mitte Dreißig schon Flanellwäsche trägt? Nein, danke! Austens Frauen sind da oft sehr deutlich. Auch Austen selbst war es: Sie habe, so heißt es, in jüngeren Jahren einen Heiratsantrag zwar zunächst angenommen, ihn am nächsten Tag aber wieder abgelehnt, denn „außer seiner Körpergröße sprach nichts“ für diesen Mann.

Vernunft und Gefühl

Forderungen werden nicht mehr nur von männlicher Seite eingebracht, auch die Frauen beginnen Ansprüche zu stellen an das Gegenüber, mit dem sie leben und dem sie den Haushalt führen und Kinder gebären müssen. Selbst wenn ihre Forderungen und ihre Liebe dann oft praktischen Überlegungen Platz machen müssen, eben jener Vernunft, die auch das Geld nicht vergisst.
Jane Austen zeichnete äußerst scharfe Bilder einer durchaus kapitalistischen Welt. In der ländlichen Oberschicht im Süden Englands, die Jane Austen so gut kannte und spritzig analysierte, wird geplant und angelegt, da wird Großgrundbesitz vergrößert in weiser Voraussicht, da kommen Familien durch Kolonialismus (und damit verbundene, allerdings verschwiegene Taten) zu Geld. Die Bedeutung des Geldes hat Austen als Abhängigkeit am eigenen Leib erfahren. Zuletzt lebte die Unverheiratete mit ihrer Schwester und Mutter auf einem Anwesen ihres Bruders.
Austens erster, 1811 erschienener Roman „Sense and Sensibility“ bringt nicht nur im deutschen Titel „Vernunft und Gefühl“ zusammen, sondern sieht sich beides und vor allem die Spannung, die sie ergeben, genau an. Das erste Kapitel setzt mit Finanzen und Erbrecht ein. Der erbberechtigte Sohn verspricht dem Vater am Sterbebett, für Stiefmutter und Schwestern zu sorgen. Die eigene Ehefrau aber bringt ihn in einem grandiosen Dia-log dazu, ihnen immer weniger zuzusprechen, bis er am Ende dieses Gesprächs den Eindruck hat, er müsse ihnen gar nichts geben, denn sie brauchen eigentlich nichts, „sie leben doch so billig“. Ein Bravourstück, wie man sich das schlechte Gewissen aus- und den Geiz einreden lassen kann. Der Dialog liest sich zudem ziemlich gegenwärtig; so kann man sich argumentativ die durch Ausbeutung anderer schuldig gewordenen Hände waschen – und hernach auch noch gut essen und schlafen.
Dass sich in Jane Austens Romanen das Thema Ehe so oft mit dem Thema Ökonomie verschränkt, kommt nicht von ungefähr. Auch Eheschließungen sind Finanzgeschäfte, ihnen gehen Anlageberatungen voraus. Austens Romane blicken ins Geschehen auf dem Heiratsmarkt. Ständig wird die Frage verhandelt, wer wen mit welchem Vermögen bekommen kann. Doch so öd zu lesen, wie sich das vielleicht anhört, ist das ganz und gar nicht. Erstens wegen der brillanten Analyse, die auch für Handlungen jenseits des damaligen Heiratsmarktes ihre Gültigkeit hat – auch heute noch –, und zweitens wegen Austens hinreißenden Stils.

Subtil durch Ironie

Einer der berühmtesten Austen-Sätze eröffnet den Roman „Stolz und Vorurteil“: „Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.“ Dieser Satz markiert in aller Kürze nicht nur die Themen, die Jane Austen umtreiben, sondern vor allem die Ironie, die durch eine geringfügige Umstellung eines Satzes geschieht. Mittellose Frauen konnten nur durch Heirat unabhängig von ihren männlichen Verwandten werden. Die Rollen von Mann und Frau werden hier aber getauscht, bedürftig ist der arme (vermögende) alleinstehende Mann. Nebenbei werden „Tatsachen“ entlarvt als Übereinkünfte, die genauso gut auch anders lauten könnten.
Zugleich eröffnet Austen damit gekonnt das erzählerische Terrain für eine spannende Geschichte, in der ein solcher alleinstehender Mann auftauchen wird. „Wie wenig man auch von den Gefühlen oder Ansichten eines solchen Mannes wissen mag, wenn er zum ersten Mal in einer Gegend auftaucht – diese Grundwahrheit ist in den Köpfen der dort lebenden Familien so fest verankert, daß man ihn bereits als das rechtmäßige Eigentum der einen oder anderen Tochter betrachtet.“
Dass es in Folge zu allerhand Aktionen und Bemühungen kommen wird, lässt sich ebenso ahnen wie das bevorstehende Lesevergnügen.
Jane Austen wurde am 16. Dezember 1775 in Steventon, Hampshire, als siebtes Kind geboren. Der Vater war Pfarrer und in der Familie wurde viel gelesen und Theater gespielt. Schon als Fünfzehnjährige verfasste sie satirische Texte, in denen sie sich über feine Damen lustig machte, die seufzten und auf dem Sofa in Ohnmacht fielen. „Aber was ist das für ein Ton, der nie mit dem übrigen verschmilzt, der deutlich und unüberhörbar das ganze Buch durchklingt“, fragte die Schriftstellerin Virginia Woolf ein Jahrhundert später und antwortete: „Es ist der Klang von Gelächter. In seiner Ecke lacht das fünfzehnjährige Mädchen über die Welt.“
Auch wenn sich die Art des Gelächters im Lauf der Zeit veränderte, das Schreiben von Jane Austen ausgefeilter wurde: diesen Klang, diesen satirischen Ton, findet man auch in den Texten der erwachsenen Autorin, am deutlichsten vielleicht in ihrem 1813 erschienenen Roman „Stolz und Vorurteil“. Austen selbst empfand ihn als eher „zu leicht, zu heiter, zu spritzig“, doch er wurde möglicherweise gerade deshalb zu ihrem berühmtesten und beliebtesten Werk und zigmal verfilmt. Kein Wunder, denn selten wurden derart humorvoll und präzise in komödienreifen Dialogen Gesellschaften seziert, Beziehungen analysiert, Menschen skizziert.

Erzählend analysiert

Keine Konversation ist vor Jane Austens scharfer Beobachtungs- und Beschreibungsgabe sicher. Ihre Werke lassen heute noch über Austens Wahrnehmung staunen – und schulen zugleich die eigene Beobachtung. Wie oft wird etwas anderes gesagt, als gemeint ist, oder gehört, als gesagt wird. Gefühle werden verborgen, absichtlich und unabsichtlich, Missverständnisse führen auf Umwege, Intrigen zu Leid. All das findet sich bei Jane Austen erzählend analysiert, analysierend erzählt. Dabei ist die Sprache, der ihre Aufmerksamkeit gilt, nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch das geschriebene – etwa Briefe – und nonverbale Gesten. Kleinigkeiten können Großes aussagen, wenn man sie nur bemerkt, das Wegrücken eines Stuhls etwa kann das Gegenteil dessen sagen, was gerade gesprochen wird. Für die Protagonisten ist es heikel, wenn sie das nicht bemerken. Leserinnen und Leser haben den Vorteil, ein Buch einfach noch einmal lesen zu können und dann diese Raffinessen zu entdecken.
Das Regelwerk der ländlichen Oberschicht von damals, das Jane Austen so präzise beobachtete und beschrieb, mag überholt sein. Wer wen zum Abendessen einladen oder mit der Kutsche abholen darf: Solche Fragen scheinen heute geradezu lächerlich. Doch Weltliteratur sind Austens Romane nicht nur, weil sie die Gesellschaft von damals überliefern (als kulturelle Zeugnisse sind sie Fundgruben für Soziologinnen wie Eva Illouz), sondern weil ihnen das Aufbegehren und der Widerstand (etwa gegen Rollenbilder) eingeschrieben sind, vor allem durch Ironie. Austens Texte beweisen: Man kann in einer engen Welt sitzen und zahlreichen Zwängen verhaftet sein, aber mittels Literatur subtil dagegen anschreiben. Austens Sätze sägen an den Gitterstäben des Käfigs, in dem die Schriftstellerin sitzt – auch wenn man dieses Sägen nicht unbedingt auf den ersten Blick wahrnimmt. Die Neuübersetzungen, vor allem von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié (S. Fischer) und sowie von Andrea Ott (Manesse), lassen die Subtilität und den „Klang von Gelächter“ frisch sehen und hören.
„Drei oder vier Familien in einem Dorf auf dem Land, darauf muss man sich konzentrieren“, schrieb Jane Austen in einem Brief 1814. Tatsächlich hat die Autorin ihre Heimat nie verlassen, auch nicht in ihren Romanen. Die Französische Revolution forderte ihre Opfer, und während Austen schrieb, tobten die Napoleonischen Kriege. Kaum eine Spur davon in ihren Romanen. Dass sie unpolitisch sei, wurde Jane Austen daher oft vorgeworfen, dabei hatte die Schriftstellerin ja auf eine feine, ironische Weise begonnen, zum Beispiel die traditionellen Geschlechterrollen infrage zu stellen. Das könnte man auch politisch nennen.

Schweigen über die Herkunft des Geldes

Eine deutlichere politische Spur lässt sich vielleicht im 1814 erschienenen Roman „Mansfield Park“ verfolgen. Schon im Titel war für ihre Zeitgenossen vermutlich unschwer Lord Mansfield zu erkennen, der als Richter durch sein Urteil 1772 zum Verbot der Sklaverei in England beitrug. Dass die unsympathische Tante zudem nach einem berühmten Sklavenhändler benannt ist, wusste man wohl auch als Hinweis zu lesen. Als die Protagonistin Fanny Price nach der finanziellen Grundlage des recht angenehmen Lebens der Familie fragt, die ihr Vermögen von Plantagen auf Antigua bezieht, gibt es als Antwort: Totenstille. Die Ausbeutung wird totgeschwiegen, der Ertrag daraus im englischen Landsitz genossen. Der Literaturtheoretiker Edward Said unterzog diesen Roman einer postkolonialen Lektüre und zeigte, wie Austen indirekt – etwa mit Schauplätzen und Figuren – geopolitische Verhältnisse erzählt.
Das Politische beginnt bei Jane Austen aber im Privaten, beim Handeln des Einzelnen, der sich in seliger Selbsttäuschung manchmal gerade dann für moralisch hält, wenn er es gar nicht ist. Austen durchschaut das Verhalten von Menschen: Ihre Romane erzählen (auch indem sie die Leserinnen und Leser mit in diese Perspektive locken), dass der eigene Blick sehr getrübt sein kann, durch Liebe etwa oder durch Eitelkeit. Um zu ihrem Glück zu kommen, haben nicht nur die Figuren in ihrem berühmtesten Roman „Stolz und Vorurteil“ Gelegenheit, ihre Vorurteile zu überdenken. Auch Leserinnen und Lesern bietet sie die Möglichkeit, während der Lektüre ihr Urteil zu revidieren.
Während damals Lesen für Frauen als anstößig galt und vor Romanlektüre sogar gewarnt wurde, drehte Jane Austen mit ihrem Leben und in ihren anonym geschriebenen Werken die Argumentation um. Im Gegenteil, behauptete sie, Lektüre steht für Vernunft, und damit auch für Aufklärung. Während andere unter gebildeten Mädchen jene verstanden, die Bilder malen, Wandschirme besticken und Börsen häkeln konnten, setzte sie auf gebildeten Verstand, „erworben durch große Belesenheit“. Werke wie etwa von William Shakespeare werden von Austens Romanfiguren nicht nur diskutiert, sondern geben indirekt auch Hinweise für mögliche Lesarten des Textes.
Wer behauptet: „Ich lese nie Romane“, entlarvt sich bei Jane Austen sofort als Dummkopf. Nicht selten werden Männer und Frauen in ihren Werken derart als ungebildet bloßgestellt, unabhängig von Stand und Titel. Mit Menschen, die keine Bücher lesen – worüber könnte man sich mit denen unterhalten? Seichte Konversationen auf Bällen und bei Abendgesellschaften nimmt Austen satirisch aufs Korn. In „Northanger Abbey“ werden Klischees schon ab dem ersten Satz ironisiert: „Niemand, der Catherine Morland als Kind gekannt hatte, wäre auf den Gedanken gekommen, daß sie zur Romanheldin bestimmt sei. Die familiären Verhältnisse, die Eigenschaften der Eltern, Catherines Aussehen und Veranlagung sprachen sämtlich gegen sie. [...] Sie liebte Knabenspiele und zog Kricket nicht nur den Puppen vor, sondern auch den edleren Freuden der Kindheit wie der Aufzucht einer Haselmaus, dem Füttern eines Kanarienvogels oder dem Wässern eines Rosenstrauchs. Nein, nach dem Garten stand ihr der Sinn ganz und gar nicht, und wenn sie überhaupt Blumen pflückte, so nur aus Lust am Unfug […] Doch zwischen fünfzehn und siebzehn bereitete sie sich auf ihren Auftritt als Romanheldin vor und las alle Bücher, die Heldinnen lesen müssen, um ihr Gedächtnis mit jenen für die Wechselfälle ihres ereignisreichen Lebens so zweckdienlichen und erbaulichen Zitaten zu versorgen.“

