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Maestro Amor. Römische Novellen - 26/2017

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Abgrund vor Augen

Schonungslos demaskieren Luigi Pirandellos Werke die Gesellschaft. Am 28. Juni jährt sich der Geburtstag des Nobelpreisträgers zum 150. Mal.


| Von Nikolaus Halmer

„Jeder macht sich die Maske zurecht, wie er kann – die äußere Maske. Denn drinnen ist dann die andere, die mit der äußeren nicht übereinstimmt. Und nichts ist wahr“ schrieb Luigi Pirandello in dem Essay „Der Humor“. Es ist dies ein Leitmotiv seines gesamten Werks, das um „Sein und Schein“ der menschlichen Existenz kreist. In seinen Novellen und Theaterstücken demaskiert Pirandello die Verlogenheit der gesellschaftlichen Konventionen, denen das Individuum kaum entrinnen kann. Er beschränkt sich nicht nur auf die Destruktion gesellschaftlicher Mechanismen, sondern stellt in seinen Romanen und Novellen die personale Identität des Menschen in Frage. Das Ich ist keine fixe Größe, die berechenbar ist, sondern ein Konglomerat von Emotionen, Trieben, Wünschen. „Das Leben ist ein ständiges Fließen, das wir zum Stillstand bringen wollen“, schrieb Pirandello, „aber in gewissen stürmischen Augenblicken stürzt alles um.“
Geboren wurde Luigi Pirandello 1867 auf dem kleinen sizilianischen Landgut Caos in der Nähe von Agrigent als Sohn wohlhabender Eltern. Dominiert wurde seine Kindheit von dem Vater, „einem Bärenkerl von fast zwei Metern, der sich zu schrecklichen Wutanfällen hinreißen“ ließ. Der reiche Schwefelgrubenbesitzer bestimmte despotisch das Familienleben; „mit ihm war nicht zu reden“, notierte Pirandello, der sich als vertrauensvolles Kind beschrieb, das durch das autoritäre Verhalten des Vaters zutiefst verstört wurde. Diese grundlegende Kindheitserfahrung war eine wesentliche Voraussetzung für Pirandellos lebenslange skeptische Haltung gegenüber der vermeintlich heilen Welt der bürgerlichen Familie, die er als eine Vorhölle erlebte. Nach dem Schulbesuch erfolgte ein Studium der Romanischen Philologie in Rom und Bonn, das er erfolgreich absolvierte. 1892 kehrte er nach Rom zurück, wo er als freier Schriftsteller lebte und erste Theaterstücke und Romane veröffentlich-te. 1894 heiratete Pirandello die Tochter eines Geschäftspartners seines Vaters, mit der er die wahre Hölle erlebte. Ihre krankhaften Eifersuchtsanfälle steigerten sich zu psychotischen Anfällen, die der Dichter stoisch ertrug, bevor sie in eine psychiatrische Klinik gebracht werden musste. „Eine Verrückte hat mir fünfzehn Jahre lang die Hand geführt“, bekannte er.

