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Walden - Der Traum vom einfachen Leben - 28/2017

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Sein Leben war Ekstase

Emphatisch sprach er sich gegen Unrecht aus, berief sich auf das individuelle Gewissen, bekämpfte den Staat. Zum 200. Geburtstag des Querdenkers Henry David Thoreau.


| Von Nikolaus Halmer

Radikale Zivilisationskritik, Aufrufe zum zivilen Ungehorsam gegen korrupte Regierungen, leidenschaftliche Plädoyers gegen die materialistische Lebensform, nonkonformistische Bekenntnisse und eine ekstatische Liebe zur Natur – all das findet sich im Werk des US-amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau. Er war ein Pionier der Ökologiebewegung, der seine Vorstellungen vom einfachen, naturnahen Leben in die Praxis umsetzte. Er lebte äußerst spartanisch über zwei Jahre in einer Blockhütte und war bereit, für seine pazifistische Überzeugung in das Gefängnis zu gehen. Thoreaus Credo lautete: „Um ein Philosoph zu sein, ist es nicht genug, geistreiche Gedanken zu haben oder eine Schule zu gründen, sondern man muss die Weisheit so lieben, dass man nach ihr lebt, ein Leben der Einfachheit, der Unabhängigkeit, der Großmut und des Vertrauens. Man muss einige der Lebensrätsel nicht theoretisch, sondern praktisch lösen.“

Das Walden-Experiment

Geboren wurde Henry David Thoreau am 12. Juli 1817 in Concord, Massachusetts als Sohn eines Bleistiftfabrikanten. Er studierte von 1833 bis 1837 an der Harvard University und arbeitete nur kurz als Lehrer, weil er es ablehnte, die damals übliche körperliche Züchtigung der Schüler vorzunehmen. In diesen Jahren lernte Thoreau den Dichter und Philosophen Ralph Waldo Emerson kennen, der die intellektuelle Bewegung des amerikanischen Transzendentalismus begründet hatte. Deren Vertreter, zu denen auch der Dichter Walt Whitman zählte, traten für eine strikt der Natur zugewandte Lebensführung ein und propagierte den Verzicht auf Luxus und die Anhäufung von Gütern. Die Transzendentalisten betonten die Bedeutung einer kreativen Lebensführung; das Individuum sollte nicht gesellschaftliche oder ideologische Muster übernehmen, sondern sich stets neu entwerfen. Die Devise lautete: Selbstbestimmung, Selbstverantwortung.
Thoreau war von diesen Ideen so beeindruckt, dass er sich 1847 in ein selbst gebautes Blockhaus am Walden-Teich zurückzog, wo er über zwei Jahre verbrachte. In seinem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“, das zum Kultbuch der Hippie-Generation wurde, beschrieb er seinen persönlichen Gegenentwurf zu einer materialistischen, der Natur entfremdeten Existenz. Im Protest gegen das „rastlose, geschäftige, triviale 19. Jahrhundert“ führte Thoreau am Walden-Teich das schlichte, auf die einfachsten und elementarsten Bedürfnisse beschränkte Leben im Rhythmus der Natur und im Einklang mit ihr. „Ich wollte dem eigentlichen, wirklichen Leben nähertreten“, schrieb Thoreau, „und sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, damit mir in der Stunde des Todes die Entdeckung erspart bleibe, nicht gelebt zu haben“. Seinen Lebensunterhalt bestritt Thoreau mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten – als Gärtner oder als Zimmermann. Den Rückzug in die Natur, deren jahreszeitlichen Kreislauf er minuziös beschrieb, verstand er als Alternativmodell zu jenem „Leben in stiller Verzweiflung“, das die meisten Menschen in der frühkapitalistischen Gesellschaft fristeten.
Thoreau war keineswegs ein quietistischer Landfreak, der sich damit begnügte, sich in seine Hütte zurückzuziehen und von selbst angebautem Gemüse zu leben. Nach dem Ende seines zweijährigen Walden-Experiments verdiente er seinen Lebensunterhalt als Landvermesser und Vortragsreisender, der sich emphatisch gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen die Sklaverei aussprach. Der ehemalige Waldbewohner widmete dem radikalen Sklavereigegner John Brown, der von der Regierung zur Todesstrafe verurteilt wurde, einen eigenen Essay und verhalf einem entflohenen Sklaven zur Flucht nach Kanada.