„Enge Räume, weite Gedanken“

Lesen weitete den Horizont jener Frau, die kaum den Ort verließ, an dem sie wohnte. Sie musste nicht viel reisen und konnte dennoch über den Tellerrand blicken, sie sah – im Unterschied zu anderen, die womöglich sogar reisten –, dass es diesen Tellerrand gab und was sie von anderen trennte, zum Beispiel Rollenzuschreibungen. „Enge Räume, weite Gedanken“ benannte Elke Schmitter einmal treffend in einem Porträt über die Autorin dieses Phänomen.
Jane Austen starb am 18. Juli 1817, vermutlich an einem Versagen der Nebennieren, an dem sie schon länger litt und das möglicherweise von einer Tuberkulose begleitet wurde. Da war die Schriftstellerin gerade 41 Jahre alt. Vom Verkauf ihrer Bücher allein, die sie anonym zunächst mit der Bezeichnung „by a lady“ veröffentlichte, dann „by the author of ...“, konnte sie nicht leben.
Beigesetzt wurde Jane Austen im Dom von Winchester. Eine Inschrift auf der Grabsteinplatte erinnert an sie. Dass Jane Austen geschrieben hat, geschweige denn dass sie Schriftstellerin war, darüber allerdings findet sich darauf kein Wort.


Vernunft und Gefühl
Roman von Jane Austen.
Übers. von Andrea Ott
Manesse 2017 409 S., geb., 

€ 27,80
Von Ott auch übersetzt:
„Stolz und Vorurteil“ und
„Northanger Abbey“.

Mansfield Park
Roman von Jane Austen.
Übers. v. Manfred Allié
und Gabriele Kempf-Allié
S.
Fischer 2017 569 S., geb.,
€ 22,70.
Ebenso übersetzt:
„Stolz und Vorurteil“,
„Gefühl und Vernunft“.

Darling Jane
Jane Austen – eine Biographie
Von Christian Grawe. Reclam 2017.
256 S., kart., € 10,30
Grawe hat zusammen mit 

Ursula Grawe auch
Austens 
Romane übersetzt
sowie 
ihre Briefe.

By a Lady
Das Leben der Jane Austen
Von Rebecca
Ehrenwirth und Nina Lieke
Lambert 
Schneider 2017
224 S., geb., 

€ 25,70
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