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Die Rückkehr - 19/2017

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„Mein Kopf weiß nicht, wie man sich beugt“

1990 wurde der Geschäftsmann und Diplomat Jaballa Matar entführt und an Gaddafi ausgeliefert, 2012 bricht der Schriftsteller Hisham Matar nach Libyen auf, um seinen Vater zu suchen, um vielleicht wenigstens Knochen zu finden „und ein Gebet zu singen“.

| Von Brigitte Schwens-Harrant


„Wär ich doch lieber der Sohn von einem glücklichen Manne, / den bei seiner Habe das ruhige Alter beschliche! / Aber der Unglückseligste aller sterblichen Menschen / ist, wie man sagt, mein Vater.“ Das spricht Telemach, doch die „Odyssee“ hat bleibende Bedeutung. Auch für den 1970 geborenen Schriftsteller Hisham Matar, der im März 2012 nach Libyen fliegt, um nach seinem Vater zu suchen, dem es ebenfalls nicht vergönnt war, dass ihn „bei seiner Habe das ruhige Alter beschlich“. 1990 wurde der Geschäftsmann und Diplomat vom ägyptischen Geheimdienst entführt und an Gaddafi ausgeliefert. Bis 1996 las die Familie durch geschmuggelte Briefe von ihm, dann wurde es still. 33 Jahre nachdem seine Familie Libyen verlassen hat, kehrt Hisham Matar in seine „Heimat“ zurück.
Sein Buch „Die Rückkehr“, für das der Autor mit dem diesjährigen Pulitzer-Preis in der Kategorie Bio-grafie oder Autobiografie ausgezeichnet worden ist, erzählt die zwei Jahrzehnte dauernde Suche nach dem Vater, vom anfänglichen Schock über die Wut bis hin zur öffentlichen Kampagne, die Matar während der Revolution 2011 betrieb und die zur Freilassung einiger Verwandter führte. Diese trifft er auf seiner Reise, sie berichten von Gefängnis, Verhören und Folter. Matar erlebt den Zustand eines Landes, in dem die Menschen bei helllichtem Tag nun hinter verschlossenen Fensterläden sitzen.
„Die Rückkehr“ thematisiert auch die Suche nach Heimat. Der Autor lebte seit seiner Kindheit an vielen Orten, in Nairobi, Kairo, Rom, London, Paris und New York, seine Romane „Im Land der Männer“ und „Geschichte eines Verschwindens“ greifen die Erfahrung des Exils auf. Soll man in die Heimat zurückkehren oder versuchen, ohne sie auszukommen? Auf diese quälende Frage weiß Matar keine Antwort. „Was du hinter dir zurücklässt, löst sich auf. Kehre zurück, und du siehst dich mit dem Verschwinden oder der Entstellung dessen konfrontiert, was du einmal geliebt hast.“ Diese Auffassung ist genauso richtig wie jene: „Verlasse deine Heimat nicht. Gehe, und die Verbindungen zu deinem Ursprung werden abgeschnitten. Du wirst zu einem toten Baum, hart und leer.“ Was also tun?

Geschichte Libyens

„Die Rückkehr“ erzählt bekannte und weniger bekannte libysche Geschichte des 20. Jahrhunderts, erinnert an die 80er-Jahre, als Regimegegner verfolgt und umgebracht wurden, und an das große Morden, das 1911 begann. Die italienischen Besatzer verschleppten „jeden sechsten Bewohner der libyschen Hauptstadt“, ein Viertel starb bei der Überfahrt, ein Großteil dann in Inselgefängnissen. Nach Mussolinis Machtübernahme „nahmen Zerstörung und Massaker ein ungeheures Ausmaß an. Dörfer wurden aus der Luft mit Bomben und Gas angegriffen. Das Land sollte entvölkert werden.“ Mussolini, so Matar, verantwortete in Libyen „einen Genozid“. Die Geschichte der Familie ist mit jener des Landes eng verknüpft, und Opfer verlangt noch die Revolution 2011. Als Revolutionäre schließlich die politischen Gefängnisse stürmen, um die Häftlinge zu befreien, finden sie Matars Vater nicht. Vielleicht ist er bereits beim Abu Salim-Massaker 1996 gestorben?
Auch von Mut und Widerstand berichtet „Die Rückkehr“. Der Vater, als Geschäftsmann vermögend, als Diplomat bestens geschult, förderte den militärischen Widerstand. Er trug stets eine Waffe bei sich, reiste ausschließlich mit falschen Dokumenten und ließ der Familie noch aus dem Gefängnis Abu Salim riskante Briefe zukommen: „Die Grausamkeit dieses Ortes übertrifft bei weitem alles, was wir über die Gefängnisfestung der Bastille gelesen haben. Alles ist von Grausamkeit durchsetzt, doch ich bin und bleibe stärker als ihre Unterdrückungstaktiken ... Mein Kopf weiß nicht, wie man sich beugt.“
Wie autoritäre Systeme Menschen zu brechen wissen, auch das erzählt „Die Rückkehr“. „Schmerz lässt das Herz schrumpfen. Das ist, glaube ich, Teil der Absicht. Du lässt einen Mann verschwinden, um ihn zum Verstummen zu bringen, aber auch, um das Denken der Hinterbliebenen zu verengen, ihre Seele zu verderben und ihre Phantasie einzuschränken.“ Damit ist „Die Rückkehr“ doch auch ein politisches Buch, das etwa Einblicke gibt in das „Einfluss generierende[s] Engagement“ zwischen Großbritannien unter Tony Blair und Gaddafi.
Nicht zuletzt ist „Die Rückkehr“ eine Liebeserklärung an die Welt der Literatur. Der Vater, eine „lebende Bibliothek“, rezitiert noch im Gefängnis Gedichte. Dass der eigene Bruder seine Stimme nicht erkennt, gehört zu den besonders ergreifenden Episoden dieses teils nüchtern und betont unpathetisch geschriebenen Buches.


Die Rückkehr
Auf der Suche nach meinem 

verlorenen Vater
Von Hisham Matar
Aus dem Engl. von
Werner Löcher-Lawrence.
Luchterhand 2017 
286 S.,
geb., € 20,60
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