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Als der Elsternkönig sein Weiß verlor - 16/2

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Mutig, sanft, einfallsreich

Blättern im Bilder-Buch der Charakter-eigenschaften und Empfindungen.

| Von Heidi Lexe

Paula Modersohn-Becker hat es getan; Udo Jürgens hat es getan; und Cal Lightman tut es in jeder Fernsehserienfolge auf Neue: Der Verhaltensforscher und Täuschungsexperte liest im Dienst der Kriminalermittlung in menschlichen Gesichtern. Chansonnier Udo Jürgens ließ sein lyrisches Ich im eigenen Gesicht lesen, denn dort ist „eingegraben, wie ich fühle, was ich bin“. Und die dem frühen Expressionismus zuzuordnende Malerin Paula Modersohn-Becker setzt ihre Beobachtungsgabe in Porträts um, die von visionärer Wirklichkeitsbefragung bestimmt sind (so der Kunsthistoriker Hans-Peter Wipplinger). Eine solche Wirklichkeitsbefragung ist im neuen Bilder-Buch der österreichischen Künstlerin Linda Wolfsgruber nachrangig, wenn vielleicht auch in den visuellen Subtext der Illustrationen eingeschrieben.

45 Porträts

„Wir“ ist kein narratives Kinderbuch; vielmehr werden im kleinformatigen, quadratischen Format mit Hilfe von 45 Porträts emotionale und charakterliche Zuordnungen vorgenommen. Als mutig, sanft, zickig, vornehm, unwiderstehlich, begabt, einfallsreich oder traurig werden die dargestellten Gesichter benannt, sodass zwischen der Ein-Wort-Schrift-Seite auf der linken und dem Bild auf der rechten Seite Assoziationen und Korrespondenzen entstehen. Manchmal sind den Gesichtern 
diese Eigenschaften ablesbar. Würde man die Bild- und Textseiten jedoch als Memory-Spiel aufgelegen, müsste man vielfach über Zuordnungen jenseits gezeigter Details entscheiden. Angeregt wird damit das freie Spiel der Vorstellungskraft, das über das auf den ersten Blick sichtbare hinausweist.
Zum zentralen künstlerischen Moment der Bilder wird die Interdependenz von Konstanten und Varianten. Konstant bleiben der frontale Blick auf die Gesichter, deren Größe und der gewählte Bildausschnitt. Konstant bleibt auch die Wahl der illustratorischen Technik: Mit Farbstift werden die Gesichter klar konturiert und grobgliedrige Details in den dieserart entstandenen Weißraum gesetzt. Die Variationen beginnen also bei Augen, Nase, Mund und Hautfarbe und setzen sich in der Wahl von Halskragen, Frisuren und Kopfbedeckungen fort. Aufgefächert werden ebenso charmante wie variantenreiche menschliche Erscheinungsbilder, die von der kindlichen Rebellin (kaum erkennbar, weil hinter grüner Haarmähne verborgen) bis zum zugeknöpften Brillenträger mit fellener Alaska-Ohrenmütze reichen. Ohne jede Vordergründigkeit wird damit Diversität als motivische Klammer über die Bildfolgen gelegt; ein Konzept, das es jedem Leser und jeder Leserin ermöglicht, sich individuell in die gezeigte Vielfalt einzuschreiben.
Nur mit dem letzten Bild wird eine konkrete Anspielung vorgenommen: Zwei verschiedenfarbige Augen werden in das Gesicht gesetzt, eine der beiden Pupillen durch Mydriasis erweitert; dazu eine rote Ziggy Sturdust-Mähne und das zugeordnete Adjektiv: unvergesslich.
David Bowie also. Seine Wandlungsfähigkeit verweist auf jene künstlerische Qualität, die auch Linda Wolfsgruber auszeichnet: Auf der steten Suche nach der idealen Form für den jeweiligen Darstellungsgegenstand greift Linda Wolfsgruber nach langjähriger Nutzung von Drucktechniken und Collageformen zuletzt verstärkt 
auf zeichnerische Elemente zurück. Dennoch stellt sie der wirkungsvollen Fokussierung auf den farbigen Strich in „Wir“ in diesem Frühjahr noch eine weitere Variante ihrer Kompositionslust zur Seite: In der Bilderbuchgeschichte „Als der Elsternkönig sein Weiß verlor“ (basierend auf einem Text von Michael Stavariˇc) variiert sie nicht Gesichter, sondern das Geäst eines Baumes und dessen gefiederte Bewohner. Sie nutzt dafür Pappdrucke mit Gouachefarben, inszeniert transparente Figuren, legt Schichten des Gezeigten übereinander und wandelt – der Geschichte entsprechend – das bestimmende Weiß in ein immer stärker um sich greifendes Schwarz.
Im Vergleich zu diesem zarten Ambiente des Verschwindens wirken die Gesichter in „Wir“ viel expliziter, viel präsenter in ihrer Farbigkeit. „Wir“ entführt nicht in eine andere Welt, sondern öffnet mit jedem Bild das Fenster zu einer neuen Repräsentation menschlicher Individualität, zu einer neuen Biografie, einer neuen Ausdruckform menschlicher Empfindungen. Und ob diesen Gesichtern nun das Sanfte oder Wilde abzulesen ist, liegt letztlich im Auge des Betrachters.



Als der Elsternkönig sein Weiß verlor
Von Linda Wolfsgruber und
Michael Stavarič
Kunstanstifter 2017
36 S., geb., € 24,70


Wir
Von Linda Wolfsgruber
Tyrolia 2017
94 S., geb., € 14,95
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