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Innen Leben - 25/2017

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Wahnsinn auf engstem Raum überstehen

„Innen Leben“: Der belgische Regisseur Philippe de Leeuw versucht, in der filmischen Atmosphäre eines Kammerspiels das alltägliche Leben und Sterben im syrischen Bürgerkrieg näherzubringen.

| Von Heidi Strobel

Für die aktuelle Flüchtlingsdebatte kann es erhellend sein, sich einmal probehalber in die Perspektive der Opfer einzufühlen. Und das Kino ist ein Ort, an dem sich dazu schönste Gelegenheit bietet. Sein Zauber liegt ja gerade auch darin, dass es Wissen stiftet, das durch Empfindung gewonnen ist. Bestenfalls werden durch Großaufnahmen und eine subjektive Kameraführung Scham, Todesangst, Zorn, Hass, Verzweiflung und Überdruss fassbar, wie dies auch in „Innen Leben“ eindrücklich glückt. Philippe Van Leeuws Tragödie zeigt, wie man sich den Alltag der Zivilbevölkerung in Syrien vorstellen muss.

In der verbarrikadierten Wohnung

Die resolute Oum Yazan (Hiam Abbas) hat sich mit ihren Kindern und ihrem Schwiegervater in ihrer geräumigen Wohnung verbarrikadiert. Damit das Privatleben der Familie weiter reibungslos funktioniert, muss Oum einen kühlen Kopf bewahren. Doch diese Aufgabe lastet schwer auf ihr, zumal ein in der Wohnung aufgenommenes, frisch vermähltes junges Paar, Samir und Halima, samt ihrem Baby die Familie zusätzlich belastet. Als der junge Mann von den draußen lauernden Scharfschützen angeschossen wird, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Die Hausherrin will, dass das Dienstmädchen Delhani, das den Vorfall beobachtet hat, darüber schweigt, und stürzt es so in einen schweren Gewissenskonflikt.
Der Film macht deutlich, dass die Umstände in Syrien ausweglos sind, keine Wahl, kein Abwägen der Ansprüche, keine Freiheit zulassen. Um ihrer Nächstenpflicht nachzukommen, müsste Oum das eigene Leben und damit das ihrer Familie aufs Spiel setzen. Schon dadurch, dass der Film die Form eines Kammerspiels wählt, macht er diese tragische Situation kenntlich. Er reiht kurze, intensive Szenen aneinander. Ständig wird die Hausherrin von neuen Wendungen überrascht. Dabei fängt die Kamera die permanente Anspannung der Protagonisten vortrefflich ein, wenn sie ihnen folgt, deren Bewegung aufnimmt. Gleich einem Tier im Käfig gehen sie umher, hetzen durch die Wohnung, um ihre Erregung abzureagieren.
Geräusche von Vogelgezwitscher, Helikop-tern, Sirenen und abrupten Einschlägen machen den bedrohlichen, aber auch unwirklichen Zustand erlebbar, draußen lockt die Sonne, mal goldgelb, mal milchig, aber das in der dämmrigen Wohnung heftig ersehnte Licht bedeutet zugleich auch den Tod.
Die Katastrophe tritt ein, als drei Rebellen in die Wohnung eindringen und Halima brutal vergewaltigen. Ab diesem Moment, in dem die junge Frau durch ihr Selbstopfer Oum und ihre Familie beschützt, wird das moralische Anliegen des Films grob vereinfacht.

Entehrte Frau als Bild für die entehrte Nation

Die Geschändete ist nicht nur eine Frau, deren Recht auf Selbstbestimmung missach-tet wird, sondern sie verkörpert auch die entehrte Nation. Die besteht hier aus einer Oberschicht, die sich Angestellte leisten kann, gebildet und dem Westen gegenüber aufgeschlossen ist. Dass dessen Werte christlichen Ursprungs sind, daran lässt der Film durch seine Ikonographie keinen Zweifel. Wie einst Maria und Josef befindet sich das junge Paar mit ihrem Neugeborenen auf der Flucht. Halima mit ihrem madonnenhaft, sanftmütig, vergeistigt inszenierten Gesicht, dem Baby im Arm, ähnelt der Jungfrau Maria, in deren Farben rot und blau sie auch gewandet ist.
Diese Konstruktion beruhigt die Angst des Zuschauers, da das „Fremde“, anders als in der Rea-lität, gar nicht erst in Erscheinung tritt und vom politisch-sozialen Konflikt ablenkt. Dem Dienstmädchen, sprich der Unterschicht, wird nur eine Abstellkammer für ihre Habseligkeiten, für ihre Frömmigkeit zugestanden.


Innen Leben (Insyriated)
B/F/ Libanon 2017. Regie: Philippe Van Leeuw.
Mit Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud,
Juliette Navis, Mohsen Abbas. 

Filmladen. 85 Min.
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