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Kritik üben - Die Kunst des feinen Urteils -

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Kritik – eine Kunst?

Kritik ist nicht nett, aber notwendig, meint A. O. Scott. Ob dem so ist, kann man bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur sehen.

| Von Brigitte Schwens-Harrant


Nie würde er freiwillig einen Fuß in dieses Klagenfurter ORF-Studio setzen, um sich dort vor laufenden Kameras von arroganten Phrasen der anwesenden Kritiker demütigen zu lassen, sagte mir unlängst ein Autor. Auch wenn die Chance, danach mit einem der fünf Preise nach Hause zu gehen, bei insgesamt 14 teilnehmenden Autoren doch relativ hoch sei. Angesichts dessen, was Autorinnen und Autoren im Lauf der Tage der deutschsprachigen Literatur manchmal zu hören bekommen, mag man ihm vielleicht Recht geben. Denn, um es mit A. O. Scott ziemlich lapidar zu sagen: „Kritik ist nicht nett.“
Oja, Kritik ist nicht nett. Das erfuhr auch der US-amerikanische Filmkritiker A. O. Scott am eigenen Social-Media-Leib. Er hatte 2012 „The Avengers“ als „flotte kleine Dialogkomödie“ bezeichnet, „die als etwas anderes verkleidet ist, und dieses andere ist ein gigantischer Geldautomat für Marvel und ihre neuen Studiobosse, die Walt Disney Company“. Wo ist das Problem, könnte man fragen, Walt Disney wird’s verschmerzen. Doch die #Avengers fans versammelten sich auf Twitter. Sie suchten neue Jobs für den Filmkritiker (nämlich welche, zu denen er fähig sei) und warfen ihm vor, so erzählt es Scott, „dass mir die Fähigkeit zur Freude abgehe; dass ich allen anderen Menschen den Spaß verderben wolle; dass ich ein Hasser, ein Spießer und ein Snob sei.“ Der „Twitter-Heckmeck“ füllte sogar brasilianische, japanische und deutsche Schlagzeilen.

Spaßverderber und Nörgler?

Kritiker sind Spaßverderber, neu ist diese Anschuldigung nicht. Auch nicht die Frage, wozu denn das beckmesserische Besserwissen gut sei. Warum soll nicht jeder von kritischem Gefasel ungestört den Film sehen, den er wolle, die Literatur lesen, die ihn unterhalte, das kaufen, was Walt Disney bewerbe? Warum diese intellektuellen Zwischenrufe, das nervende Nörgeln, das Madigmachen des Marktes? Oder mit Fragen formuliert, die Scott als Beispiel nennt: „Ich will mich doch nur amüsieren. Warum müssen Sie das alles so ernst nehmen?“
Es sei etwas zutiefst Menschliches, Einwendungen zu erheben und zu urteilen, zeigt sich Scott ganz grundsätzlich überzeugt – und zum Phänomen Kritik müsste man wohl auch die Twitter-Attacken gegen Scott selbst zählen, denn über die Art und Weise der Einwendungen ist damit noch nichts gesagt. Vermutlich macht aber gerade das Wie den Unterschied aus. Um es zu pointieren: hier unargumentierte Polemik, die aus dem Bauch kommt und nicht selten unter der Gürtellinie landet, und dort begründetes und respektvolles Analysieren und Beurteilen eines Werkes.

