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Gott ist nicht schüchtern - 24/2017

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Flüchtende, nicht Flüchtlinge

Olga Grjasnowa setzt mit ihrem Roman „Gott ist nicht schüchtern“ dem Sprachduktus, der aus flüchtende Menschen Bedrohungen macht, individuelle Gesichter und Geschichten entgegen.


| Von Veronika Schuchter

Es sind nur vier angehängte Buchstaben, die das handelnde und fühlende Individuum in die Anonymität der Masse verbannen. Vier Buchstaben, l-i-n-g, die aus der Flucht den Flüchtling generieren und gleichzeitig einen emotionalen Sicherheitsabstand herstellen, einen vertikalen versteht sich. Wortklauberei könnte man jetzt sagen. Ja sicher. Hätte diese Nachsilbe nicht so einen pejorativen Beigeschmack. Ein Flüchtling ist nicht einfach nur eine Person, die flüchtet. Die Flucht scheint seine Existenz zu definieren, so als sei Flucht nicht etwas, das man tut, und das erzwungenermaßen, nicht freiwillig, sondern würde den Menschen in seinem Wesen beschreiben. „Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist in jedem Atemzug spürbar.“ Olga Grjasnowa setzt der Entmenschlichung, dem Sprachduktus, der flüchtende Menschen zu bedrohlich wirkenden Flüchtlingswellen- und strömen degradiert, individuelle Gesichter und Geschichten entgegen.

Verfolgt, verhaftet, gefoltert

Ihr Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ avancierte 2012 zum Überraschungserfolg bei Publikum und Kritik. Dass sie kein literarisches One-Hit-Wonder ist, stellte die 1984 in Aserbaidschan geborene und 1996 mit den Eltern nach Deutschland emigrierte Autorin 2014 mit ihrem Nachfolgeroman „Die juris-tische Unschärfe einer Ehe“ unter Beweis. Den darin verhandelten Themen der Migration und der Verfolgung bleibt sie auch in ihrem neuen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ treu, allerdings spitzt sie sie hier klimatisch zu, was wiederum als traurige Konsequenz der Entwicklung der vergangenen fünf Jahre zu lesen ist.
Erzählt werden die Geschichten von Amal und Hammoudi, die beide nach Ausbruch der syrischen Revolution zur Flucht aus ihrem Heimatland gezwungen sind. Amal ist eine junge, erfolgreiche Schauspielerin, die sich am Widerstand gegen das Assad-Regime beteiligt, verfolgt, verhaftet und gefoltert wird, und schließlich über den Libanon in die Türkei kommt, wo sie mit Hunderten anderen im Bauch eines maroden Schlepperbootes in Seenot gerät. Lose verknüpft mit ihrer Geschichte ist jene Hammoudis. Seit Jahren lebt der Arzt mit seiner Freundin Claire in Paris, bis ihm während eines Heimatbesuchs in Damaskus die Wiederausreise verboten wird. Beide flüchten unabhängig voneinander, beide schaffen es bis nach Berlin. Daneben treten noch eine Vielzahl anderer Figuren in Erscheinung, Amals Bruder Nidal etwa, der als Soldat mit den Abgründen der Täterschaft im Krieg konfrontiert wird. Grjasnowa schildert die Stationen der Flucht, die Angst, die Verzweiflung auf den Flüchtlingsbooten: „Zusammengepferchte Leiber, die sich berühren, Beine, die an andere Beine stoßen, Schultern, die sich aneinanderschmiegen.

Schlicht, ernsthaft, geradlinig

Es ist der Mittelstand, der flieht, die Armen bleiben in den Flüchtlingslagern zurück. Es sind Menschen, die sich mal mehr erhofft hatten vom Leben, als nur in ein sicheres Land zu kommen, die Ambitionen hatten und eine Zukunft. Es stellt sich die alte Frage, wie man Dinge beschreiben soll, die so grauenhaft sind, dass sie eigentlich außerhalb des Darstellbaren liegen. Wie kann man die Brutalität von Folter und Vergewaltigung, die unvorstellbaren Zustände in Syrien und auf der Flucht in Sprache übersetzen? Grjasnowa, selbst mit dem syrischen Theaterschauspieler Ayham Majid Agha verheiratet, entscheidet sich für eine schlichte, ernsthafte und geradlinige Prosa. Sie erzählt detailreich, in kurzen Sätzen, was den Text schnell und unmittelbar macht. Den trockenen Humor seiner Vorgängerromane sucht man indes vergeblich. Hier ist nichts mehr zum Lachen.
Grjasnowa spart auch nicht an Kritik an Europa: „Die illegale Einwanderung ist geregelt, wenn auch nicht von den europäischen Regierungen. Es gibt eine Hierarchie der Flüchtlinge.“ Während die Afghanen zum Beispiel penibel vorbereitet sind, wissen die Syrer nicht, wie ihnen geschieht, sie sind paralysiert von der irrsinnigen Gewalt, die ihr Land zerstört und sie plötzlich aus einem mittelständischen Leben in einen -perspektivenlosen Alptraum gerissen hat. Ganz unten in der Hierarchie der Flüchtlinge kommen die Zentral- und Nordafrikaner. „An der Art der Emigration kann man noch immer am besten den Zustand einer Gesellschaft ablesen“ – und zwar nicht nur des Ausgangs-, sondern auch des Ziellandes. „Gott ist nicht schüchtern“ ist engagierte Literatur im besten Sinne des Wortes. Grjasnowa porträtiert Menschen, die gezwungen sind zu flüchten, keine Flüchtlinge. Ihre Protagonisten haben Kontur und Charakter, sie sind keine Chiffren im Dienste des politischen Engagements, wie es so häufig in engagierten Texten passiert. Der nüchterne, fast dokumentarische Stil zwingt den Leser schonungslos zum Hinschauen. Dieses Buch tut weh, und das muss es auch.


Gott ist nicht schüchtern
Roman von Olga Grjasnowa

Aufbau Verlag 2017
309 S., geb.
€ 22,70
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