Das „kleine“ und das „große Ich“

1904 veröffentlichte Pirandello – mittlerweile ordentlicher Professor an einer Pädagogischen Akademie – seinen Roman „Mattia Pascal“. Es ist dies die Geschichte eines Mannes, der sein Ableben fingiert, um von bürgerlichen Konventionen frei zu werden. Durch einen erheblichen Gewinn im Kasino ist er in der Lage, ein ungebundenes Leben zu führen. Bald muss er jedoch feststellen, dass er nicht außerhalb der Konventionen leben kann, er hat sich zuviel zugemutet, seine soziale Obdachlosigkeit ist unerträglich. „Als ich unten auf der Straße war, fühlte ich mich wieder einmal wie verloren, selbst hier, in meinem Geburtsort; Ich war allein, ohne Heim, ohne Ziel. ‚Was jetzt?‘ fragte ich mich. ‚Wohin?‘“
Für Pirandello spaltet sich die menschliche Person in das „kleine“ und „große Ich“, die ständig miteinander einen Konflikt austragen. Das „kleine Ich“ bezeichnet die Tätigkeit des Alltagsmenschen: Beruf, Karriere, Familie. Man tut alles, was den gesellschaftlichen Normen entspricht und das Gemeinschaftsleben zusammenhält. Das „große Ich“ hingegen ist die Sphäre der dichterischen Inspiration; jener Bereich, der dem „kleinen Ich“ unzugänglich bleibt. Das „große Ich“ entzieht sich der trivialen Alltagswelt, um sich möglichst oft in seine Imaginationen zu vertiefen. Das „große Ich“ – „schweigsam und ständig in seine Gedanken vertieft“ – ist das Refugium für eine Selbst- und Weltverlorenheit, die mit dem „riesigen Kasperltheater“ der Welt nicht mehr kompatibel ist.
Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Menschen ausschließlich mit dem „kleinen Ich“ beschäftigt ist, neigt das „große Ich“ zum Rückzug, schließlich zur Isolation, zum Exil in sich selbst. „Das Grübeln ist der schwarze Abgrund“, schrieb Pirandello, „bevölkert mit düsteren Phantasiegebilden, bewacht von verzweifelter Trostlosigkeit. Ein Lichtstrahl dringt niemals dorthin“.
Pirandellos Grundmotive wie Ichauflösung, Einsamkeit, Orientierungslosigkeit oder Melancholie finden sich auch in seinen Theaterstücken. Mit dem Drama „Sechs Personen suchen einen Autor“, das bei der Premiere 1921 in Rom einen Skandal auslöste, errang Pirandello internationale Anerkennung. Das Drama spielt im Zwischenbereich von Sein und Schein. Die Handlung beginnt mit einer Probe einiger Schauspieler, die vom Auftreten einer sechsköpfigen Familie unterbrochen wird. Die völlig konträren Personen , die unter ihrer Lebensgeschichte leiden, verlangen vom Theaterdirektor, dass sie ihr „schmerzliches Drama“ auf der Bühne darstellen und zu Ende spielen wollen. Sie behaupten, zwar von einem Autor erschaffen worden zu sein; der Autor aber habe vergessen, sie zu vollenden. In einem turbulenten, chaotischen Spiel, „in dem sich alles bewegt“, kommt es zu einem undurchschaubaren Verwirrspiel: Die Lebensgeschichten der Personen oszillieren zwischen Erinnerungen, Anklagen, Wünschen und Träumen. „Ohne es zu wollen, drückt jeder von ihnen in höchster Erregung, um sich gegen die Anschuldigungen des anderen zu verteidigen, als sein tiefstes Leid und seinen Kummer das aus, was so viele Jahre die Not meines Geistes gewesen ist: Die Unmöglichkeit, sich gegenseitig zu verstehen.“ Weitere Stücke wie „Heinrich IV.“, „Heute abend wird aus dem Stegreif gespielt“ und „Die Riesen vom Berge“ festigten seinen Ruf als avantgardistischer Theater-autor. 1922 gab Pirandello seine Professorenstelle auf, um sich der Theaterproduktion ungestört widmen zu können.

Dunkles Kapitel Faschismus

Ein dunkles Kapitel in der Biografie Pirandellos ist sein Eintritt in die Faschistische Partei 1924. In einem Brief an Mussolini bat er, in der Partei „den Platz des demütigsten und bescheidensten Mitglieds einnehmen zu dürfen“. Diese Anbiederung Pirandellos, der sich als radikaler Skeptiker verstand, an den faschistischen Diktator ist heute schwer nachvollziehbar. Allerdings wurde der Schriftsteller von den Faschisten nicht geschätzt; sie bezeichneten ihn als „ehrgeizigen Lästerer und einen Scharlatan“.
Im Roman „Einer, keiner, hunderttausend“, erschienen 1926, wird der Held mit der Aussage seiner Frau konfrontiert, dass sich seine Nase nach rechts neige. Diese Bemerkung löst einen Prozess des Selbstzweifels aus, der bis zur völligen Destruktion seiner Persönlichkeit führt. In einem endlosen Monolog werden alle Stadien dieser Selbstentfremdung vorgeführt: vom zweifelnden Blick in den Spiegel über die Hinterfragung der gesellschaftlichen Position bis zur Auflösung der Identität. Das Fazit dieser Selbstzerstörung lautet: „Dass ich für andere nicht der gewesen war, der ich bisher für mich zu sein glaubte; (...) , dass ich, da ich mich nicht leben sehen konnte, mir selbst fremd blieb als einer, den die anderen, ein jeder auf seine Weise, sehen und erkennen konnten; aber ich nicht“.
1934 erhielt Pirandello den Nobelpreis für Literatur. Der international renommierte Autor, in dessen Novellen, Romanen und Dramen sich existenzialistische Motive und Elemente des „Absurden Theaters“ finden, verstarb 1936 in Rom an einer Lungenentzündung. In seinem Testament verfügte er: „Man übergehe meinen Tod mit Stillschweigen. Keine Mitteilungen. Man hülle mich nackt in ein Leinentuch. Keine Blumen, keine Kerzen, Wagen letzter Klasse – wie für die Armen. Nackt und sonst gar nichts.“

Maestro Amor.
Römische Novellen


Von Luigi 
Pirandello
C.H.Beck 2016
160 S., kart.
€ 17,50
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