Eine Art Autobiographie

Wenn es denn so einfach wäre! Doch in Zeiten, in denen es keinen ästhetischen Konsens gibt, werden rasch auch Kriterien und Begründungen fraglich. Und dass ohne Subjektivität gar nichts geht, wusste schon Oscar Wilde: „Die höchste wie die niedrigste Form der Kritik ist eine Art Autobiographie“. (Ein Schelm, wer gerade hier an den Bachmannpreis-Bewerb in Klagenfurt denkt.)
In seinem Buch „Kritik üben. Die Kunst des feinen Urteils“ fantasiert Scott – auch wenn er die eigentliche Literaturkritik in der Schrift und erst mit dem Buchdruck aufkommen sieht –, dass vielleicht schon zu Zeiten der Höhlenmalereien die einen Wände mit Jagdszenen geschmückt haben, die anderen als Großmäuler am Feuer saßen und lauthals kommentierten. Kritiker seien selbst gescheiterte Künstler, Kritik sei eine sekundäre Tätigkeit, so lauten die Vorwürfe, die sich ebensowenig aus der Welt schaffen lassen wie Kunst und Kritik.
Dass Kritik überflüssig sei, will Scott, der Berufskritiker, aber auf keinen Fall akzeptieren, im Gegenteil behauptet er ganz unbescheiden: „Die Kritik ist der spätgeborene Zwilling der Kunst.“ Und er verweist darauf, dass Kritik der Kunst immanent sei, ja sogar – worüber sich auch gut streiten ließe –, „dass alle Kunst eine erfolgreiche Kritik darstellt“.
Kunstkritik zu verteidigen, bedeutet nach Scott das Denken selbst zu verteidigen, welches er zurzeit gefährdet sieht (sein Buch ist im Original unter dem aufschlussreichen Titel „Living Through Criticism“ 2016 erschienen). Einen Anti-Intellektualismus nimmt A. O. Scott wahr, in dem „wir als Bürger des politischen Gemeinwesens auf ein polarisiertes Klima ideologischer Aggressivität verpflichtet [werden], in dem große Töne allzu häufig an die Stelle von Argumenten treten.“ Die Nivellierung aller Geschmackshierarchien macht nicht freier, denn der Zugang zu Kunst regelt sich in der Konsumwirtschaft nun durch Einkommen. „Und von der Erkenntnis, dass wir ohne Kritik leben können, ist es immer nur ein kleiner Schritt bis zu der Feststellung, dass wir das tun sollten.“
Dagegen wehrt sich Scott, wenn auch nicht so deutlich, wie es der Literaturkritiker und Schriftsteller Reinhard Baumgart einst tat, der sich auf seine Frage „Ist Kritik immer noch nützlich, notwendig, unverzichtbar?“ selbst antwortete: „Es fällt schwer, auf diese letzte und erste Frage noch mit dem Brustton der Überzeugung und einem Ja! zu antworten. Man sollte aber einen Augenblick die Augen schließen und sich eine literarische Welt ganz ohne Kritik vorstellen, also gleichgeschaltet mit dem Universum des Konsums, in dem ein bißchen Warentest und Verbraucherschutz genügen müssen, um über das Angebot zu informieren. Das völlige Verschwinden von Kritik, ihre Abwesenheit ist, mit einigem Grauen, durchaus vorstellbar. Ich denke nur, es würde unweigerlich auch das Verschwinden von Literatur, Literatur als Kunst, nach sich ziehen. Die sich nur behaupten kann in einer fortlaufenden Auseinandersetzung über sich selbst, über die Grenze nämlich zwischen ihr und dem, was an Printentertainment sich immer wüster ausbreitet und sie abdrängt in ihre Nischen.“

Zänkische Sonntagsredner im Park?

Kritik, so zeigt sich Scott in der Verteidigung seines Berufstandes überzeugt, liefert der Kunst erst ihren Lebenssaft, sie verteidigt die Kunst. Sie, und hier zitiert er H. L. Mencken, gedeiht am besten „in einer Atmosphäre beherzten Streits“. Doch wie dieser Streit idealiter aussähe und wie man Kritik zu Kunst machen könnte, die sich auch darin von bloßer Aus-dem-Bauch-Polemik unterscheidet – das bleibt selbst nach der Lektüre des Buches und vielen angloamerikanischen Beispielen seltsam offen.
Scotts Bestandsaufnahme liest sich, trotz seiner beherzten Verteidigung der Kritik, nicht sehr rosig. „Wenn wir der Frage ein wenig Aufmerksamkeit schenken, stellen wir fest, dass die Kritik weit davon entfernt ist, ein einfaches und geordnetes Feld wohltätiger Aktivitäten zu sein, aus dem man Hochstapler mühelos verjagen kann; sie ist vielmehr nicht besser als eine Horde streitender und zänkischer Sonntagsredner im Park, denen es noch nicht einmal gelungen ist, ihre Differenzen auszuformulieren“. Das schrieb T. S. Eliot im Jahr 1921 und A. O. Scott behauptet, „diese Diagnose kann ohne weiteres auch für die Gegenwart gelten.“.
Ob dem so ist? Man kann es in den kommenden Tagen sehen und hören, bei den Diskussionen im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.


Kritik üben
Die Kunst des feinen Urteils
Von A. O. Scott
Aus dem Engl. von Martin Pfeiffer
Hanser 2017
315 S., geb., € 22,70


Tage der deutschsprachigen Literatur
5. bis 9. Juli 2017, ORF-Theater Klagenfurt
Es lesen: Jörg-Uwe Albig, Verena Dürr, Daniel Goetsch, Urs Mannhart,
Barbi Markovi´c, Gianna Molinari, Eckhart Nickel, Maxi Obexer, Karin Peschka,
Ferdinand Schmalz, Noemi Schneider, Jackie Thomae, Björn Treber und John Wray,
3sat und Deutschlandfunk übertragen live.
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