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Drei Lieben - 16/2017

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Geschichte und Gefühle

„Drei Lieben“: Drei Kapitel, jedes einer Frau gewidmet, die jeweils einer anderen Epoche angehört.

| Von Anton Thuswaldner


Einer schaut sich um in seiner Familiengeschichte und entdeckt die Universalkraft der Liebe. Sie verändert nicht nur das Leben zweier Menschen, sondern bestimmt das Miteinander und das Getrenntsein von Familienangehörigen über Generationen. Der Liebe wohnt etwas Herrisches und Unduldsames inne. Sie gewährt nichts neben ihr eine Daseinsberechtigung. Und so kommt es zu Glückserfahrungen und Leidensgeschichten, denn die Liebe, die für zwei bestimmend sein mag für lange Jahre und Jahrzehnte, kann sich für andere, die dadurch an den Rand geschoben werden, zur Vollstreckerin des Unheils auswachsen.
Walter Grond, der österreichische Schriftsteller, der sich in früheren Büchern schon interessiert daran gezeigt hat, wie sich Biografien auf dem Hintergrund politisch bewegter Zeiten entwickeln, ist auch diesmal wieder der sorgsame Zettelkastenhüter der Gefühle, die keine Rücksicht nehmen, nicht auf die Betroffenen, die von Liebe gleichsam heimgesucht werden, und nicht auf die Angehörigen, die davon auf Abstand gebracht nur staunend Notiz nehmen können.

Ein Habenichts als Charmeur

Es besteht Grund zur Annahme, dass die Familie des Hermann Opitz, der sich im Jahr 1917 aus einem kleinen österreichischen Dorf freiwillig an die Ostfront hat versetzen lassen, für große emotionale Ausbrüche nicht geschaffen war. Die kleinen Verhältnisse, denen er entstammt, machen die Leute zu Hilfsdienern der Gefügigkeit. Hermann aber, die neue Zeit der Umbrüche macht das möglich, will nicht länger Untertan bleiben, er kriegt mit, dass sich aus seinen Hallodri-Qualitäten Vorteile schlagen lassen. Nicht, dass er ein Schwindler aus Passion wäre, aber seinen Vorteil weiß er zu nutzen. Er ist der Mann für das in die Moderne aufgebrochene 20. Jahrhundert, in dem die sozialen Grenzen ihre Unüberwindlichkeit verlieren und die Russische Revolution mit Folgen für das restliche Europa den Herrschaften das Fürchten beibringt.
Der Habenichts als Charmeur schafft das bislang Unmögliche. Er kriegt Maria, die Lehrerin, später Schuldirektorin, Tochter aus gutem Haus, „nicht unbedingt reich, aber doch bemittelt“. Hermann selbst dagegen wächst bei Stiefeltern heran. Sein Vater soll von besserer Herkunft gewesen sein. „Meine Mutter war für ihn nur ein Pantscherl.“ Wenn Hermann den Mief seiner eigenen Vergangenheit hinter sich lässt, versetzt er dem 19. Jahrhundert, dessen strenger sozialen Normen Kind er ist, den Todesstoß. Mit ihm beginnt die neue Zeit, und die erlaubt so jemandem wie ihm den Aufstieg.
Als Soldat verdingt er sich, nachdem sich die Beziehung zu Maria an den Kalamitäten des Alltags aufzureiben beginnt. Der Gedanke, dass er allemal etwas Besseres findet als den Tod, treibt ihn an. „Irgendwo wartet jemand auf mich“, bekennt er in seinem Abschiedsbrief. Tatsächlich trifft er in Baku auf Jale, die Tochter eines Ölmagnaten, und die verfällt ihm. So will es der Familienmythos, aber der ist sowieso ein fragwürdiger Chronist. Die Revolution verhindert das Bleiben in Baku, in Paris bauen sich die beiden eine neue Existenz auf. Hermann ändert seinen Namen, seine Vergangenheit hat er abgeschrieben. Die österreichische Familie – die Tochter hat er nie kennen gelernt, weil sie erst nach seiner Abreise auf die Welt gekommen ist – gibt es für ihn nicht mehr.
Erst ein Enkel, Erzählinstanz des Romans, bekommt die Hintergründe der Ereignisse heraus. Er ist ein gnädiger Berichterstatter, der sich kein Urteil anmaßt. Hermann, ein Charakterschwein? Nicht für den Enkel, für den die Liebe auch unverantwortliches Verhalten rechtfertigt. „Für meine Großeltern galt der Schutz der Familie als heilige Pflicht.“ Ein großes Wort, um eine umfassende Lebenslüge zu entschuldigen. Immerhin muss Sophie, die österreichische Tochter, ihren Vater für einen im Weltkrieg Gefallenen halten. Regelmäßig legt sie Blumen vor der Tafel für die Gefallenen des Weltkriegs ab, auf der Hermanns Name vermerkt ist.

Bewährungsproben für Lieben

Für den Erzähler bekommt die Liebe deshalb ein derart erhebliches Gewicht in der Familiengeschichte, weil er sich selbst als einen seiner Rita heillos Verfallenen sehen darf. Zu einer wahren Liebe gehören Schwierigkeiten, die gemeinsam durchgestanden werden müssen, weil erst solche Bewährungsproben einer Liebe das Echtheits-Zertifikat verpassen. Ein Leidens-Dogma überwölbt eine solche Beziehung.
Dass Walter Grond ein geübter Erzähler ist, erkennt man sofort an der durchdachten Komposition des Romans. Drei Kapitel, jedes einer Frau gewidmet, die jeweils einer anderen Epoche angehört. Rita, die Lebensgefährtin des Erzählers zieht zu ihm nach Paris, nachdem sie die schwarz-blaue Koalition unter Wolfgang Schüssel die „Geschichtsvergessenheit der Österreicher“ fürchtet.
Die Struktur ist aber nicht alles, der Teufel liegt im Detail, der Sprache zumal. Grond findet poetisch gemeinte Vergleiche, die viel Wirbel erzeugen, aber nichts sagen. So gleicht ein „Schmerz in den Schläfen (...) der Landschaft, die im Fenster an ihm vorbeizog und doch stillstand, grau und eben und horizontlos“: Einen Schmerz, „grau und eben und horizontlos“ wollen wir uns lieber nicht genau vorstellen. Dafür kommt die historische Dimension, eigentlich ein Anliegen des Verfassers, zu kurz. Über ein Festhalten am Selbstverständlichen gelangt er kaum je hinaus. Eine Revolution ist ein grausames Ereignis, das aber seltsamerweise die Figuren im Roman, so empfindsam sie auch sonst immer geschildert werden, kaum berührt. Sie bleibt mehr unangenehme Pflichtübung für einen Erzähler als Herausforderung. Auch der Fluchtort Paris bekommt kein individuelles Gesicht von Leuten, die drauf und dran sind, sich die Stadt anzueignen. Nicht der beste Roman von Walter Grond, lesen sollte man ihn aber schon.


Drei Lieben
Roman von 
Walter Grond
Haymon 2017
164 S., geb. 
€ 19,90
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