Aufruf zum zivilen Ungehorsam

Den Grundstein für seine spätere Berühmtheit legte Thoreau 
mit der Schrift „Civil Disobedience“ 
– „Ziviler Ungehorsam“, die er 1849 publizierte. Dieses Manifest des passiven Widerstands des Einzelnen gegen die als ungerecht agierende Staatsmacht entstand nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt des rebellischen Nonkonformisten. Er hatte sich geweigert, Steuern zu bezahlen – aus Protest gegen den Krieg mit Mexiko und wegen der Duldung der Sklaverei in den Südstaaten. Dieses Erlebnis war der Anstoß für das Pamphlet, das mit einer ethischen Grundsatzerklärung beginnt: Regierungen begehen immer wieder Fehler, die sie nicht korrigieren. Deshalb haben Bürgerinnen und Bürger einer Gesellschaft die Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen und zum zivilen Ungehorsam aufzurufen, auch wenn drastische Maßnahmen des herrschenden korrupten Systems drohen. Deswegen war Thoreau bereit, für seine Gesinnung ins Gefängnis zu gehen. „Unter einer Regierung, die Unrecht zum Recht macht“, schrieb der über den amerikanischen Staat empörte Intellektuelle, „ist der wahre Platz für einen rechtschaffenen Menschen im Gefängnis“. Thoreau war nicht bereit, in einem autoritären Staat zu leben, in dem das Unrecht legitimiert wurde. Er berief sich auf das individuelle Gewissen, das allein über die moralischen Richtlinien verfügt, nach denen es seine Handlungen ausführt. Der Staat habe nicht das Recht – so Thoreau 
– das individuelle Gewissen zu usurpieren. „Einen wirklich freien und aufgeklärten Staat wird es erst dann geben, wenn der Staat das Individuum als höhere, unabhängige Macht anerkennt, von der sich seine gesamte eigene Macht und Autorität herleiten“, schrieb Thoreau.
Als früher Staatsverweigerer spielte er sogar mit dem Gedanken, das staatliche Gebilde zu verlassen. Er wollte nicht als Mitglied einer Vereinigung angesehen werden, der er nicht beigetreten war und träumte von einem Staat, der „es nicht für unvereinbar hielte, wenn einige ihm fernblieben, sich nicht mit ihm einließen und nicht von ihm einbezogen würden“. Die Maschinerie des Staates stellte für Thoreau eine Disziplinierungsmacht dar, die Menschen in Agenten der Repression wie Polizisten, Gefängniswärter und Soldaten verwandle, „Man könnte genauso Holzmänner konstruieren, die den gewünschten Zweck erfüllen“, notierte er.

Vom Querulanten zum Exzentriker

Thoreaus absolute Wertschätzung des individuellen Gewissens trug ihm – speziell von der Philosophin und Politologin Hannah Arendt – den Vorwurf ein, sich kritischen Einwänden zu verschließen. Da die moralischen Richtlinien des Individuums nur vom eigenen Gewissen bestimmt werden, ist eine kritische Hinterfragung dieser Maximen gar nicht möglich. Das gilt auch für den zivilen Ungehorsam. Empfindet der Einzelne staatliche Maßnahmen als ungerecht, nimmt er sich das Recht heraus, dagegen zu protestieren, ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sein Protest der Ausdruck einer momentanen Empörung darstellt. Man hat nur die eine Wahrheit – so Arendt –, die man nicht in Frage stellen möchte, und von da ist es zum Querulanten, „zur exzentrischen Person“ nicht mehr weit. Solch einen Charakterzug wies auch Thoreau auf. Sein Freund und Mentor Emerson beschrieb ihn so: „Er sprach nichts als die Wahrheit und handelte auch entsprechend. Er kannte keinen Respekt vor den Meinungen anderer Personen oder Parteien und huldigte ausschließlich der Wahrheit selbst“.
Das strenge asketische Leben Thoreaus harmonierte nicht mit seinem gesundheitlichen Zustand; bereits mit einer Tuberkulose infiziert, zu der noch eine Bronchitis kam, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Am 9. Mai 1862 verstarb Thoreau im Alter von 44 Jahren. „Das Land weiß noch nicht“, schrieb Emerson in einem Nachruf, „was für einen großen Sohn es verloren hat. Seine Seele war für die edelste Gesellschaft geschaffen. Er hat in seinem kurzen Leben die Möglichkeiten dieser Welt ausgeschöpft“.


Kontemplativ und umfangreich ist das Werk des Naturphilosophen Henry David Thoreau, der sich im Jahr 1847 in ein Blockhaus zurückzog und die folgenden zwei Jahre in der Natur minutiös dokumentierte.

Walden. Der Traum vom 
einfachen Leben

Von Henry David Thoreau.
Übers. v. Fritz Güttinger
Reclam 2017
327 S., kart., 

€ 9,20

Ziviler 
Ungehorsam
Von Henry David Thoreau 

Übersetzt von Ulrich Bossier

Reclam 2013,

63 S., kart., 

€ 5,20

Tagebuch Bd.1
Von Henry David Thoreau.
Übersetzt von Rainer G. Schmidt

Matthes und Seitz 2016

326 S., geb.,
€ 27,70

Tagebuch Bd. 2

Von Henry David Thoreau.
Übers. von Rainer G. Schmidt 

Matthes und Seitz 2016

326 S., geb. 

€ 27,70

Henry David Thoreau –
Waldgänger und Rebell

Biographie von Frank Schäfer

Suhrkamp 2017
252 S., kart.,
€ 17,50

Ktaadn. Die Natur als großes Ereignis,
und der Mensch als ihr Teil.

Von Henry David Thoreau,
Jung und Jung 2017,
160 S., geb.,
€ 20,–
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