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Beuys - 21/2017

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Der Charismatiker mit Filzhut

Endlich wurde dem Kunstpionier Joseph Beuys ein Denkmal im Kino 
gesetzt: eine meisterhafte Filmbiographie, die selbst ein Kunstwerk ist.


| Von Michael Kraßnitzer


Entgegen ihrem Ruf gibt es moderne Kunst, die sich dem Betrachter auch ohne erklärende Worte unmittelbar erschließt. Die Aktion „I like America and America likes Me“ des deutschen Künstlers Joseph Beuys, die 1975 in einer New Yorker Galerie stattfand und deren Titel nur als bitterste Ironie verstanden werden kann, ist solch ein Kunstwerk. Noch am Flughafen ließ sich Beuys in ein Filzlaken wickeln und wurde so an den Ausstellungsort transportiert. Dort verbrachte er mehrere Tage in einem Raum, in dem sich ansonsten nur ein Kojote und jeweils aktuelle Ausgaben des Wall Street Journals befanden. Filmaufnahmen zeigen, wie das Wildtier seine Notdurft auf den Zeitungen verrichtet und mit seinen Zähnen an dem Tuch zerrt, das der mit einem Spazierstock bewehrte Künstler als Umhang trägt. Am Ende wurde Beuys wieder in Filz verpackt, zum Flughafen zurückgebracht und trat, ohne von New York irgendetwas außer das Innere der Galerie gesehen zu haben, die Heimreise an.

Leitbild mehrerer Künstlergenerationen

Welch ebenso fundamentale wie luzide Absage an den zeitgenössischen Kunstbetrieb, an das kapitalistische Wirtschaftssystem, an den „American Way of Life“, an die USA, ja an die westliche Welt als Ganze! Aufnahmen dieser legendären Aktion sind in dem Dokumentarfilm „Beuys“ des deutschen Regisseurs Andres Veiel zu sehen, der ein filmisches Porträt des Jahrhundertkünstlers präsentiert. Der Streifen, der im Februar bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin uraufgeführt wurde, kommt nun in die österreichischen Kinos. Dass dem Charismatiker mit dem markanten Filzhut ein filmisches Denkmal gesetzt wird, war höchst an der Zeit. Er, der den traditionellen Kunstbegriff endgültig gesprengt hat („Jeder kann ein Künstler sein“), wurde – erklärtermaßen oder unausgesprochen – zum Leitbild mehrere Künstlergenerationen. In einer Zeit, wo in der bildenden und auch darstellenden Kunst vieles nur noch Performance ist, muss Beuys als eine der ganz großen und einflussreichen Figuren der jüngeren Kunstgeschichte verstanden werden.
Veiels Filmbiographie setzt fast ausschließlich auf Archivmaterial – Fotografien, Film- und Tonbandaufnahmen, TV- und Radiobeiträge – und lässt vor allem Beuys selbst zu Wort kommen. Der Regisseur erzählt, dass in einer ersten Fassung des Filmes die aktuellen Interviews mit Weggefährten viel mehr Raum einnahmen; ursprünglich vorgesehene aktuelle Aufnahmen von Beuys-Werken verschwanden überhaupt aus der Endfassung. Dadurch gelingt es dem Film, den damaligen Zeitgeist, die öffentliche Figur Beuys in ihrer unmittelbaren Wirkung und auch ein bisschen den Menschen Beuys einzufangen. Bisweilen ist es erstaunlich, wie wenig sich das Gesamtbild der historischen Aktionen von heutigen Performances unterscheidet – abgesehen einmal von Kleidung und Frisuren des Publikums und den allgegenwärtigen Zigaretten. Beuys mit seinem ikonischen Filzhut jedenfalls wirkt schon beinahe zeitlos.
Stilistisch ist der Film selbst ein Kunstwerk. Glücklicherweise aber nimmt er sich nicht wichtiger als sein Thema, sondern stellt sich in dessen Dienst – obwohl er sich chronologisch nicht entlang der Biographie entwickelt. Meisterhaft, wie Beuys’ Entwicklung vom Jüngling zum Luftwaffensoldat erzählt wird: Archivaufnahmen zeigen zunächst Kinder, die Modellflugzeuge steigen lassen, dann Jugendliche, die sich mit Segelgleitern in die Luft erheben und schließlich die Besatzung deutscher Jagdflugzeuge. Beuys war im Zweiten Weltkrieg Funker in einem Sturzkampfbomber und überlebte einen Absturz schwer verletzt. Großartig ist auch, wie Veiel und seine Cutter Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer durch kleine Details Appetit auf Themen machen, die erst später im Film ausführlicher abgehandelt werden. So erzählt Beuys, seine Eltern hätten sich stets gewünscht, er würde in der Fettfabrik seines Heimatorts Karriere machen – ein kleines Amuse-Gueule für seine Aufsehen erregenden Arbeiten mit dem für Kunst eher ungewöhnlichen Material Fett. Oder das wiederholte Aufblitzen des Eherings, das auf Bilder vorausweist, die den Familienmenschen und bodenständigen Privatmann Beuys zeigen: wunderbar etwa das Foto mit seiner Frau und den zwei Kindern, während sie gespannt eine Folge von „Raumschiff Enterprise“ verfolgen.

Hang zur Esoterik

Zu bemängeln gibt es höchstens zwei Dinge: Zum einen wird völlig ausgeblendet, dass der Künstler ein überzeugter Anhänger der Lehren Rudolf Steiners war und einen Hang zur völkischen Esoterik hatte. Zum anderen fehlen Episoden, die untrennbar mit dem Mythos Beuys verbunden sind: etwa dass eine von ihm künstlerisch umfunktionierte Kinderbadewanne bei einem Museumsfest irrtümlicherweise zum Spülen von Gläsern verwendet wurde, oder dass die berühmte Fettecke in der Düsseldorfer Kunstakademie von Reinigungskräften, die das Kunstwerk für Unrat hielten, entfernt wurde – ein Schicksal, das seither immer wieder einmal Werke der zeitgenössischen Kunst ereilt.


Beuys
D 2017. Regie: Andres Veiel. 

Mit Joseph Beuys, Caroline Tisdall.
Polyfilm. 
107 Min.
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