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Das Nesselhemd - 16/2017

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Sieben Raben und ein Nesselhemd

Elfriede Kern beschreibt In ihrem neuen Roman ein perfides Spiel von Macht und Abhängigkeit.

| Von Maria Renhardt

In einer Version des alten Volksmärchens von den „Sieben Raben“ näht eine junge Frau zusammengekauert in einem hohlen Baumstumpf ein Hemd aus Nesselgarn. Stumm und unermüdlich verrichtet sie ihre harte Arbeit, um ihre verzauberten Rabenbrüder zu erlösen. Zu diesem Märchen gibt es eine Bildfolge; sie stammt vom spätromantischen Maler Moritz von Schwind. Genau dieses Sujet greift die österreichische Autorin Elfriede Kern in ihrem neuen Roman auf und lässt es leitmotivisch zur Innenweltachse ihrer Protagonistin Meret werden.
Nach einer längeren Pause von fast 15 Jahren hat Kern nun wieder einen Roman herausgebracht. Dabei knüpft sie nahtlos an ihre frühere Schreibgeschichte an. Denn bereits in bisherigen Werken ist sie dem Abgründigen und Skurrilen, immer wieder menschlichen Beschädigungen oder – wie in ihren „Kopfstücken“ – Spielarten des Bösen auf der Spur. Kern ist eine präzise Handwerkerin und überlässt nichts dem Zufall; das trifft auch auf ihren jüngsten Roman „Das Nesselhemd“ zu.

Auf Reisen geschickt

Da sind Sam und Meret, die einander wohl zufällig gefunden haben. Sind sie bloß Bekannte oder in gewisser Weise doch irgendwie Freunde? Meret besitzt das Haus ihrer verstorbenen Eltern und lebt dort in relativer Abgeschiedenheit, bis Sam in ihr Leben tritt. Sam will bei ihr einziehen, hier wohnen, das Haus plötzlich in Besitz nehmen, und zwar ganz, ohne Meret. Er macht keinen Hehl aus diesem Gedanken, ja, spricht seinen Wunsch geradezu offen aus und will Meret auf Reisen schicken, weg von ihrem Haus, in die Fremde und Unbehaustheit. Sie brauche einen Tapetenwechsel und müsse endlich einmal etwas anderes ausprobieren. „Wenn du mal ein wenig länger wegbliebest, wäre uns allen geholfen.“ Sam tüftelt eine Route aus, nach außen hin ganz nach ihren Bedürfnissen, eigentlich jedoch muss Meret auf dieser Reise ihre Belastbarkeit unter Beweis stellen. Sie geht zu Fuß, mit wenig Gepäck und einer unlesbaren Karte ausgerüstet; so soll sie ihr Ziel auf abgeschiedenen Wegen möglichst ohne fremde Hilfe erreichen. Der Vertrag wird – ganz nach Art eines Teufelspakts – mit einem Tröpfchen Blut besiegelt.

