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Madame de Staël. Kaiserin des Geistes - 28/2

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Mit Leidenschaft und Geistesmacht

Salondame, Schriftstellerin, Freiheitskämpferin: Madame de Staël schrieb die erste Kulturgeschichte Deutschlands. Am 14. Juli jährt sich ihr Todestag zum 200. Mal.

| Von Oliver vom Hove

Napoleon tobte. Trotz heftiger Verbote und ständiger Bespitzelung war es seiner schärfsten Opponentin gelungen, ihr dreibändiges Manuskript „De l’Allemagne“, das er nicht zu Unrecht als politische Kampfschrift gegen sich betrachtete, in Frankreich zum Druck zu befördern. Der selbsternannte Kaiser las das Loblied auf den Kriegsgegner Deutschland und seine überlegene Kultur – und warf die Druckfahnen wütend ins Feuer. Der des Landes verwiesenen Verfasserin wurde beschieden, ihr Werk sei „nicht französisch“, daher werde die ganze Auflage von 10.000 Exemplaren eingestampft. Durch seinen Polizeiminister ließ ihr der Machthaber Europas am 3. Oktober 1810 mitteilen: „Ihre Verbannung ist die natürliche Folge der Haltung, die Sie seit mehreren Jahren eingenommen haben. Es schien mir, dass die Luft dieses Landes Ihnen nicht zuträglich ist – und es ist noch nicht so weit mit uns gekommen, dass wir uns die Nationen zum Vorbild nehmen müssten, die Sie bewundern.“

In Mutters Salon: die Aufklärung

An die Verbannung aus Frankreich war die Schweizerin Germaine de Staël längst gewöhnt. Bereits 1795 hatten sie die Scharfmacher der Französischen Revolution des Landes verwiesen, unter dem Verdacht, sie unterstütze die Royalisten. Für diese Fälle bot ihr das väterliche Schloss Coppet am Genfer See großzügige Zuflucht. Dort versammelte sie neben einer Vielzahl von Gelehrten und Literaten nicht nur die Elite der Gegner Napoleons, sondern auch einen Teil jener napoleonischen Gefolgschaft, die sich von der schrankenlosen Gewaltherrschaft des Korsen abgestoßen fühlte. Nicht zuletzt durch dessen verbissene Feindschaft, die sich zeitweilig in Hausarrest und fortgesetzter Bewachung durch Spione und Polizeiagenten äußerte, errang Germaine Necker, die seit ihrer frühen Heirat mit einem schwedischen Diplomaten Madame de Staël hieß, den Rang einer oppositionellen Instanz. „Das Gewissen Europas“ wurde sie genannt. Drei Großmächte, so besagt ein Bonmot, hätten erfolgreich gegen Napoleon gekämpft: „England, Russland und Madame de Staël“.
Glanz und Gloria haben diese Frau von Kindesbeinen an begleitet. Geboren 1766 als Tochter des Genfer Bankiers und späteren französischen Finanzministers Jacques Necker und der Schweizer Pfarrerstochter Suzanne Curchod in Paris, lernte sie im Salon ihrer Mutter früh die erlesensten Vertreter der Aufklärung kennen: Diderot, d’Alembert, Helvetius, Marmontel, den Naturforscher Buffon und Edward Gibbon, den Bahnbrecher römischer Geschichtsschreibung. Mit Voltaire wurde korrespondiert, der Genfer Mitbürger Rousseau lieferte das Erziehungsideal.
Als in Frankreich unter Ludwig XVI. die Krise der Staatsfinanzen ausbrach, war der Bankier Jacques Necker in den Augen der Öffentlichkeit genau der richtige Mann. In wenigen Jahren hatte der geschickte Finanzstratege ein beträchtliches Vermögen angesammelt. Mit seinem Wissen gedachte er nun auch die zerrütteten Staatsfinanzen zu sanieren. Im Oktober 1776 wurde er oberster Herr von Frankreichs Finanzverwaltung – mit dem Titel „Generalkontrolleur der Finanzen“. Der Ministerposten war einem protestantischen Ausländer im katholisch regierten Königreich verwehrt.
In den folgenden 13 Jahren wurde Germaines Vater als oberster Finanzchef Frankreichs mehrmals entlassen und wieder einberufen; zuletzt unmittelbar vor und nach der Erstürmung der Bastille. Nicht zuletzt seine Beliebtheit beim Volk hatte zum Aufstand vom 14. Juli 1789 geführt. In ihren „Betrachtungen zur Französischen Revolution“ hielt seine Tochter später fest, wie sich ihre anfängliche Begeisterung für die Revolution in Abscheu über die Willkür und den Terror der Jakobinerherrschaft verkehrte. Im Frühjahr 1793 verfasste sie einen Aufruf zur Rettung der Königin Marie-Antoinette, die ein halbes Jahr später hingerichtet wurde.

Pionierin der Emanzipation

Was für eine bewegte Biographie: Geist und Leidenschaft waren ihr Lebenselement, Turbulenz und vitales Temperament beherrschten ihre Erscheinung. Liebe war für sie „der Charme der Natur“. Sie genoss sie überschwänglich: die Liste ihrer Liebhaber ist mindestens so lang wie die ihrer Werke. Diese umfassen Romane, Erzählungen, Gedichte, politische Traktate ebenso wie philosophische und staatswissenschaftliche Untersuchungen.
Ihre wirkungsmächtigste Arbeit wurde das Buch „Über Deutschland“. Durch polizeiliche Order von Frankreich ferngehalten, war Germaine de Staël zweimal – 1803 und 1808 – über den Rhein nach Deutschland gereist. Kein Geringerer als Wilhelm von Humboldt hatte sie in der deutschen Sprache kundig gemacht. Wie ein Lauffeuer eilte der Ruf der inzwischen europaweit bekannten Madame de Staël nach Weimar voraus – für sie „Deutschlands literarische Hauptstadt“. Dort traf sie Goethe, Schiller, Wieland und August Wilhelm Schlegel, der fortan ihr Begleiter und der Hauslehrer ihrer mittlerweile drei Kinder (von verschiedenen Vätern) wurde. Das vierte Kind bekam sie 1812 mit 46 Jahren – der Erzeuger, ein Husarenleutnant, war 24-jährig.
Von Germaine de Staël stammt die Charakterisierung der Deutschen als „Volk der Dichter und Denker“. Von Beginn an war es 
ihre Absicht, einer europaweiten Öffentlichkeit dieses merkwürdig arme und nebelhafte, gleichwohl musikalisch, literarisch und philosophisch so tiefsinnige Volk näher bekannt zu machen. Aus Tadel am imperialen Materialismus im napoleonischen Frankreich entwarf sie ein teilweise idealisiertes Bild Deutschlands. Heine hat diese Tendenz später stark kritisiert und die Vorzüge napoleonischer Herrschaft für Europa – Liberalismus, Gleichheit, bürgerliche Rechte – dagegengestellt.
„De l’Allemagne“, schließlich 1813 in England gedruckt und bald in viele Sprachen übersetzt, wurde ein nachhaltiger Erfolg. Nicht nur prägte diese ganzheitliche Kulturgeschichte langanhaltend das Deutschland-Bild im Ausland. Es öffnete auch der französischen Literatur den Horizont der Romantik.
An der Seite Germaines reiste der liberale Publizist und Staatstheoretiker Benjamin Constant, mit dem sie seit 1794 eine sturmgeschüttelte Liebes- und Arbeitsbeziehung unterhielt. Was sie lebte, forderte sie mit emanzipatorischem Pioniergeist auch in ihren Romanen, vor allem in „Corinna“ (1807): das Recht der Frauen auf erotische Freiheit, soziale Anerkennung, geistige Gleichstellung.

Ausgebrannt und opiumsüchtig

Der Quarantäne auf Schloss Coppet überdrüssig, entschloss sich die Gegnerin Napoleons 1812 zur Flucht quer durch Europa, um die internationale Opposition gegen den übermächtigen Usurpator zu mobilisieren. Über Wien, wo sie schwer bewacht im Hotel „Zum römischen Kaiser“ logierte, ging es weiter bis Moskau und St. Petersburg, dicht gefolgt vom Vorrücken der napoleonischen Armee. Der Brandschatzung Moskaus entkam sie nur knapp. In Zar Alexander I. fand sie einen entschlossenen Partner der antinapoleonischen Allianz. Schließlich floh sie über Finnland und Schweden nach London, von wo sie 1814, nach der Entmachtung von Frankreichs Gewaltherrscher, im Triumph nach Paris zurückkehrte. Sogar die zwei Millionen Goldfranken, die ihr Vater einst der Staatskasse aus seinem Privatvermögen vorgestreckt hatte, erhielt sie zu ihrer Überraschung vom Bourbonenkönig Ludwig XVIII. zurück.
Zuletzt war sie, ausgebrannt und opiumsüchtig, schwer krank. Sie wurde nur 51 Jahre alt. In seinem warmherzigen Essay schrieb Sainte-Beuve über Madame de Staël: „Sie starb in Paris im Jahre 1817, am 14. Juli, dem Tag der Befreiung und des Lichts.“ Am Ende ihres Lebens konnte sie stolz bekennen: „Ich bin immer die Gleiche gewesen, lebhaft und traurig; ich habe Gott geliebt, meinen Vater und die Freiheit.“


Madame de Staël. Kaiserin des Geistes

Biographie von Sabine Appel
C.H.Beck 2017
368 S., geb.,

€ 17,50
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