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Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt r

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Viele Wunden – und viel Witz

Man kann zwar die Eheringe der Eltern eingipsen, aber nicht die ganze Familie, auf dass sie für immer zusammenbleibe. Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz für „Gips“.


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Von Brigitte Schwens-Harrant


Ein Schirmgespräch haben sie geführt, am zweiten Weihnachtstag, und ihren Kindern dabei erklärt, „dass sie sich trennen werden. Dass sie es zwar supertoll fanden, eine Familie zu sein, jetzt aber wirklich lieber wieder allein sein wollen. Pech für die Kinder, aber da kann man nix machen.“ Nun wechseln die Schwestern mit ihrer Hin-und-Her-Tasche entsprechend der Vereinbarung der Eltern von der Mama-Wohnung in die Papa-Wohnung und zurück. Glücklich macht das nicht.
Sie möchte nicht mehr Felicia genannt werden, teilt die Zwölfjährige daher ihren Eltern mit, sondern Fitz. Und richtig böse wird sie, als sie ihre Mutter sprechen hört, wie sehr sie sich auf die Zeit alleine freut. „MAMA SOLL STERBEN“, schreibt Fitz daher mit Permanentmarker in ihr Gesicht – und diesen Schriftzug trägt sie auch, als Vater und Schwester einen Unfall haben und ins Krankenhaus müssen. Dass Fitz mitkommen kann, ermöglicht eine Tigermaske, die ihr eine Nachbarin kurzerhand umschnallt und die den Schriftzug verbirgt.
Soweit die Ausgangssituation, und Anna Woltz erzählt im Folgenden einen einzigen Tag im Leben von Fitz, einen Tag, der im Krankenhaus spielt und zu neuen Begegnungen und Gefühlen führen wird.

Gegen billigen Trost

Dass Anna Woltz und mit ihr die Übersetzerin Andrea Kluitmann vergangenen Donnerstag in Wien mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ausgezeichnet wurden, verwundert nicht. „Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“ nimmt Schmerz und Wut ernst, und es bietet keinen billigen oder gar verlogenen Trost an. Für den sorgen eh zahlreiche Ratgeber, etwa jener, der am Küchentisch liegt, mit dem Titel „Glücklich verheiratet, glücklich getrennt“.
„Gips“ ist mit Witz und Wärme geschrieben, aus der Perspektive von Fitz, dem traurigen und vor allem wütenden Scheidungskind. Der Tag im Krankenhaus wird Fitz wichtige Begegnungen schenken, auch mit Verletzungen und Wunden, „die tief innen bluten, ohne dass jemand von ihnen weiß“. Fitz trifft auf Adam, der mit seinem frühgeborenen neuen Familienmitglied hadert, sie begegnet der herzkranken Primula, die nicht weiß, wie sie sich in der Welt der Gesunden zurechtfinden soll. Bedeutend hier wie da Herz, Liebe, Berührung, Gespräche, Menschlichkeit.
Das klingt ein bisschen nach Kitsch, und noch mehr klingt es nach Kitsch, wenn die Kinder erfolgreich versuchen, eine Schwes-ter mit einem Arzt zu verbandeln. Doch vor dem Kitsch bewahrt der Witz. Und der freche Blick eines ziemlich aufgeweckten Mädchens, das auch so Dinge bemerkt wie die Bilder im Krankenhaus, die verständlicherweise kein Museum haben will.
An Themen ist das Buch ebenso reich wie an Motiven und Symbolen. Es schneit so sehr, dass die Welt draußen von innen nicht mehr zu sehen ist. „Eine Schneekugel, nur anders herum“, heißt es. Ein schönes Bild für (Selbst)Wahrnehmung. Zum Glück findet Fitz am Ende des Tages aus ihrer Kugel heraus. Die Hin-und-Her-Tasche wiederum verweist nicht nur auf die Welt von Scheidungskindern, sondern auf eine unsicher gewordene Welt und damit auf ein Thema, das Jung und Alt umtreibt und für das diverse Erlösergestalten billige Lösungen anbieten wollen, die es abzuweisen gilt. Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Bücher für Kinder und Jugendliche nicht nur Kindern und Jugendlichen etwas zu sagen haben.
Auch das Thema Vergänglichkeit (nicht nur von Ehen) wird hier vielschichtig und glaubwürdig behandelt. Denn die Welt wird hier nicht wirklich repariert, es lässt sich für Fitz am Ende nur ganz gut in ihr leben, obwohl so viel vergänglich ist, vor allem die Ehe ihrer Eltern. Manchmal hat Vergänglichkeit sogar sein Gutes: Dass etwa der Schriftzug, ins Gesicht geschrieben mit Permanentmarker, nicht dauerhaft hält, ist für Fitz durchaus von Vorteil.
Angefangen bei ihrem Wutspruch im Gesicht – „MAMA SOLL STERBEN“ – über die auf eine Medikamentenschachtel geschriebene Bitte um Hilfe, mit der Primula Fitz in den Andachtsraum des Krankenhauses lockt, bis hin zu den in den Schnee gestapften Buchstaben, die sich nicht von mittendrin, sondern nur von oben, aus der Distanz lesen lassen, zeigt Woltz Notwendigkeit und Wirkmächtigkeit von Sprache. „Gips“ drischt dabei auch originell und witzig gegen die Es-wird-alles-gut- und Wir-sind-alle-glücklich-Phrasen, die Scheiternde und Trauernde bekanntlich oft nahezu überfluten.

Mit Witz und Wut

Witz und Wut, Atmosphäre und Sprachmelodie wurden von Andrea Kluitmann aus dem Niederländischen ebenso wirkmächtig übersetzt. Auch die Gespräche der Protagonisten – eine Neunjährige spricht anders als ein Fünfzehnjähriger und anders als ein Vater – gelingen lebendig. Der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz trägt dieser Leistung Rechnung: Das Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro wurde zwischen der Autorin (4.000 Euro) und der Übersetzerin (1.000 Euro) aufgeteilt. Fürs Lesevergnügen haben immerhin beide gesorgt.


Gips oder Wie ich an einem
einzigen Tag die Welt reparierte

Von Anna Woltz
Aus dem Niederländ.
von Andrea Kluitmann

Carlsen 2016,
174 S., geb., € 11,30
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