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Zitat, Zikade Zu den Sätzen - 16/2017

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„In allen Einzelheiten: Das verspricht alles!“

Die Liebe als Radtour und die Liebe zur Sprache: zwei unterschiedliche Textsammlungen
machen Lust aufs wilde Lesen.


| Von Veronika Schuchter

Der kleine Salzburger Verlag Müry Salzmann hat ein Händchen für neue Talente, verlegt werden unter anderem Elke Laznia oder auch Lydia Haider, deren Texte mit Sicherheit zu den besten Debüts der letzten Jahre gehören. Verlegerische Risiken werden durchaus in Kauf genommen. Ein solches ist Sela Millers „Rose fährt Rennrad“. Kein Roman, keine Erzählung, nicht einmal Kurzgeschichten sind das, sondern eine Sammlung ganz unterschiedlicher Texte, kurze Erzählungen, Beobachtungen, manchmal nur ein einziger Satz. Für das romanverwöhnte deutschsprachige Publikum wird das schnell zur Zumutung.
In der Titelgeschichte wartet der Ich-Erzähler jeden Tag auf seinem Weg in die Arbeit darauf, einer Unbekannten zu begegnen, der er den Namen Rose gibt. Während sie auf ihrem Rennrad vor ihm den Berg hinunterfährt, verzehrt er sich nach ihr, was beinah obsessive Formen annimmt. Der Kunstgriff an der Geschichte ist, dass Miller eine der schönsten literarischen Liebeserklärungen, das Hohelied der Liebe, in die Gegenwart transformiert. Das klassische Frauenbild der zum Objekt degradierten Rose zu nehmen und mit dem emanzipierten Bild der Radfahrerin zu paaren, funktioniert hervorragend und liest sich durchwegs ironisch, ohne in die Satire abzugleiten. „Es gibt Gemeinsamkeiten, immerhin, wir fahren beide Rad. Das ist symbolisch zu verstehen. Etwas, das rund ist, keinen Anfang hat, kein Ende, auch kein Happy End. Ein Drehen um sich selbst x 2, ein gleiches Maß von innen nach außen, ein Einfaches, blitzsicher und doch kein Käfig, ein helles Klingelgelächter, ein fehlendes Rücklicht, Treten und Strampeln, mühsam den Berg hinauf, freihändig hinunter und immer so schnell man kann.“ Witzig ist das Porträt der schrägen Tante Adelheid, ebenfalls sehr gelungen sind die „Versuche über das Heimkommen“ und die Texte, die Miller unter das Motto „Meine ungeschriebenen Romane stellt“ – das lässt einiges Potenzial für mehr erkennen.

Spielräume und Momentaufnahmen

Die Konstellation erinnert ein bisschen an die Textsammlungen englischsprachiger Autorinnen wie Lydia Davis, Zadie Smith oder auch der jungen Margaret Atwood. Die einzelnen Texte stehen für sich selbst, und man kann sich nach Zufallsprinzip quer durch den Band arbeiten, gleichzeitig hängt aber auch alles zusammen und ist durchaus geschickt verknüpft. Insgesamt hätte man allerdings deutlich kürzen müssen, manche Texte sind zu schwach, um mit dem Gesamt-niveau mithalten zu können, und manchmal überschätzt sich Miller schlichtweg, etwa wenn sie Max Frischs „Homo Faber“ fortzuschreiben versucht und Walter und Hanna mit einem etwas befremdlichen Happy End versorgt.
Am besten ist Miller, wenn sie dem Leser Spielräume lässt, wenn sie Beobachtungen festhält, Momentaufnahmen zeichnet, ohne diese in einen größeren Kontext stellen zu wollen, was manchen Texten einen unnötigen Das-ist-die-Moral-von-der-Geschicht-Charakter verleiht, wo doch gerade das Fragmentarische, Bedeutungsoffene zum Wesen der Miniatur gehört. Davon versteht Miller eigentlich einiges. 1967 geboren, studierte sie Theaterwissenschaften und Anglistik und arbeitete am Theater im Bereich Regie.

Strukturiert und perfekt arrangiert

Wie man mit einer Textsammlung ganze andere Wege beschreiten kann, zeigt die 1964 in Salzburg geborene Schriftstellerin Margret Kreidl. Wo Millers Prosa noch etwas wildwüchsig und chaotisch ist und sich selbst überschätzt, ist Kreidls neuer, in der Edition Korres-pondenzen erschienener Band „Zitat, Zikade. Zu den Sätzen“ ausgesprochen strukturiert und perfekt arrangiert. Dabei ist die Textmischung an sich nicht weniger wild: Gedichte, Listen, dadaistisch anmutende Collagen, kurze Essays, Assoziationsketten. Alles dreht sich um ein Thema: Die Liebe zur Sprache und zur Literatur.
Kreidl tritt nicht nur als Autorin, sondern auch als Leserin in Erscheinung. „Ich will das Erzählen nicht den Prosaautoren überlassen, den großen Romanciers und den sogenannten Realisten, denen es allgemein zugeordnet wird. Erzählen ist immer Mündlich-Werden. Das Buch ist etwas Vielstimmiges, das sich aus verschiedenen Stimmen zusammensetzt. Etwas Zusammengesetztes. Das ist programmatisch für mein Schreiben: etwas zusammensetzen, aus Teilen zusammensetzen. In allen Einzelheiten: Das verspricht alles!“ So schreibt Kreidl ihre Leserinnenbiografie und nimmt ihre eigenen Leser dabei mit auf eine Reise durch die Literatur, von Rainer Maria Rilke über Bertolt Brecht bis Ilse Aichinger und Friederike Mayröcker.
„Literarische Montage beruht auf der Fernwirkung ihrer Bestandteile.“ Kreidl weiß, wovon sie spricht, die Bedeutung von Ordnungen, An- und Neuordnungen sind ein wesentliches ästhetisches und narratives Konzept. Das zeigt sich in der strengen Struktur ihrer Lyrik genauso wie in der Anordnung der einzelnen Texte. Kreidl zeigt sich aber nicht nur als äußerst versierte Literatin, die wenig dem Zufall überlässt, es gelingt ihr auch, ihre Liebe zur Literatur, die in jedem Wort spürbar ist, auf den Leser zu übertragen. Kreidls eigene Texte sind Hommage und Ausgangspunkt. Das Gelesene übersetzt sie in ihre eigene Sprache, so dass etwas völlig Neues entsteht, während im Hintergrund die Wucht der Literaturgeschichte spürbar bleibt. Die Schriftstellerin ist ohne die Leserin nicht denkbar. So große Namen zu evozieren, das muss man sich erst mal trauen, das kann leicht nach hinten losgehen und anmaßend wirken. Glücklicherweise weiß Kreidl sehr genau, was sie da tut: Fasziniert folgt man ihr auf ihrer Reise zu den Sätzen und weiß nicht, ob man weiterlesen oder lieber gleich nochmal zu Mayröckers Lyrik oder Aichingers „Spiegelgeschichte“ greifen soll, entscheidet sich aber für ersteres. Es lohnt sich: „Zitat, Zikade“ ist ein kleines Schmuckstück, ein Geheimtipp für Literaturliebhaber und ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann.


Zitat, Zikade Zu den Sätzen
Von Margret Kreidl
Edition Korrespondenzen 2017
144 S., geb.,
€ 20,–

Rose fährt Rennrad
Von Sela Miller
Müry Salzmann 2017
288 S., geb.,
€ 24,–

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