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Yemen Café - 20/2017

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Im Innersten tief erschüttert

Evelyn Schlag hat mit „Yemen Café“ einen Roman über den Krieg, die Liebe und das Leben geschrieben. Auf kunstvolle Weise verknüpft sie verschiedene Perspektiven zu einem polyphonen Bild des Jemen.

| Von Maria Renhardt

Großstadtlärm im jemenitischen Sana’a. Gebetsaufrufe durch Lautsprecher inmitten geschäftigen Treibens und dann plötzlich ein Anschlag. Der Jemen, ein umkämpftes Land, in dem Gewalt und Terror, Kontrollen und ständige Militärpräsenz zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Die österreichische Autorin Evelyn Schlag hat ihn zum Schauplatz ihres neuen Romans „Yemen Café“ gemacht. Ihm hat sie die Folie aktuellen Kriegsgeschehens eingeschrieben, feinsinnig verwoben mit einer fiktiven Handlung, die sie in der jemenitischen Hauptstadt angesiedelt hat. Fürwahr eine komplexe Thematik, die eine profunde Kenntnis lokaler politischer Konflikte und gründliche Recherchen über die Spannungsverhältnisse in der arabischen Welt voraussetzt.
Zentraler Handlungsort ist ein privates Krankenhaus für Regierungsbeamte und Ausländer, das von drei Ministerien finanziert und rund um die Uhr von zwei Soldaten des Innenministeriums bewacht wird. Zunächst scheint es noch eine Enklave der Normalität zu sein, bald stellt sich jedoch heraus, dass es indirekt zum Paradigma für das tägliche Leben mit dem Terror wird.

Politische und kulturelle Konflikte

Im Mittelpunkt dieses Romans steht der Arzt Jonathan Schmidt. Früher war er in Äthiopien im Einsatz, jetzt arbeitet er als Chirurg im „Schweizer Haus“ von Sana’a. Obgleich Jonathan weiß, dass die Lage rund um ihn herum gefährlich ist, lebt er dennoch in relativer Sicherheit, weil dieses Krankenhaus höchsten Schutz genießt. „Seit August war wieder Krieg mit den Huthi-Rebellen im Norden, bereits der sechste Sa’dah-Krieg. Im Dezember hatten amerikanische Bomber Luftanschläge auf das Gebiet der schiitischen Rebellen verübt, das von iranischen Klerikern unterwandert war. Lokalnachrichten, die Weltnachrichten waren.“
Das Leben mit explosiver Gefahr wird zur Herausforderung für alle. Auf kunstvolle Weise verknüpft Schlag verschiedene Perspektiven zu einem polyphonen Bild über ein Land, das in seinem Innersten tief erschüttert ist. Da ist zunächst Jonathan, der sich moralisch rechtfertigen muss, gerade in diesem Krankenhaus zu arbeiten, das privilegierten Ministerialbeamten offensteht. Bei ihm laufen die Fäden zusammen. Chirurgisch arbeitet er ausgezeichnet, doch privat ist alles fragil. Seine Liebe zu Delphine, mit der er damals auf der Geburtenstation in Äthiopien zusammengearbeitet hat, gibt es eigentlich nur mehr imaginär. Susanna, die Frau des gerade neu verpflichteten Arztes, weckt sein Interesse. Aber es liegt ihm fern, seinen Kollegen zu hintergehen. Irgendwann taucht Katie, eine NGO-Mitarbeiterin, auf, die seine Bindungsscheu erneut auf die Probe stellt. Beruflich setzt er sich ein, für alle, die seine Hilfe benötigen. Die indischen Krankenschwestern etwa warten schon seit drei Monaten auf die Auszahlung ihrer Gehälter. Eine von ihnen ist vor der Zwangsheirat hierher geflohen und in einer ebenso patriarchalen Gesellschaft einem neuen System von Abhängigkeiten ausgeliefert. An ihrem Beispiel macht Schlag deutlich, wie eng persönliche Verpflichtungen, schlechtes Gewissen und Unausweichlichkeit miteinander verknüpft sind.
Mitten hinein in die politischen und kulturellen Konflikte des Landes führt die Geschichte Hassans, der auf der Dialysestation des Krankenhauses arbeitet. Zuerst studiert er in Deutschland Medizin, währenddessen wird sein Bruder entführt. Aufgrund des innerlich verspürten familiären Drucks kehrt er zurück in seine Heimat, um seinen vermissten Bruder zu suchen. Seinen Verwandten ist es suspekt, dass er in einem Regierungskrankenhaus arbeitet. Außerdem hat der Aufenthalt in Deutschland Hassans Denken verändert. Als es ihm gelingt, nach einer sehr gefährlichen Fahrt seine Familie endlich wieder einmal zu sehen, merkt er, dass die Welt seines Vaters in vielen Bereichen nicht mehr mit der seinen korreliert: „Junge Mädchen sind heute anders als früher, sie sind keine Kinder mehr. Man kann die Welt nicht mehr vor ihnen verstecken. Sie müssen darin zurechtkommen. Es ist besser, man nimmt sie ernst, anstatt sie in einer alten, nicht mehr gültigen Welt in Sicherheit zu wiegen.“ Diese Belehrung im Hinblick auf die Erziehung seiner Schwester spiegelt die weltanschaulichen Gräben wider, denn der Vater interpretiert das Fazit seines Sohnes als mangelnden Respekt. Hassan ist außer einem Onkel der Einzige aus der Familie, der den Jemen je verlassen hat.

Stille, Misstrauen, Zorn

Schlag erzählt in diesem Roman von den Schwierigkeiten des Alltags in einem in sich selbst unvereinbaren Land zwischen tranceartiger Stille, allgegenwärtigem Misstrauen und kriegerischem Zorn. „Der Präsident war seit dreißig Jahren derselbe, gegen die Huthis ließ er Al-Qaida-Leute kämpfen. Die Amerikaner glaubten, sie unterstützten den Kampf gegen den Terror, dabei wurde mit dem Geld der Krieg im Norden finanziert.“ Daneben legt Schlag den persönlichen Kosmos ihrer Figuren frei, ihre Hoffnungen und Ängste, sodass nicht nur ein präzises Porträt über ein zerrissenes Land entsteht, sondern auch über die dort lebenden Menschen. Imaginäre Kommunikationen und E-Mails rollen indirekt Ausschnitte aus Jonathans Leben auf. Schlag gelingt mit eindringlichen, oft stakkatoartig aneinandergereihten kurzen Sätzen ein markantes Figurentableau, weil uns die Protagonisten in ihre Gefühls- und Gedankenwelt hineinziehen. Bald meint man, sie schon zu kennen, die Dinge mit ihnen wahrzunehmen, sogar die Schimäre ambivalenter Normalität, wenn mit Prosecco gefeiert wird – „auf einer riesigen Dachterrasse in einem beliebten Bombenviertel von Sana’a“.
Die DNA des Terrors und der politischen Konflikte ist undurchschaubar und evoziert immer wieder existenzielle, religiöse und ethische Fragen, die Schlag mühelos in den Plot integriert. Und dazwischen leuchtet – auf einer kleinen „Fahrt in die Berge hinauf“ – splitterhaft die verlorene Schönheit des Landes auf. Trotzdem wird hier nichts beschönigt. Denn der Jemen ist durch und durch gebeutelt von der Düsternis kriegerischen Schreckens. Das „Yemen Café“, ein punktuell aufblitzendes Leitmotiv, bleibt bis zum Schluss ein Sehnsuchtsmotiv. In New York.


Yemen Café
Roman von Evelyn Schlag
Zsolnay 2016
368 S., geb., € 24,07
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