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Der Mann, der Luft zum Frühstück aß -

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„Ich denke, ich bin radikaler geworden“

Aus Polen nach Österreich: Radek Knapp verrückt in seinen literarischen Werken
in Variationen seine eigene Biografie.


| Das Gespräch führte Brigitte Schwens-Harrant


Als Jugendlicher wurde der 1964 in Warschau geborene Schriftsteller in die Fremde, nach Wien verpflanzt. Radek Knapp variiert diese Erfahrung literarisch in seinen Werken, auch in der jüngsten Erzählung „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“.

BOOKLET: England macht ernst mit dem Brexit, seit Monaten werden dort Ausländer, darunter viele Polen, angegriffen und angefeindet. Was geht da vor in Europa?
Radek Knapp: Wir brauchen das Wort Europa nur mit EU ersetzen, dann wird alles gleich klar. Die Engländer und die Europäer haben genug von den Gaben der EU.
Die Globalisierung etwa war ursprünglich dazu da, aus der Welt ein heimeliges Dorf zu machen, wo wir uns alle wie zuhause fühlen sollten. Geworden ist daraus eine neurotische Siedlung, wo jeder zu viel vom anderen weiß. Gewonnen haben dabei nur die Konzerne, die sich Zölle und Steuern ersparen. Der Europäer hat zunehmend das Gefühl, Passagier in einem Bus zu sein, dessen Lenker kein Gesicht mehr hat. Wohin der Bus fährt, erkennt man erst dann, wenn der Weg bereits eingeschlagen und es kein Zurück mehr gibt. Der Brexit war den Briten viel mehr ein psychologisches Bedürfnis als ein politisches. Das menschliche Gehirn bevorzugt kleine, klare Strukturen. Und die EU wird um das menschliche Gehirn nicht herumkommen.
BOOKLET: Polen, die überall in Euro-pa sagen können „Hier bin ich zu Hause“: ein ausgeträumter Traum?
Knapp: Die Polen hatten einen anderen Traum. Sie wollten endlich nach 200 Jahren Okkupation in ihrem eigenen Haus zu Hause sein. Die Befreiung von den Kommunisten im Jahr 1989 war gleichbedeutend mit der Gleichschaltung mit dem Westen. Die Polen bewunderten den Westen wie ein Paradies und öffneten sich ihm ganz. Aber das Paradies handelte mit faulen Früchten. Statt Demokratie und Menschenrechte brachte es die Konzerne ins Land, die das polnische Volk ausnutzten. Nur aus diesem Grund konnte ein Jarosław Kaczy´nski an die Macht kommen. Dennoch ist der Traum, in Europa zu Hause zu sein, aktuell. Besonders unter den jungen Leuten.
BOOKLET: Von einem Polen erzählend, der in einem österreichischen Kaufhaus ungezwungen polnisch mit Ihnen sprach und sich nicht als Ausländer fühlte, meinten Sie einmal: „Solche Fremden brauchen wir in Europa wie einen Schluck Wasser.“ England scheint nicht zu wissen, dass es Wasser ausspuckt.
Knapp: Wir leben momentan in einem Trauma. England und der ganze Westen reagieren allergisch auf den „Fremden“, gewiss auch eine Folge der riesigen Flüchtlingswellen, die jetzt über Europa kommen. Damit muss Europa eine bittere Pille schlucken, die da heißt: „Wir sind, als es dafür Zeit war, nicht in die dritte 
Welt gegangen um gegen die Armut zu helfen. Also kommt die Armut jetzt zu uns und hilft sich selbst.“ Ferner erfahren wir, dass heute acht Menschen so viel besitzen wie die halbe Menschheit. Die Welt ist aus den Fugen, und die Wohlhabenden können nicht mehr so tun, als wären sie daran unschuldig. Frust, Angst und Ablehnung werden daher heute durch das „Fremde“ intensiver ausgelöst als sonst.
BOOKLET: In Ihren literarischen Werken suchen auffällig oft junge polnische Protagonisten, die freiwillig oder unfreiwillig nach Österreich gekommen sind, hier ihr Glück: in „Herrn Kukas Empfehlungen“, in „Der Gipfeldieb“ und in „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“. Sie wurden selbst als Jugendlicher nach Österreich verpflanzt und mussten damit zurechtkommen. Betreiben Sie in Variationen literarische Verrückungen Ihrer Biografie?
Knapp: Ich tue das tatsächlich. Ich betrachte immer wieder dasselbe Bild aus einem anderen Blickwinkel. Und komme zu der faszinierenden Einsicht, dass das Bild sich dabei ständig ändert. In Kurosawas Film „Rashomon“ erzählen vier Personen dasselbe Ereignis, und jedes Mal kommt etwas anderes heraus. Ich mache etwas ähnliches, um am Ende immer zu demselben Schluss zu kommen: Meine Emigration war kein Trauma, sondern ein Glücksfall.
BOOKLET: Inwieweit hat sich Ihr Blick im Lauf der Jahre verändert?
Knapp: Mit der Zeit, wenn das Ende immer konkreter wird, wird man immer konkreter. In der Jugend liebt man die Magie und die Unschärfe der Poesie. Oder wie Bohumil Hrabal zu sagen pflegte: Die jungen Dichter schreiben über den Tod und die alten Knacker über junge Mädchen. Ich bin jetzt irgendwo dazwischen. Ein schönes Habitat, das auch nicht lange bleiben wird. Aber ich denke, ich bin radikaler geworden und fröne nicht mehr dem Spruch „Der Klügere gibt nach“. Die Klugen haben bis jetzt nachgegeben und was ist daraus geworden: Trump und Kaczy´nski.
BOOKLET: Empfinden Sie „Herrn Kukas Empfehlungen“ als magischer und poetischer und „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“ als konkreter?
Knapp: Ja, das tue ich. Aber das muss nichts heißen. Schließlich heißt es: Niemand beurteilt literarische Werke so falsch wie der Autor selbst. „Kukas“ Strahlkraft kommt aber noch aus einer anderen Quelle. Es war der erste wirklich heitere Roman mit dem sonst tristen Thema Emigration. Deshalb ist er heute noch immer Schulstoff. „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“ ist eine Anleitung dafür, wie man aus Luft Beton macht und einen Boden unter den Füßen gewinnt. Die Fallhöhe von magisch zu konkret ergibt sich hier automatisch.
BOOKLET: Heiter ist’s aber hier wie dort. Der Schmerz, den es für Sie bedeutete, getrennt von den Großeltern, bei denen Sie aufgewachsen waren, in der Fremde leben zu müssen, wird auch im jüngsten Werk thematisiert. Trotzdem dieser Humor ...
Knapp: Manche meiner Leser glauben schon, dass ich wegen meines so häufig auftretenden Humors bei besonders schmerzlichen Themen an Geistesschwund leide. Dabei ist Humor die Kehrseite der Melancholie, oder vielmehr ihr Resultat. Die Melancholie ist ein Tunnel, an dessen Ende einen entweder eine große Antidepressivtablette erwartet oder das große Lachen. Ich habe mich fürs Lachen entschieden.

Der Mann, der Luft zum
Frühstück aß

Von Radek Knapp
Deuticke 2017
128 S., geb., € 16,50
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