Das Ziel nicht kennen

Obwohl Meret früher nie daran gedacht hat, ihr Haus zu verlassen, tut sie es dennoch und fügt sich ganz selbstverständlich diesem Plan, der ihr, das weiß sie bereits von Anfang an, nur Unannehmlichkeiten bringt. Selbstverständlich gehört dazu, dass sie auch das Ziel nicht kennt. „Möglichst weit vorankommen, dann aber, an einem äußersten Punkt, wieder umkehren und denselben Weg zurückverfolgen bis zum Ausgangspunkt, so lautet meine Vereinbarung mit Sam. Ich habe mir aber ausbedungen, dass ich bestimme, wann dieser äußerste Punkt erreicht sein wird.“ Mehrere Monate, ja am besten jahrelang sollte Meret unterwegs sein, um „alles zum Guten zu wenden“. Auch wenn die Situation für sie sehr schwierig wird, denkt sie nie daran, die Übereinkunft nicht einzuhalten. Die Verpflichtung, die sie Sam gegenüber fühlt, ist zu stark.
Erzähltechnisch bedient sich Elfriede Kern einer interessanten Strategie. Die Handlung wird retrospektiv auf zwei Ebenen aufgerollt. All das, was sich ereignet, wird zugleich akribisch auf einer Schreibfolie dokumentiert. Kern unterbricht die einzelnen Handlungsschritte permanent durch sogenannte formelhafte Verweise auf das Schreiben.
Denn Meret hat zwei Hefte, eines von Sam und eines von Alice, einer Frau, die ihr unterwegs begegnet und zur Freundin wird. In Sams Heft schreibt sie, was passieren könnte, in Alices, „was tatsächlich stattgefunden hat“. Merets Schreiben liefert den Subtext für eine mögliche Befreiung mit, weil sie in diesen Heften ihre Innenwelt reflektiert, Zwänge zu entlarven und sich ihrer schreibend zu entledigen versucht. Im Echogramm dieses unermüdlichen Aufzeichnens, das aufgrund der Druckstellen an den Fingern bereits an die Grenzen der Belastbarkeit geht, spiegelt sich die Aventiure der Protagonistin wider, die wie für Märchenhelden zur unendlichen Bewährungsprobe wird. Eine Schleife des Ewiggleichen, die sich formal in der durchgehend absatzlosen Struktur des Textes fortsetzt.
Dass Kern hier zahlreiche intertextuelle Bezüge anklingen lässt, macht sie bereits auf den ersten Seiten deutlich. Zitate aus Märchen und der Bibel oder anderen literarischen Texten, von denen manche sogar immer wieder auftauchen, durchziehen diesen Roman wie einen roten Faden; die Symbolkraft der Zahl Sieben entfaltet ihre Bedeutung auch für Meret.

Nachtseite des Menschen

Die Umstände der Protagonistin aber erinnern unweigerlich an die ausweglose Situation der Helden Kafkas. Oft bricht Surreales jäh in die Realität herein, das Ziel versinkt so plötzlich, wie es am Horizont geleuchtet hat. Da ein Rabenflügel, dort ein Stoßen und Drängen, so fest, dass sich die Nesseln unbarmherzig in Merets Haut drücken. Blindlings folgt man der fremdbestimmten Heldin, die sich geduldig dem Willen anderer beugt und sich dabei fast selbst aufzugeben scheint, ständig Sätze anderer wiederholt und memoriert und damit die fatale Machtkonstellation aufs Neue zementiert.
Es finden sich aber auch zahlreiche Motive aus der Schwarzen Romantik: etwa das Spiel mit dem Doppelgängertum, das schließlich zur Dualität der Identitäten ausfranst – gepaart mit der dunklen, undurchdringlichen Nachtseite des Menschen.
An diesem Roman ist nichts gewöhnlich. Wer trägt schon gern ein Nesselhemd? Kern zeigt in ihrem minutiös komponierten Text ein schaurig perfides Spiel von Manipulation und Unterdrückung, das in strukturierenden Wiederholungen scheinbar mühelos vorangetrieben wird. Die Beschwerlichkeit des Wegs, mit dem zunächst keine Erkenntnisfunktion verbunden ist, projiziert Kern auch auf die Ebene des Schreibens.
Eine gewisse Sprödheit und Widerständigkeit des Textes soll nicht über das hinwegtäuschen, was sich hier letztlich offenbart: eine entblößte Seele, die den Weg aus einem Labyrinth und die Freiheit, vielleicht aber auch das völlige Verschwinden sucht. Kern gelingt es meisterhaft, die bodenlose Atmosphäre der Beklemmung einzufangen. „Aber was ist dann?, wird er nach einer kleinen Pause fragen, einen dunklen Lappen aus seiner Tasche ziehen und ihn mir in die Hand drücken wollen. Das ist doch ein Stück von deinem Nesselhemd, wird er sagen und mich neugierig anschauen, oder erinnerst du dich daran auch nicht mehr?“


Das Nesselhemd
Roman von Elfriede Kern
Jung und Jung 2017
254 S., geb.,
€ 23,–
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