ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Aquarius - 23/2017

Herunterladen
„Die Demokratie Gerät ins wanken“

Kleber Mendonça Filhos „Aquarius“ ist eine grandiose filmische Parabel über das Brasilien von heute, das im Korruptionssumpf versunken ist.

| Von Alexandra Zawia

Als einer der ersten Filme zur Trump-Ära könnte gut Kleber Mendonça Filhos „Aquarius“ gelten. In seinem zweiten Spielfilm nach dem überaus gelungenen „Neighboring Sounds“ (2012) wehrt sich die renommierte 65-jährige Musikkritikerin Clara (großartig: Sônia Braga) gegen die Stadtplaner des brasilianischen Recife, die sie aus ihrer Wohnung im Gebäudekomplex Aquarius drängen wollen, um dort „attraktivere“ Bauvorhaben zu realisieren. Mendonças Beobachtungen alltäglichen Lebens in städtischen Umgebungen ergeben besonders in ihrer visuellen Komposition (Mendonça drehte im Breitbildformat) ein abgründiges Bild bestimmter Machtverhältnisse und eklatanter Gesellschaftsunterschiede. Besonderes Aufsehen erregte der Film in Cannes 2016 während der politischen Turbulenzen um die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff. Ganz klar ein künstlerisches Echo darauf, wie mittels Mobbing, Manipulation und Unterdrückung „Widerständige“ gegen ein System gefügig und mundtot gemacht werden, sieht Mendonça seinen Film dennoch nicht explizit politisch. „Aquarius“ ist auch eine dichte Erzählung über den Wert der Erinnerung und nicht zuletzt eine Hommage an die Kraft der Musik – und dieser bemerkenswerten Frau.

DIE FURCHE: Eine besondere Rolle kommt im Film einer Kommode zu, die in verschiedenen Lebensabschnitten der Hauptfigur immer wieder zu sehen ist.
Kleber Mendonça Filho: Wir sehen die Kommode in der Eröffnungssequenz, in der sie bei Clara eine schöne Erinnerung auslöst und auch Jahrzehnte später steht sie noch an derselben Stelle in Claras Appartment. Als kleines Element für die individuelle emotionale Beziehung, die Menschen zu Dingen aufbauen, weil sie sie mit prägenden Erinnerungen verknüpfen. In Brasilien wird die Vergangenheit andauernd verdrängt. Die zeitlichen Rückgriffe in diesem Film waren für mich auch eine Übung darin, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Ich weiß, dass ich die Zeitachse des Films sehr dehne, aber mir schien es wichtig für die Figur Clara, weil 
dies auch ein Film darüber ist, dass ein Menschenleben eben auch davon geformt wird, dass einfach Zeit vergeht.
DIE FURCHE: So sehr „Aquarius“ ein Porträt der faszinierenden Hauptfigur Clara ist, so ist der Film auch ein genauer Kommentar zu den gesellschaftspolitischen Problemen des Landes, das nach wie vor von Korruption und Nepotismus gelenkt ist, aber auch von Klassenspannungen, Rassenschranken und 
der damit einhergehenden Gentrifizierung.
Mendonça: In Brasilien war die Opposition 13 Jahre lang weg von der Macht. Sie haben in jeder Wahl in den letzten vier Jahren verloren. Aber sie sind verrückt nach Macht. Sie haben einen Weg gefunden, die Regierung zu sabotieren und Präsidentin Dilma Rousseff aus dem Amt zu drängen mit dem Vorwurf der Korruption. Die Leute, die so an die Macht gekommen sind, sind korrupt. Dokumente beweisen das. Die Demokratie, die wir in den letzten 30 Jahren nach der Militärdiktatur sehr vorsichtig aufgebaut haben, gerät so wieder ins Wanken. Rechte Ideologien werden immer stärker. Das ist erschreckend.
DIE FURCHE: Explizit politisch werden Sie mit „Aquarius“ dennoch nicht.
Mendonça: Ich thematisiere Dinge gerne, ohne sie direkt anzusprechen. Eine Diskussion muss sich aus einer Situation organisch entwickeln. Sie hat wenig Sinn, wenn man sie von außen draufsetzt. Ich denke dabei immer an zwei Leute, die sich in einer Bar unterhalten und miteinander ins Bett wollen. Sie reden zu keinem Zeitpunkt darüber, dass sie miteinander schlafen wollen, aber es ist klar, dass sie es tun werden. Man sieht es an ihren Gesten, an ihren Blicken, an ihren Bewegungen untereinander. Das spiegelt mein Konstrukt eines politischen Films. So ist Aquarius auch ein politischer Film. Aber es wird nicht über Politik diskutiert.
DIE FURCHE: Könnte man Clara – ohne politischen Unterton – als bockig bezeichnen?
Mendonça: Ich finde, Bockigkeit ist etwas, das wir bewahren und pflegen sollten. Dann bezieht man immerhin eine Position. Heutzutage werden viele Entscheidungen gleich als politisch interpretiert, auch wenn man das gar nicht so gemeint hat. Aktivismus ist wichtig, aber ich wollte, dass Clara eine praktische Aktivistin ist und keine politische. Das Wort Aktivismus taucht nicht einmal im Film auf. Wenn Clara jemanden trifft, würde sie sich so auch nicht vorstellen. Sie würde nicht sagen: „Hallo, ich bin Clara und Aktivistin.“ Nein. „Ich bin Clara und ich lebe hier.“ Das war eine der Ideen für den Film.


Aquarius
BR/F 2016. Regie: Kleber Mendonça Filho.
Mit Sônia Braga. Alphaville. 140 Min.
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2017, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung